Ein Apfel rastet aus, Piraten haben Angst vor Wasser, der genervte Mond verlässt die Erde und Katzen trinken Kaffee – in den schönsten Juli-Bilderbüchern.
Einst gab es Seepferdchen, Bronze, Silber, Gold und Totenkopf. Bundesjugendwettspiele wurden veranstaltet (gelten heute als ausgrenzend). 2026 wird jedes Kind prämiert: beim Seestern angefangen, über die Schildkröte (es geht um „die spielerische Wassergewöhnung“, schwimmen muss man dafür nicht). Es gibt Frosch, Robbe – und das Seeräuber-Badge. In Didier Lévys Bilderbuch strakst ein kleiner Junge mit Badeschwimmreif zum Piratenschiff „Drachennixe“, und fällt sofort auf, denn: „An Deck sind viele Muskelprotze. Sie lärmen und lachen.“ Der Junge möchte erfahren, ob auch Nichtschwimmer Piraten sein können, ob auch er mit der von der Partie sein darf, obwohl er Angst vorm Wasser hat. Es wird keineswegs erklärt, dass Piraten früher tatsächlich nicht schwimmen konnten – unter anderem deshalb, weil sie das Schicksal nicht herausfordern wollten. Die Muskelprotze belehren hochmütig, dass sie selbstverständlich schwimmen können, dass sie keine Angst vorm Wasser, dass sie vor gar nichts Angst haben. „Niemals. Deshalb sind wir ja Piraten.“

Doch die Mannschaft wird vom Kapitän ermahnt: „Wir brauchen die Angst vorm Meer! Schließlich ist es stärker als wir.“ Tatsächlich kann der Kapitän nicht schwimmen. Es kommt heraus, dass niemand aus seiner Mannschaft auch nur das Seepferchen bestehen würde. „Am nächsten Morgen treffen wir uns im Hallenbad. In ihren Badehosen und Schwimmkappen kaspern die Piraten in den Umkleiden und Duschen herum, aber jeder kann sehen, dass ihnen vor Angst die Knie schlottern.“ Sie werden binnen weniger Wochen das Schwimmen erlernen – von einer einfühlsamen Lehrerin angeleitet. „Ab ins Wasser, Piraten!“ ist augenzwinkerndes Bilderbuch über Fallen der Heteronormativität, den Mut des nur vermeintlich Schwächeren – und über die tausend guten Gründe, weshalb jedes Kind ein Piratenschiff braucht: „Lesen und Schreiben will ich den Piraten unbedingt auch noch beibringen. Und sie bringen mir Segeln bei, die Namen der Sterne … und die lustigsten Schimpfwörter!“ Didier Lévy (Text), Caroline Hüe (Illustration): „Ab ins Wasser, Piraten!“, aus dem Französischen von Maren Illinger, dtv, 32 Seiten, 15 Euro, ab 4 Jahre

Eine Parabel auf Midlife-Crisis und FOMO-Dating bringt David Duff (eigentlich David Fitzduff, ein Werbetexter aus Nordirland) mit „Erde nervt! und Mond haut ab“. Die beiden hatten Streit. Viereinhalb Milliarden gemeinsame Jahre waren zu viel. „Ehrlich gesagt, meinte ich genau das, was ich gesagt habe‘, sagt Mond. ‚Ehrlich gesagt meint ich auch genau, was ich gesagt habe‘, sagt Erde.“ Mond sucht im Sonnensystem nach einem neuen Partner, wenn ihm dies gelingt, wird das Leben leichter: „Ich will, dass jeden Tag Sommer ist.“ Unendlich wie die Weiten des Weltalls scheinen die Möglichkeiten, einen neuen Planeten aufzureißen. Doch mit jeder Begegnung wird der wandernde Mond nervöser, bis er in eine beklagenswerte Mutlosigkeit fällt. Was ist geschehen? Nun, Venus scheint perfekt zu sein, hat aber eine schädliche Atmosphäre. Merkur kreist so schnell, dass Mond ihn nicht einfangen kann, und der schöne Mars – Mond sieht es nicht gleich – hat bereits zwei Monde, Jupiter gar 95 an der Zahl. „Auf einmal fühlt Mond sich sehr weit weg von zu Hause.“ Noemi Vola, hierzulande 2025 bekanntgeworden mit ihrem kurzen naturkundlichen Quatsch-Traktat „Über das unglückliche Leben der Regenwürmer“ (Kunstmann) findet einen schon beleidigt wirkenden Stil, um diese Mondreise im Dating-Weltraum zu bebildern, mit desillusionierten Raupen, mürrischen Sternen und einem betrunkenen Uranus (der nach vergammelten Eiern und Fürzen stinkt). Ob es zur rettenden Versöhnung zwischen Erde und Mond kommen kann? David Duff (Text), Noemi Vola (Illustration): „Erde nervt! und Mond haut ab“, aus dem Englischen von Kristina Kreuzer, von Hacht, 44 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Mäuse, Spatzen, Eichhörnchen, Stubenfliegen und Sockenpuppen hat die Pariserin Claire Lebourg bereits zum Leben erweckt. Jetzt kommt sie mit einer wimmelnden Katzenschar, die in luftigen Aquarellbildern durch die – vermutlich ebenfalls Pariser – Großstadt stromert. Den Leserinnen und Lesern wird eine Aufgabe gestellt: sie sollen die 19 auf der ersten Seite abgebildeten Katzen entdecken, während sie zwischen ihren Artgenossen wuseln: mit ihnen im Café parlieren, ein geschäftiges Büro beleben, oder den schattigen Park aufsuchen (wie jene Pariser, die im Sommer 2026 ihre Wohnungen verlassen haben, während der über 24 Grad warmen Tropennächte auf den Wiesen lagen). Buchhandlungen, Teestube, Kino, Flohmarkt – kaum ein Lebensbereich ist diesem Wimmelbilderbuch fremd. Wir sehen trauernde Katzen bei einer Beerdigung, den Treffpunkt für Wohnungslose mit angeschlossenem Soziallebensmittelladen, einen Gemeinschaftsgarten, bis zwei romantisch Verliebte abschließend allein im Blau der Nacht sitzen und – wie so viele Katzen – die Sterne anhimmeln. Gewidmet: Katze Belette, die auf der letzten Seite als Foto gezeigt wird. Claire Lebourg: „Das Jahr der Katzen. Ein Wimmelbuch“, aus dem Französischen von Julia Schneider, Beltz & Gelberg, 56 Seiten, 18 Euro, ab 3 Jahre

Das größte Wunder dieses Buchs: Es lässt sich problemlos aus dem Englischen übersetzen: „Auf die Plätze, fertig – he! Gleich beginnt das ABC! Z… wie Zebra“ – das sogleich erschrocken ist, sein Smartphone zur Seite wirft und von seiner Liege hüpft: „Ich komm ja schon! Aber erst nach Xylophon. Hey, ich hab bis Yak noch Zeit! Warte, bin noch nicht so weit!“ Der US-amerikanische Illustrator Paul Friedrich präsentiert ein schönes Durcheinander. Sein Zebra ist verwirrt: „Warum fängt’s mit Zebra an? Ich bin erst am Ende dran. Welch verkehrtes Alphabet! Hör mal, wie es richtig geht: A wie Apfel, B wie … Bus. Z wie Zebra kommt zum Schluss!“ So geht es in verkehrter Reihenfolge alle Gegenständen, respektive Tiere ab – und kann von Glück sagen, dass sie sowohl auf Deutsch wie auf Englisch den gleichen Anfangsbuchstaben tragen: Violine und Ukulele, T wie Truthahn/turkey, S wie Schlange oder snake. Zebra und seine Freunde lassen sich vom Röntgengerät durchleuchten, fragen auch Quadrat wo A wie Apfel ist, flüchten vor der Mumie/mummy, landen selbst beim Dackel/dachshund: „Bist ein guter Hund, ich weiß. Iss den Rest von meinem Eis!“ Das Apfel-A kommt ganz zum Schluss: und wird den Ausraster (nochmal A) seines Lebens haben. Paul Friedrich: „Retten wir das ABC“, aus dem Englischen von Cornelia Boese, Baumhaus, 48 Seiten, 15 Euro, ab 5 Jahre
