Gespräch: „Bücher sind Lebensmittel“

Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag spricht im Dlf über Literaturagenturen, intersektionalen Feminismus, Claus Kleber und welche Vorteile kleine Verlage gegenüber den „großen Tankern“ haben im Literatur-Ausblick aufs gerade begonnene Jahr 2022. (Copyright des Beitragsbildes: Nane Diehl)

Herr Sundermeier, bei Ihnen erschienen im vergangenen Jahr unter anderem Esther Beckers Debüt „Wie die Gorillas“, Fréderic Valins „Pflegeprotokolle“, zudem der Sammelband „Brotjobs und Literatur“ – womit wir abgedeckt haben: intersektionalen Feminismus, die medizinischen Herausforderungen in der Pandemie und die ökonomische Situation von Autorinnen und Autoren. Fangen wir an mit dem Geld: Wird wie Anfang Dezember vergangenen Jahres vermeldet möglicherweise 2022 die Umsatzsteuer für Bücher wegfallen, wer entscheidet und welche Auswirkungen hätte dies für die Konsumenten? Das wird natürlich unsere neue Bundesregierung entscheiden. Ich gehe davon aus, dass sich die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth dafür einsetzen wird. Es wäre natürlich eine schöne Sache, wenn es möglich gemacht würde, dass der Mehrwertsteuersatz auf die Bücher wegfällt. Das würde vor allen Dingen die Bücher noch mal in ihrer Wertigkeit heben, weil sie dann anerkannt sind; nicht als Luxusgut, sondern als Lebensmittel.

Viel wird derzeit über die ökonomische und arbeitsorganisatorische Situation von Autorinnen und Autoren gesprochen – schauen wir auf Phänomene wie Agenturwesen und Digitalisierung/Social Media – in welcher Weise werde sich 2022 möglicherweise bereits sich abzeichnende Entwicklungen weiter manifestieren? Brauchen Autoren eine Agenturvertretung, kann man überhaupt noch Autor oder Autorin sein ohne TikTok-Kanal, Spotify-Podcast und Instagram-Account? Ich glaube, es ist eine große Frage, ob man Agenturen braucht. Die Agenturen sagen: ja. Einige Verlage sagen: nein. Einige Autorinnen und Autoren, die bei Agenturen sind, sagen: doch, man braucht Agenturen. Einige, die es nicht sind, sagen wiederum: nein, man braucht sie nicht, ich kann das auch selber machen. Dabei stimmt wie immer alles. Sicherlich ist es so, dass sich ein größeres Selbstbewusstsein bei den Autorinnen und Autoren durchgesetzt hat, was ganz schön ist und die Verlage dementsprechend nicht mehr so einfach schalten und walten können. Genauso ist es mit den Social-Media-Auftritten. Es gibt einige Autorinnen und Autoren, die sind sehr, sehr bekannt und haben sich selbst bekannt gemacht via Instagram, via Facebook, via Twitter et cetera. Es gibt andere – nehmen wir beispielsweise den gar nicht unbekannten Dietmar Dath – die komplett in den Social-Media-Kanälen nicht vertreten sind,. Dass man für sich selber Aufmerksamkeit generieren muss, glaube ich schon. Ich glaube, dazu ist man aber generell im Kapitalismus gezwungen. Nicht umsonst gibt es auch so viele Plattformen für den Jobmarkt. Man muss sich immer wieder neu verkaufen. Und viele Autorinnen und Autoren machen das sehr öffentlich mit. Andere machen das hinter den Kulissen – aber dass man sich grundsätzlich verkaufen muss, ist leider wahr.

Die Traditionsverlage Schöffling und Jung & Jung wurden Ende des vergangenen Jahres gekauft von Daniel Kampa, der mit seinem Kampa-Verlag 2018 erfolgreich gestartet ist. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte Kampa am 21. Dezember, er sei überzeigt, dass kleine Verlage gegenüber den großen Tankern im Vorteil seien. Nun sind Sie, Herr Sundermeier, seit vielen Jahren nicht nur erfolgreich mit dem Verbrecher Verlag, sondern Sie engagieren sich auch in der Kurt Wolff Stiftung, die unabhängige Verlage fördert, zusammenbringt und so weiter. Werden wir 2022 verstärkt sehen, welche Vorteile kleine Verlage gegenüber großen haben – und worin könnten diese Vorteile liegen? Die kleinen Verlage sind wendiger; und das meinte der geschätzte Kollege Kampa wahrscheinlich. Sie können schneller auf Probleme reagieren, ebenso der unabhängige Buchhandel; dort kann man beispielsweise binnen weniger Tage einen Radfahrer-Service auf die Beine stellen. Dann beliefert man die Kunden im totalen Lockdown und hat teilweise noch unglaubliche Umsätze deutlich über 50 Prozent. Das können auch die kleineren Verlage. Was die kleineren Verlage auch immer besser können ist Sichtbarkeit herstellen. Dabei helfen auch die sozialen Medien. Die großen Verlage ebenso wie die großen Buchhäuser mussten in der Pandemie länger darüber nachdenken, wie sie jetzt mit der neuen Situation umgehen. Das hat vielleicht erwiesen, wo die größere Wendigkeit liegt. Andererseits ist es natürlich so, dass es ein größerer Verlag viel länger aushält, Verluste zu machen als ein kleiner Verlag. Das wiederum ist ein großer Vorteil der großen Häuser

Mit welchen Büchern werden Sie ganz persönlich in Ihrem Verlag 2022 diese Vorteile nutzen, wo werden Schwerpunkte liegen? Wir werden wieder auf allen Feldern arbeiten, und haben beispielsweise ein Buch, das heißt, „Die postkoloniale Stadt lesen“. Da sind wir dann schon sehr im intersektionalen Bereich tätig. Dann haben wir auch die Memoiren der heute schon über 90-jährigen schwedischen Künstlerin und Feministin Gunilla Palmstierna-Weiss, die hier in Deutschland leider bislang nur als die langjährige Gattin von Peter Weiss bekannt ist. Oder selbstverständlich den neuen Roman von Bettina Wilpert.

Wagen wir noch einen Blick in die Glaskugel – wird Ihrer Einschätzung nach die Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr stattfinden, werden wir uns sehen bei den Tagend der deutschsprachigen Literatur im österreichischen Klagenfurt, wird es physische Lesereisen geben – oder anders gefragt: in welcher Weise wird die Buchbranche weiterhin Corona-infiziert sein? Ganz ehrlich: Das weiß nur das Virus. Aber wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass es klappt mit der Leipziger Messe. Und mit weiteren literarischen Ereignissen. Wenn nicht, dann werden wir sehen. Wir haben in den vergangenen Jahren geübt.

Der wieder neue aufgelebte MÄRZ-Verlag legt in diesem Frühjahr nun auf das das durchaus sehr humorvolle „SCUM Manifest“ der Radikal-Feministin Valerie Solanas, das mit den Worten beginnt: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und abenteuerlustigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ Was kommt denn da auf uns zu, in diesem „Krieg der Bezeichnungen“; um Antje Ravic-Strubel zu zitieren, was erwartet uns 2022 in der Literaturszene möglicherweise, die derzeit hochpolitisiert, partiell geradezu verfeindet ist? Das ist eine interessante Frage. Ich bin immer ganz irritiert davon, wie hochgeredet das wird, und fand es ganz interessant, dass jüngst in seinen Abschiedsinterviews Claus Kleber festgestellt hat, dass er sehr dafür angegriffen wurde, dass er plötzlich auch begonnen hat, in der großen deutschen Nachrichtensendung zu gendern. Er hat aber immer gesagt: ich zwinge das niemand anderem auf, mir selbst erscheint es richtig. Das Interessante ist, dass die, die dann von Sprechverboten reden, die angeblich ein Herr Kleber ausübt, selbst offensichtlich für Sprechverbote sind, es nicht ertragen können, dass Herr Kleber das für sich macht, Herr Kleber wiederum aber noch nie – so betont er – von jemandem gefordert hat, etwas zu ändern. Das vielleicht als außerliterarisches Beispiel. Ich glaube nicht, dass in Romanen in nächster Zeit gegendert wird. Und wenn doch, ist es auch wunderbar. Ich glaube, dass weiterhin alle Formen des Geschlechtlichen vorkommen. Eine gewisse Wehrhaftigkeit kommt momentan allerdings immer von der Seite, die eine Form von Normalität betont, die eine Form von Normalität zurückhaben möchte, die er, glaube ich, nie gab. Da spielt ein bisschen herein, was die Feministinnen „normativen Wahn“ nennen. Ich glaube, das trifft hier auch zu.

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