Mit seinem neuen Lyrikband kehrt Ex-Hanser-Verleger Michael Krüger zurück ins Holzhaus am Starnberger See. Seine Gedichte sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden, in einer Zeit, die oszillierte zwischen der Lockdown-Ereignislosigkeit während Corona und dem barbarischen Überfall Russlands, der Europa in einen neuen Krieg gestürzt hat.
„Sage, wie lebst du? Ich lebe! und wären hundert und hundert Jahre zu geben, ich lebte sie alle mit Lust“, schrieb Goethe in den Venezianischen Epigrammen – und formulierte sein trotziges Vitalprinzip. 2021 schien sich nun Michael Krüger anzuschließen, als er bekannte: „Aber ich lebe noch. Wir haben uns in ein kleines Holzhaus im Umland zurückgezogen und beobachten aus der Distanz, wie sich die Welt verändert. Gemüse und Käse kaufen wir in einem Hofladen, in dessen Stall drei Schweine und zwölf Ziegen leben, mit denen mich inzwischen eine tiefe Freundschaft verbindet. Die Milch holen wir (mit dem Auto) in einem anderen Hofladen in einem anderen Dorf, wo der Esel Nepomuk und sein Sohn Xaver auf mich warten, denen ich gelegentlich meine Ansichten über die Welt in die weichen großen Ohren flüstere, was immer zu einem traurigen Kopfschütteln führt: Unfassbar, was die Menschen anstellen, um von der eigenen Sterblichkeit abzulenken.“
Diese Zeilen sind datiert auf die Mitte des Mais 2021. Sie stehen in einem Gastbeitrag, den Michael Krüger für die Süddeutsche Zeitung verfasst hat. Die Corona-Pandemie lähmte zu jener Zeit das weltweite Leben seit nunmehr 15 Monaten – und tötete hunderttausende Menschen. Dass weitere elf Monate später das imperiale Russland die vor über zwanzig Jahren unabhängig gewordene Ukraine überfallen würde, stand im schrecklichen Möglichkeitsraum. Seit 2014 hielt Russland die Halbinsel Krim zwischen Schwarzem und Asowschem Meer besetzt. Die baltischen Staaten, Polen und andere osteuropäische Länder mahnten und warnten vor weiteren Eskalationen.
Aber: ich lebe!
Michael Krüger (Jahrgang 1943) kämpfte zu jener Zeit gegen den Blutkrebs. Der legendäre Verleger des Hanser Verlags (1986 bis 2013), als Dichter ausgezeichnet mit mehreren Preisen (Peter Huchel, Breitbach usw.) – war im Ausnahmezustand. Er fürchtete sich. Krüger hatte sich aus Sorge vor einer möglicherweise tödlichen Corona-Ansteckung an den Starnberger See zurückgezogen. Er las Zeitungen erst, nachdem diese im Backofen bei 100 Grad von allen Bakterien befreit worden waren. Sein Leben hatte sich verlangsamt. Krüger ging spazieren, beobachtete die Natur, gab sich Erinnerungen hin – und schrieb weiter, im Sinne dieses Goethianischen Ausrufs gegen die unweigerliche Sterblichkeit: „Ich lebe!“ (Es war Martin Walser, der 1999 im SWR Forum spekulierte, Goethe habe eigentlich nur diesen Satz immer und immer wieder geschrieben: „Ich lebe!“)
Der Titel des neuen Bands bezieht sich auf die damalige Corona-Zeitdehnung, auf diese „Wiedereinführung der Sanduhr“, im Gegensatz zu jenen hektischeren, von Sekunde zu Sekunde springenden Tätigkeitsjahren vor dem Erlahmen. Die vier Abteilungen des Buchs tragen die Überschriften: „Im Pantheon der Spinnen“ (mit einem einzigen Langgedicht, dessen Titel „Das Holzhaus“ den Sprecherort markiert), daneben die zuvor teilweise in Kleinstauflagen publizierten Zyklen: „Flussaufwärts“, „Zwölf Gedichte“, „Als eine Minute noch aus sechzig Sekunden bestand“. „Im Pantheon der Spinnen“ erschien 2021 im Sieveking Verlag in München, mit Handzeichnungen von Karl Schleinkofer. „flussaufwärts“ 2023 im Verlag Kleinheinrich in Münster, mit Bildern von Christina von Bitter. Zwölf Gedichte, mit einem Beitrag von Raoul Schrott und einer Laudation von Alexander Wasner, 2024 im Verlag Ulrich Keicher in Warmbronn.)
Is There Anybody Out There?
Während Krüger alles unternahm, um nicht zu sterben, wurde seine literarische Mitwelt kleiner. „Philippe Jaccottet ist tot“ schreibt er am 25. Februar 2021: „Der Frühling soll jetzt nicht beginnen, / den roten Faden zu spinnen, / der zusammenhalten sollte, / was sonst keinen Frieden findet.“ Am 23.3. desselben Jahres: „vorgestern starb Adam Zagajewski“. Er beschließt sein Gedicht mit den wehmütigen Zeilen: „Was mir immer geholfen hat, sind deine Gedichte, Adam, / sie gehören dazu, durch sie kann man verstehen, / warum dieses Jahrhundert entgleist war und warum auch / das 21. nicht wieder in die Gleise kommt, nie mehr, / und nach deinem Tod schon gar nicht, das steht fest.“ (Weshalb eigentlich: nie wieder?)
Etliche Poeme sind irgendwem gewidmet, stiften Wahlverwandtschaften, wenn Krüger notiert: „9. März 2022 Für Karl Schlögel zum Geburtstag“, „Mai 2021 Für Marcel Beyer und Jacqueline Merz“, „Pfingsten 2021 Michael Donhauser hat geschrieben“ oder „20. März 2021 Frühlingsanfang. Mit Botho Strauß telefoniert“. Dem Literaturunkundigen erscheinen solche Hinweise möglicherweise eitel, verwandt mit „Danksagungen“ am Ende vieler Gegenwartsromane, die vor allem Belege für das edle Netzwerk eines Schriftstellers sind. Die ganz besonderen Querverweise, die Krüger im Lockdown notiert, sind ebenfalls, aber eine anders gelagerte Vergewisserung; dass er, der sich einsam fühlt, eben nicht verlassen ist. Es sind Ausrufe quasi im Sinn des berühmten Pink Floyd-Songs „Is There Anybody Out There?“
Ein Erweckungserlebnis
So evoziert „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ eine Stimmung, die an Erich Kästners dystopisches „Das letzte Kapitel“-Gedicht erinnert, in dem eine Weltregierung die Ausrottung der Menschheit beschließt: „Die Menschen krochen winselnd unter die Betten. / Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald. / Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten. / Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.“ – und Bomber am Ende „mit tausend toten Piloten“ ein letztes Mal unterm Himmel schwirren, bevor sie brennend ins Feld stürzen: „Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte. / Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human. / Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte / völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.“
Aus dieser Verlassenheit wendet sich Krüger nicht nur der Literatur, sondern auch der Religion zu, durchaus erschrocken wie einst Blaise Pascal in seinem als Feuertraum bezeichneten Erweckungserlebnis in der Nacht zum 23. November 1654: „Und wenn nicht alles täuscht, dann wüten Feuer / auf der Zunge und verbrennen Wort für Wort die Rede“, steht in einem der Krüger-Gedichte, „Wir, des Weltalls Inbegriff, gehen auf in Flammen“, bevor Pascal selbst angerufen wird im „zweiten Jahr des Krieges“, wenn sich der Dichter an jene Jugendjahre erinnert, als Drohnen noch mit der Tierwelt (und nicht mit russischen Verbrechen) verbunden waren, und: „Wir glaubten, wenn wir glaubten, / nicht Gott, sondern der Teufel sei tot. Im Hinterzimmer / durften wir, auf eigene Faust, Pascal lesen, bis wir selbst / nicht mehr wussten, wer wir waren. Es gab viel Hilfe, / aber keinen Trost.“
Gott in der Natur
In diese von der Religion beschützte Sphäre kehrt – jetzt aber tröstend – „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ zurück: „Die Kirche ist über Pfingsten geschlossen, / das hat uns die Pandemie eingebrockt, / aber wenn man das Ohr an die Pforte legt, / kann man den uralten Sturm hören, / der als Heiliger Geist die erste Ernte begleitet.“ Es ist durchaus anrührend, wie das existentiell ausgesetzte Subjekt, von den Institutionen verlassen, in der Enklave Beruhigung findet, Beruhigung sucht in einer pantheistisch gelesenen Natur, aber auch in fernmündlichen Begegnungen, in Erinnerungen und immer wieder: in der Literatur, niemals vergessend, dass zwar die Gegenwart trist und der Tod allgegenwärtig ist, doch jeden Morgen aufs Neue, wie zum Wunder, gilt: „Aber ich lebe noch.“
Michael Krüger: „Die Wiedereinführung der Sanduhr“, Suhrkamp, Berlin, 160 Seiten, 22 Euro / Hier geht es zum Lyrikgespräch mit Alexandru Bulucz und Beate Tröger (Fotocopyright)
