Eine deutsche Gameshow verspricht ihren Teilnehmern den ultimativen Traumjob in Nele Jongelings Comic „Ich will nicht arbeiten“ – eine Bild-Parabel auf den neoliberalen Arbeitsmarktdiskurs. Oder ist es nicht so, wie von so vielen vermutet; dass Bürgergeld-Empfänger einfach mal richtig arbeiten sollten?

Man muss nicht bis zu Karl Marx zurückschauen, wenn das Wort „Arbeit“ fällt. Es reichen die 1980er Jahre. Damals wurde unsere noch heute existierende Sicht auf die Erwerbstätigkeit geprägt. „Don’t cry – work!“ stand auf der berühmt gewordenen Rückseite von Rainald Goetz‘ Punkroman „Irre“ aus dem Jahr 1983 – zu einer Zeit, als ein neuer Arbeitskult entstand. Hatte die unmittelbare Nachkriegsgeneration das Wirtschaftswunder auch deshalb bewältigt, weil sie die oft selbst begangenen Gräuel des Nationalsozialismus zu verdrängen suchte, verknüpften die 1980er Jahre Arbeit mit schillernden Status- und Konsumversprechen. Der ebenso ironische wie auch motivierende Song „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug landete 1982 auf Platz 1 der Single Charts.

„Ja, dann wird wieder in die Hände gespuckt / Wir steigern das Bruttosozialprodukt“ – Oliver Stones Kinoblockbuster „Wall Street“ trug 1987 den neoliberalen Satz „Gier ist gut“ in die Mitte der Gesellschaft und führte zum extrem nervigen Yuppie-Hype. Sogenannte „Young Urban Professional“ mit überdurchschnittlichem Einkommen durften fortan in keiner BMW- oder Hugo-Boss-Werbung fehlen. Jeff Koons‘ spiegelnde „Rabbit“-Skulptur wurde zum Sinnbild der schon damals narzisstischen Gegenwart. Die US-amerikanische Rockband Huey Lewis & The News lieferte den Soundtrack.

Gen-Z vs. Arbeitsmoral

In der Literatur folgte Bret Easton Ellis‘ mit seinem Yuppie-Horrorroman „American Psycho“. Es kam, wie es kommen musste: die Emporkömmlinge der arbeitsreligiösen 1980er zeugten die Gen-Z. Diese circa zwischen 1995 und 2012 Geborenen wendeten sich zwangsläufig gegen die Grundsätze ihre Eltern. „Ich will nicht arbeiten“, heißt passenderweise ein sehr gutes Buch der Illustratorin Nele Jongeling – Jahrgang 1996 – die „Graphic Storytelling“ an der Luca School of Arts in Brüssel studiert – und dort offensichtlich sehr viel gelernt hat.

Denn in ebenso fabelhafter wie graphisch konsequenter Manier stellt Jongeling ihre arbeitssuchende Hauptfigur Edith Feder vor, die seit ihrem Studium erfolglos Bewerbungen schreibt: „Es ist so, ich will ja arbeiten. Aber sobald ich mir Job-Ausschreibungen anschaue … Es ist mir peinlich, das zu sagen, aber … 40-Stunden-Woche. Teamwork. Verantwortung. Das überfordert mich einfach.“

Homo homini lupus

Die nur scheinbar faule, tatsächlich aber überforderte Edith Feder wird – um sich quasi selbst anzutreiben – Kandidatin in einer zynischen Gameshow, die Elemente von „Dschungelcamp“ und “Squid Game“ aufgreift, ein „Jeder gegen Jeden“, frei nach Thomas Hobbes‘ „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. In gleichfarbige Teampullover gesteckt müssen die „Auserwählten“ vor laufender Kamera demütigende Challenges absolvieren, also das ganze Disziplinierungstheater durchleiden, das viele Arbeitssuchende kennenlernen, wenn sie vom Jobcenter in „Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung“ gesteckt werden. Dort lernen die Teilnehmer Kindergartenzeug: wie funktioniert Meal Prepping, wie schaffe ich, pünktlich aufzustehen, ist ein Lichtwecker die Lösung meiner Motivationsprobleme?

„Wieso fühlt sich mein Leben immer wie ein Überleben an?“ Das fragt sich Heldin Edith Feder, und lässt sich gezwungenermaßen coachen, genauer: einreden, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. In zweifarbigen, himmelblau- und backsteinrot gehaltenen Zeichnungen werden die Bewerber vorm Laptop sitzend immer kleiner, sie schrumpfen, bis sie beinahe vom zuklappenden Bildschirm erschlagen werden. Job-Berater und Showregisseure wachsen hingegen zur Übergröße an – wie der Vater in Kafkas „Das Urteil“, der im Auge des mickrigen Sohns „noch immer ein Riese“ zu sein scheint.

Kafka im Arbeitsamt

In gleichsam kafkaesker Manier sehen sich die Figuren Nele Jongelings einer undurchschaubaren Bürokratie ausgesetzt, die ihnen nicht nur die Eigenständigkeit, sondern auch das menschliche Antlitz nimmt. Sie werden als tierähnliche Wesen dargestellt, haben spitze Katzen- oder hochstehende Hasenohren, zugleich – und dadurch wirken sie noch grotesker – menschliche Hände, mit Fingern und Daumen. Sie verdrehen sich, zerfließen wie Gegenstände in Gemälden Salvador Dalís, landen am tiefen Grund meterhoher Räume oder gleich in Excel-Tabellen. Man hofft unweigerlich, Edith Feder wehrte sich wenigstens gegen das durchschaubare Manöver einer Psychologin, die ihr attestiert:

„Sie wollen allen gefallen. Aber gefallen sich selbst nicht. Sie wollen endlich gut genug sein. Aber sie sind es nicht. Und Sie werden es niemals sein. Zumindest nicht für Sie selbst. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie sich das eingestehen.“ Die Demütigung der Arbeitskraft gehört zum Strategiereservoir unserer neonliberalen Gesellschaft. Dies ist die Quintessenz von Nele Jongelings Geschichte. Ihre Heldin Edith Feder versteht am Ende, dass sie den gesellschaftlichen Ansprüchen niemals genügen wird, dass dies jedoch kein Anlass für Depressionen ist. Sie erkennt: „Zu Versagen fühlt sich gar nicht so schlimm an, wie ich dachte“.

Während man also in Gedanken „Gut genug“ singt, den Sommerhit von Blumengarten, KitschKrieg und Shirin David – oder sich doomscrollend den Workplace-TikToks von Comedienne Peachy widmet, findet Edith Feder wenigstens eine Anstellung. Kein Traumjob, aber ein verlässlicher Garant für die nächsten Mietzinszahlungen. Diese höchstvergnügliche Parabel zur Senkung der Arbeitsmoral beruhigt so die Brotberufstätigen. „Ich will nicht arbeiten“ zeigt, dass nicht jeder für seine Tätigkeit brennen muss. Manchmal reicht ganz schlicht das alte Diktum des Punk-Schriftstellers Rainald Goetz: „Don’t cry. Work!“

Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“, Reprodukt, Berlin, 304 Seiten, 29 Euro

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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