Sodom und Legenden

Flo von den Sportis legt im Brüder Grimm-Jahr 2012 einen fetten Märchenroman vor: „Grimms Erben“. Mit Walhütten, Urban Legends, Phantasiermaschinen und Magic Mushrooms.

Als Großvater Zacharias im Sommer 1996 seinen Enkel August allein in der walförmigen Behausung zurücklässt, als Florian Webers „Grimms Erben“ mal wieder melancholisch wird, muss man an die vielen verlassenen Märchenkinder denken: Rotkäppchen (allein mit Wolf), Hänsel und Gretel (allein mit Hexe), Rapunzel (allein im Turm), Aschenputtel (allein am Herd), Dornröschen (allein im Schlaf). In Märchen werden die Kinder von Jägern, Prinzen, Edelmännern gerettet. In Florian Werners Roman „Grimms Erben“ lässt sich August von Heldensagen, alten Mythen und Märchen retten – oder vielmehr: ablenken. „Auf dem Kopf trägt er ein geöffnetes Buch“. Im Märchen kommt man damit nicht ins Irrenhaus, sondern groß raus.

August wird in den Märchen, die er da auf seinem Kopf trägt, kaum seinen Großvater finden. Deshalb reist er fort, und macht sich auf die Suche nach seiner Familie und Familienvergangenheit (wie „Pipi Langstrumpf“), nach verschollenen Märchen aus der Zeit des Nationalsozialismus (Märchen und Diktatur, gern gesehen seit „Pans Labyrinth“), – und nach sich selbst. Auf diese Weise entsteht auf 400 Seiten eine verschachtelte Story, an der weitere Geschichten dranhängen, in der die Zeiten nach vorn und hinten wirbeln, bis man sich fühlt wie auf einem dieser um verschiedene Achsen drehenden Kirmeskarussells. Außerdem tauchen auf: der Räuber Hotzenplotz, Apatchenhäuptling Winnetou und ein „xanthippisches Hexenweib“.

Flo hat ein kunstvolles Werk hingelegt. Es geht weit hinter die Brüder Grimm zurück, die durchs deutsche Land wanderten, um alte Geschichten aufzuschreiben. „Marienkind“, „Schneewittchen“, „Frau Holle“ waren in sich abgeschlossen. „Grimms Erben“ funktioniert dagegen wie das wesentlich ältere „1001 Nacht“, das „Decamerone“ von Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert, oder auch die Novellensammlung „Die Unterhaltung deutscher Ausgewanderter“ von Goethe.

Es gibt eine Rahmen- und ganz viele Schachtelgeschichten. In „1001 Nacht“ erzählt die zum Tode verurteilte Jungfrau Scheherazade ihrem Henker jede Nacht eine Geschichte und endet stets an der spannendsten Stelle. Dieses „Cliffhanger“-Manöver wenden heute alle gängigen Serien an. Im Decamerone erzählen sich sieben vor der Pest geflohene Mädchen und drei junge Männer Geschichten, um sich abzulenken. Goethe hat sich damals von Bocaccio inspirieren lassen, tauschte nur die Pest gegen die französische Revolution. Andere trafen sich später zum Erzählen in „Wirtshaus im Spessart“, nämlich beim Romantiker Wilhelm Hauff.

Die Märchen, die Flo nun seinen Lesern erzählt, oder die sich die Figuren seines Romans erzählen, stammen nicht nur aus grauer Vorzeit. Schließlich gibt es auch moderne Märchen im Jahr 2012, die dann aber Urban Legend, Hoax (Scherz) oder Email-Rumors (Gerüchte) heissen. „Grimms Erben“ verwursten Wilhelm Busch genauso wie die angebliche Führer-Sex-Party von Formel1-Präsident Max Mosley, das „Rückwärtsland“ aus „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, moderne Werbemärchen, immer neue Stammtischmärchen, und natürlich die täglich kursierenden Amoklauf-Terrorpanik-Schauermärchen.

Wegen dieser ganz ganz vielen Verweise ist „Grimms Erben“ auf jeden Fall etwas für Geschichtenjäger- und sammler. Es ist aber auch unfassbar komisch, wenn der Held beispielsweise auf Vater und Sohn trifft, und sich nach dem so genannten „Brandtnerhof“ erkundigt, was dann exakt so vom „Bub“ beantwortet wird: „I bin da Gauner Hotzenplotz und hob in jeda Fotzn plotz.“Woraufhin er von seinem Vater eine schallende Ohrfeige kassiert, denn: „Wia hoasst des?“ – Der Bub, weder erschrocken ob des Schlages noch verwirrt antwortet artig. „Räuber. I bin da RÄUBER Hotzenplotz.“ – „Oiso“, brummt der Mann zufrieden.

So reiht sich „Grimms Erben“ vergnügt ein in den literarischen und popkulturellen Märchenhype. In Film und Serie begeisterten „Rapunzel, neu verföhnt“, „Merida“ und „Once Upon a Time“. Autoren liefern Märchenbücher ab, von Feridun Zaimoglu („hinterland“) bis Karen Duve („Grrimmm“) und Annika Scheffel („Ben“). Vielleicht werden Märchen bald genauso bestsellertauglich, wie zuletzt Vampire („Twilight“), Zauberlehrlinge („Harry Potter“), sowie alle Elben, Balrogs und Uruk-Hai aus Tolkiens „Herr der Ringe“. 200 Jahre ist es her, seit die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm erschienen sind. Florian Webers Erben schreiben eine große Story gelassen fort.

Florian Weber, Kai Büschl (Illustration), „Grimms Erben“, Walde + Graf, 500 S., 24,95 Euro

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