Rezension: Big Jet Plane

Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho Schmitt ist der romantischste Held dieses Frühlings. Die junge Debütantin Annika Scheffel begeistert mit ihrem Liebes- und Spiegelmärchen “Ben“.

Ben hat nur eine Aufgabe zu erfüllen: “Rette die Prinzessin aus dem hohen Turm, in dem sie isset.“ Der Befehl kommt vom Phantasiekönig, dem Ben gegenübersteht, nachdem er durch seinen wunderbaren Badezimmerspiegel gefallen ist. Durch den Spiegel, in einem dunklen Wort, “Alice im Wunderland“ lässt grüßen und ähnlich phantastisch wie bei Lewis Caroll hetzt hier ebenfalls ein Suchender durch abertausend Welten. Auch eine Realität ist dabei und in der lebt Lea, die ihren Ben auf einer Verkehrsinsel findet: “Lea fährt Rad und sieht vor sich auf der Straße jemanden liegen. Sie wird langsamer, hält schließlich an, stützt sich mit einem Bein ab und beugt sich hinunter zu dem, der da liegt und den Kopf unter den großen Händen verbirgt. Lea fragt, ob sie helfen kann.“

“Der, den sein bester Freund: Ben nennt, liegt auf dem winzigen Grünstreifen, den man der Straße zum Schmuck ihrer Mitte gegönnt hat. Er liegt, wo er liegt, weil er weiß, was geschehen wird, aber nicht, was er dagegen tun kann. Es war angekündigt, es muss also geschehen. Er kann es nur aushalten, er sieht sie nicht an.“ Dreimal, so ist es prophezeit, darf er die Studentin daten. Beim vierten Treffen wird sie sterben, vom Tod in einen Stoffbeutel gesteckt, weshalb Ben alles unternimmt, um seine Liebe zu retten, ihr also nicht mehr zu nahe zu kommen. Flucht. Und brennende Hingabe. Die “I can‘t live with or without you“-Haltung in ihrer radikalen Form.

Die alles verschlingende Liebe, das zerstörende Sehnen, das so viele Liebende kennen, entwickelt sich hier ganz konkret zum Katastrophenszenario. Wie in den ersten Beziehungswochen, wenn alles zwischen Rennen und Bleiben, zwischen Verstehen und Verwirrt-Sein wechselt, stehen sich im Roman Stillstand und Erlösung, Phantasie und Realität gegenüber. Jedes Gefühl, jede Welt, jede Handlung, alles ist doppelt vorhanden. Auf der einen Ebene wird eine ganz gewöhnliche Geschichte erzählt, mit einem Helden, der zwar einen ellenlangen Namen mit sich rumträgt (von dem er in jedem Kapitel einen ablegen wird, bis er nur noch “Ho“ heisst), aber sich ansonsten dem normalen Slackerdasein hingibt. “Du kannst doch nicht zufrieden sein mit der Situation, wie sie jetzt ist“, nölt seine Mutter, “so ganz ohne Plan, ohne Ziel und mit dieser öden Arbeit.“

Auf der anderen Seite ist Lea, die wiederum einen Allerweltsnamen (wenn auch einen besonders schönen) trägt, dabei eine ganz normale, Fahrrad fahrende, Semesterarbeiten schreibende Studentin ist, die erst im Lauf des Romans zur Prinzessin stilisiert wird. Das sind die allerschönsten Romanzen, ob es um Tristan und Isolde oder um Edward Lewis und Vivian Ward (bei “Pretty Woman“) geht – wenn nicht irgendwelche Idealtypen zusammentreffen, sondern eine Liebe inszeniert wird, die wir uns auch zutrauen, die irgendetwas mit unserer eigenen, manchmal auch grauen, manchmal auch öden Welt zu tun hat. Das Gewöhnliche zum Besonderen machen – das schaffen nur ganz wenige Künstler(innen). Die 26-jährige Annika Scheffel aus Hannover ist so eine Künstlerin.

Sie studierte in Giessen und im norwegischen Bergen Theaterwissenschaft. Sie hat Preise gewonnen, ist als Performerin aufgetreten. Sie lebt in Berlin, “irgendwo zwischen Knast und Bellevue“. “Das isset eine ganz normale Welt, die einzige Welt, die es gebet. Jetzt. Bevor die Zeit begannet, verrückt zu spielen, gabet es zwei Welten. Heute isset alles verschmolzen, und was das für eine Welt isset, weiße ich auch noch nicht. Aber es isset die richtige, und wenn du auf eine richtigere wartest, isset das vergeblich“, sagt Ben irgendwann, als er Lea in der Spiegelrealität gegenübersteht und sie überreden will, mit ihm in einem Schutzturm zu wohnen. “Würdest du mich küssen? – Nein. – Lea lacht.“ Aber sie ist bereit, mit ihm die Phantasiewelt Annika Scheffels zu bewohnen. Und jetzt mal ehrlich: Wer dieses ungewöhnliche, tricky gestaltete, kein bisschen posh daherkommende Buch erfahren hat, der will das auch, mit drinleben. Dagegen hilft nur: Nochmal lesen.

Annika Scheffel: “Ben“, Kookbooks, 272 Seiten, 19,90 Euro

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