Voll auf die Zwölf

„Pferde stehle er nicht, er reite sie, sagte Engel und stieß Volker von sich weg. Allerdings nur Hengste, fügte er hinzu.“ Gunter Geltinger begeistert mit dem schwulen Debütroman „Mensch ENGEL“, einer Geschichte über Pferdebremsen, Studi-Stricher, Vaterhass und heißen Sex. 

„Doch Engel fiel. Mit zuckenden Augenlidern, zusammengebissenen Zähnen und der Hand auf dem erschrockenen Geschlecht stürzte er in den Spalt, der sich aufgetan hatte zwischen der Nacht und der Dunkelheit. Dort war Helle, aber kein Licht.“ Zum Zeitpunkt dieses Satzes ist der Debütroman von Gunther Geltinger gerade 16 Seiten jung und schon gibt es für den Leser voll einen auf die Zwölf. Da tapert der 19-jährige Mainfranke Leonard Engel durch sein verwirrendes Leben und vergisst dabei das Dichten nicht, er ist ein Geniebegnadeter, ein Rockstar-Typ, ein Lebenskünstler schlechthin. Engel kommt daher als empfindsames, weiches, aber vom Leben ziemlich hart rangenommenes Bürschchen rüber, das im Nach-Abitursommer tausend offenen Fragen gegenübersteht.

Ist er schwul, heterosexuell, Mensch, Tier, Männlein, Weiblein oder irgendwie dazwischen? Ist er vielleicht ein geschlechtloses Flügelwesen, das sich von heißem Männer-Sex mit einem schmucken Lover aufheizen lässt, während stechende Pferdebremsen blutsaugend auf den verschwitzten Teenieleibern schwirren? Engel fällt. Ein Spalt tut sich auf, doch es ist nicht der weibliche Ursprung allen Lebens, ist es der Spalt zwischen Nacht und Dunkelheit, es ist das Tor zur Hölle – oder zur Helle, zum Feuer aber ohne Hoffnung, ohne Licht. Allerdings: Auch so kann homosexuelles Liebesspiel beschrieben werden, was Geltinger da schreibt, das erinnert ja fast an Gottfried Benns „Untergrundbahn“ mit den legendären Erektionsversen: „Ein Rot schwärmt auf. Das große Blut steigt an. (…) laues Geblühe, fremde Feuchtigkeiten. (…) Oh, ein Gerüste – von Blütenkolben löste sanft sie ab und schwellte mit und schauerte und triefte.“

Zarten Gemütern wird das Rot jetzt in die Wangen schwärmen, doch wer diesen wahnsinnigen Debütroman durchleben will, der kommt am Eros nicht vorbei. Nur so viel: Eine Menge Blut pumpt durch verschiedene Schwell- und Schwulenkörper. „Mensch ENGEL“ zieht blank. Wer auf der Schöffling-Verlagshomepage surft und die dort eingestellte Inhaltsangabe liest, der wird glatt irregeführt. In schöner Vorher-Nachher-Ordnung steht da alles über Engel, die Hauptfigur. Engel schreibt, um sein Leben zu ordnen, „doch die erste Liebe zu seinem Freund Marius weicht schnell einer großen Leere und dem Gefühl, dass mit ihm etwas Grundsätzliches nicht stimmt.“

g-geltinger-engelÜber seine Flucht nach Wien steht etwas darin, über seinen Sprung in die Donau, über Engels Trip zur Schwester nach Südfrankreich. Und auch: „Erst in der Begegnung mit Boris findet die rastlose Suche ihr Ziel.“ Gunther Geltinger hat diesen leicht nachvollziehbaren Plot einmal in den großen Textshaker gekippt, eine Menge verwirrender Vokabeln hinzugefügt. Und er hat alles so lange geschüttelt, bis der Drink nicht mehr klar, sondern aufgeschäumt war und trübe abgefüllt werden konnte. Wer das Ding durchgelesen hat, der fühlt sich nach dem letzten Satz schlicht besoffen. Es ist zwar klar, dass hier ein leidender Jüngling versucht, mit Sprache, mit Literatur den Trauma-Berg abzuarbeiten. Aber die Geschichte muss langsam, Stück für Stück, Seite für Seite, selbst zusammengesetzt werden. „Mensch ENGEL“ ist komplex, schwierig, Kunst-Kunst, Trip und Tosen.

Engel sind Zwischenwesen: geschlechtlos, keine Menschen, keine Götter, sie verknallen sich weder in Frauen, noch in Männer, sie sind Lichtgestalten, und nur manchmal fallen sie. – Wie bei Gunther Geltinger. Sein Leonard ist ein personifizierter Gay-Dream. Geil. Irre. Todesmutig. Close to the edge. Kein Mensch. Über sein tatsächlich Geschlecht ist Leo unsicher. Der Junge musste als Knirps in der Dachkammer über seinem älteren Bruder wohnen. Nachts kroch er am Bett des sexuell aktiven Roberts vorbei, um in seine Schlafkammer zu gelangen. Unter Androhung schlimmster Prügel war es Leo untersagt, hinzulinsen, sich irgendwie bemerkbar zu machen.

Sex zwischen Junge und Mädchen: das war für ihn erstmal ein Tabu. Auch davon erzählt „Mensch ENGEL“. Wen wundert es, wenn dann einer nachdenkt, ob es besser ist, Jungs zu knutschen? Oder ist das zu einfach gedacht? Wer nickt jetzt, ohne Nachzudenken? Wird man deshalb schwul? Natürlich nicht! Das wird ja ständig behauptet, dass die sexuelle Orientierung irgendetwas mit Fehlentwicklungen zu tun hat. „Mensch ENGEL“ konfrontiert einen mit diesen Vorurteilen. Wie gesagt: Voll auf die Zwölf. Denn eigentlich geht es um tiefe Liebe, egal ob sie schwul oder hetero genannt werden will. Es geht um die große Verzweiflung, das große Leiden. Es geht um den tiefen Kummer, der entsteht, wenn etwas danebengeht. Es geht um das echte, wahre, schlimme (und ausnahmsweise schwule) Leben. Großer Text.

Gunther Geltinger: „Mensch Engel“, Schöffling, 272 Seiten, 19,90 Euro / Suhrkamp, 8,90 Euro

 

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