Die Inspiration kam von Thomas Manns „Die Buddenbrooks“. Einen Familienroman im Stil des Lübecker Nobelpreisträgers wollte Jonathan Franzen schreiben. Entstanden sind 2001 „Die Korrekturen“. Auch sie erzählen vom „Verfall einer Familie“. Ein Ausblick auf das Ende des American Dream.
Lange galt: Literatur interessiert sich eher für gescheiterte Existenzen, Hollywood-Filme hingegen für die großen Gewinner. Bereits „Citizen Kane“ erzählte 1941 eine Monumentalgeschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“, der weitere Aufstiegsfilme folgen sollten: vom Athletenstreifen „Chariots of Fire“ bis zum Facebook-Drama „The Social Network“, das Mark Zuckerberg als jüngsten Milliardär aller Zeiten porträtierte. Die Literatur liebt hingegen die Verlierertypen: Shakespeares „Hamlet“ stürzt in den Wahnsinn, bei Kafka tummeln sich die Opfer der Bürokratie und verwandeln sich in ungeheure Ungeziefer. Für diese literarisch überhöhten Looser interessierte sich auch der 1959 geborene Boomer-Autor Jonathan Franzen, als er „The Corrections“ schrieb.
„Ich denke, dass alle Autoren über das Scheitern schreiben – angefangen mit den griechischen Tragödien; geradezu Musterbeispiele des Schreibens über das Misslingen. Darüber zu schreiben, birgt in den USA einen enormen Reiz – denn unser Land ist erfolgsversessen. Man kommt ja in die Vereinigten Staaten, um sein Ding zu machen. Aber natürlich kann das nicht jedem gelingen. Wir haben eine Kultur, die auf dem Scheitern basiert, selbst bis zu dem Punkt, wo der amerikanische Traum eigentlich auch die Geschichte eines fehlgeschlagenen Traums ist.“
Franzen und die Buddenbrooks
Das sagt Jonathan Franzen, der bereits 2001 den National Book-Award für „Die Korrekturen“ erhielt, für seine Geschichte um eine amerikanische Familie, die im Mittleren Westen der USA lebt und zum Weihnachtsfest noch einmal zusammenkommen möchte. Auf beinahe 800 Seiten seziert dieses Epos die Dysfunktionalität privater Beziehungsgeflechte vor dem Hintergrund der erodierenden Vereinigten Staaten von Amerika der 1990er Jahre. Das Buch folgt einem großen deutschen Vorbild – schließlich ist Jonathan Franzen nicht nur einer der bekanntesten Romanautoren seines Landes, sondern auch studierter Germanist.
„I remember when I was a student in Munich – Lehmkuhl heißt vielleicht die Buchhandlung in München – the one, I remember… I remember seeing in the store window a new Edition of Buddenbrooks – and it had something about ‚der meistgelesene Familienroman‘ in the history of Germany and something about ‚mehr als 1 Millionen Exemplare – ja, verkaufte, exactly – in Print. And: I do remember thinking: yes, that’s a good model, that would be a good thing to do.“
Verbrechen und Depressionen
Während Thomas Mann in seinen „Buddenbrooks“ anhand des Verfalls einer Lübecker Kaufmannsfamilie das Abtreten des alten Bürgertums schilderte, konzentriert sich Franzens „Die Korrekturen“ exakt 100 Jahre später auf die gescheiterten Lebensentwürfen der Familie Lambert und ihren drei erwachsenen Kindern Chip, Gary und Denise. Patriarch Alfred, einst Ingenieur, ist an Parkinson erkrankt, ein Sinnbild der sterbenden USA, während der älteste Sohn Gary – ein Banker – in Depressionen versinkt. Tochter Denise verliert nach mehreren sexuellen Eskapaden ihre Anstellung als Restaurantchefin und Chip scheitert zuerst an seinem Drehbuchdebüt, bevor er sich auf kriminelle Machenschaften in Osteuropa einlässt.
„Bis vor kurzem und ohne groß darüber nachzudenken, hatte Chip geglaubt, man könne in Amerika erfolgreich sein, auch wenn man nicht viel Geld verdiente. Er war immer ein guter Schüler gewesen, und da sich schon früh gezeigt hatte, dass er für nahezu jede ökonomische Aktivität ungeeignet war (abgesehen vom Kaufen: Das konnte er gut), hatte er beschlossen, sein Leben den geistigen Dingen zu widmen.“
Das Porträt des Autors als Romanfigur, könnte man vermuten – und folgt den Unglückseligen, während sie am „American Dream“ scheitern, vergeblich auf eine positive Korrektur ihres Lebensweges oder wenigstens ihres Aktiendepots hoffend. Im süffigen Stil und erzählerisch von verblüffend schlichten Motiven getragen, inszeniert sich Franzen als Thomas Mann des beginnenden 21. Jahrhunderts. Er verwurstet die Probleme seiner Zeit zum gigantischen Roman-Hot Dog: Medikamentensucht und Ökokatastrophe, „War on Terror“ und Investmentkrisen, Mental Health und die Unmöglichkeit verbindlicher sozialer Beziehungen. Alles muss in diese Fleischmasse hinein. „Die Korrekturen“ will erkennbar eine Gegenwartsanalyse sein.
„Was ich so schrecklich finde, ist diese Pseudodemokratie. Die Leute dort tun, als wären sie alle gleich. Alles ist sehr nett. Nett, nett, nett. Aber die Leute sind nicht alle gleich. Ganz und gar nicht. Es gibt Klassenunterschiede, es gibt Rassenunterschiede, es gibt gewaltige – entscheidende – finanzielle Unterschiede, aber was das betrifft, ist niemand ehrlich. Alle spielen sie Theater! Ist Ihnen das mal aufgefallen?“
Little Fires Everywhere
In den Sozialen Medien unserer Zeit inszeniert sich jeder als Main Character seines Lebensfilms, der gern Blockbuster wäre, doch meist kruder Experimentalstreifen bleibt. Die Multi-Krise der Lamberts, die Franzen in „Die Korrekturen“ schildert, hat inzwischen jede Schicht der USA erfasst. Den wirklichen „American Dream“ leben allenfalls Multimilliardäre, die zur Marsmission ansetzen, statt sich den drängenden gesellschaftlichen Probleme ihres Landes zu stellen. Aus den Heilsversprechen der modernen Medizin entstand unter kapitalistischem Druck die Opioid-Krise mit über einer halben Million Toten seit 2017.
Diese Feuer glimmen bereits in Jonathan Franzens Abgesang auf das amerikanische Freiheits-Bürgertum des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor wenigen Wochen verkündete Streaminganbieter Netflix die überfällige Serienverfilmung, mit Meryl Streep in der Hauptrolle. Besonders die deutsche Leserschaft war fasziniert von Franzens Roman, wobei wohl auch die nie nachgelassene Zuneigung zu den „Buddenbrooks“, eine Rolle spielte. Ästhetisch und intellektuell reichten „Die Korrekturen“ an diesen Geniestreich nicht heran. Auch den Pulitzer-Preis gab es dafür nicht, obwohl mehr als 3 Millionen Exemplare verkauft wurden. Jubeln konnte Jonathan Franzen 2022 trotzdem. Da wurde ihm immerhin der Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck verliehen.
Jonathan Franzen: „Die Korrekturen“, aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell, Rowohlt, 784 Seiten, 18 Euro / Das Hörbuch: der Hörverlag, gelesen von Sascha Rotermund, 24:43 Stunden / Hier geht es zur Dlf-Reihe „10 Great American Novels)
