Kleine Mäuse wehren sich mit einem Pfeffersturm gegen die achtlosen Elefanten, ein Wurm ist in großer Gefahr, Herr Mandelmus geht zu Fuß und Bärlock Holmes ermittelt – in den schönsten Bilderbüchern des Junis.
Im Mittelalter malten europäische Künstler exotische Tiere nach Reiseberichten. So entstanden phantasievoll grün geschuppte Wale mit Hundeschnauze, Jacob van Maerlants Wolfsohren-Schnecke, das Krokodil mit dem Hyänenleib oder die Eule mit dem Menschengesicht. Es war ein weiter Weg bis zu Albrecht Dürers „Rhinocerus“ (1515) und Alexander von Humboldts / Aimé Bonplands „Beobachtungen aus der Zoologie und vergleichenden Anatomie auf der Reise nach den Tropenländern des neuen Kontinents“ (1806). Gegen diese Raffinesse (und die noch genauere Fotografie) stellten moderne Künstler ihre abstrakten Tier-Dekonstruktionen: Paul Klees „Schlummernde Katze“ (1939), „Grevys Zebra“ (1983) von Andy Warhol oder die berühmten Darstellungen von Picassos Dackel „Lump“ (1957).

Jetzt werden Elefanten verballhornt im spanischen Bilderbuch „Der Pfeffersturm“ von Illustratorin Marisa Morea. Die Tiere wirken wie Hybride aus geknotetem Luftballontier und Knetmassenunfall. Erzählt wird die ätiologische Legende des Spaniers Rafael Ordóñez. Wir erfahren, warum Elefanten Angst vor Mäusen haben. Einst war es umgekehrt. Mäuse fürchteten sich vor Elefanten, weil die fetten Viecher gedankenlos in den Himmel starrten. „Die Mäuse mussten sehr vorsichtig sein, denn die Elefanten schauten nicht, wohin sie liefen. Und auch nicht, wohin sie kackten! IGITT!“). Man kann dieses Buch als witzige Kapitalismusparabel lesen (die Elefanten als Superreiche). Nachdem eine Maus beinahe plattgetreten worden war, beginnt der Widerstand. „Noch in derselben Nacht versammelte sich die ganze Mäusewelt. ‚Die Elefanten sind richtige Rüpel!‘, rief ein junges Mäuschen. ‚Ja, große, langnasige Rüpel!‘, stimmten alle mit ein.“ Die Mäuse ersinnen eine List. Sie wehren sich, greifen die Rüssel ihrer so achtlos agierenden Widersacher an: mit dem titelgebenden Pfeffersturm. Dafür brauchen sie allerdings Hilfe von ihren Fledermausfreunden. Wird dieser Urwald-Terrorakt erfolgreich sein? Rafael Ordóñez (Text), Marisa Morea (Illustration): „Der Pfeffersturm“, Stefanie Malleier, Katapult, 44 Seiten, 16 Euro, ab 4 Jahre

„Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird“, schrieb der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant. Doch was ist, wenn man tatsächlich ein Wurm ist? „Hallo zusammen, ich begrüße euch zu diesem WAHNSINNIG SPANNENDEN Buch zum Thema GRÖSSE. AUFGEREGT? ALSO ICH SCHON!“, schreit dieses Performance-Buch seine Leserinnen und Leser auf der ersten Seite an. Vorgestellt werden Vogel Marcel (groß) und Wattwurm Steve mit der Fischermütze (klein). Bereits eine Doppelseite weiter ist Steve verschwunden. Vogel Marcel reibt sich den Schnabel mit einer Serviette ab: „Marcel? Hast du Steve etwa GEFRESSEN? DU HAST IHN GEFRESSEN, STIMMT’S? SCHÄM DICH, MARCEL.“ Glücklicherweise spuckt Marcel seinen leicht lädierten Kameraden noch einmal aus: „Na also. Das war doch gar nicht so schwer, oder?“ Dem Erzähler gelingt es dennoch nicht, groß und klein zu erklären. Immer wieder fehlt der Wurm – und am Ende: Marcel. Das ist Rage-Bait für die Allerkleinsten, das Weg-da-Spiel als Farce, begleitet von ironischen Illustrationen Kate Hindleys aus Bristol, die sich für einen dynamischen Strich entschieden hat. „Ich war’s nicht“ hätte selbst Immanuel Kant zum Lachen gebracht. Susannah Lloyd (Text), Kate Hindley (Illustration): „Ich war’s nicht“, aus dem Englischen von Maren Illinger, Beltz & Gelberg, 32 Seiten, 15 Euro ab 3 Jahre

Eigentlich gehen Herr Mandelmus und sein Dackel Julius: nie zu Fuß. „Zum Arzt, zur Bank, zum Rendezvous. Auch wenn der Dackel Gassi muss…“ Der österreichische Illustrator Michael Roher – in diesem Jahr ausgezeichnet mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis für „Das Buch der Anfänge“ – stellt in doppelseitigen Ölkreidebildern einen bequemen, offensichtlich alleinstehenden Herrn vor, der auf drei alte Weisheiten stößt: „Der Weg ist das Ziel.“ (Konfuzius) „Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem ersten Schritt. (Laozi) Und: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“ (Goethe). Die anaphorische Aussage dieses heiteren Gedichts verändert sich ab da wesentlich. Herr Mandelmus ruft: „Ich tu’s! Ich gehe heute mal zu Fuß.“ Er wird zum Flaneur, besucht den Zoo, schlendert am Kanal entlang („Der Ruderclub kommt in Kanus.“), genießt „im Park den Duft von Barbecues“, ist an diesem Tag endlich nicht allein, sondern erlebt stattdessen nahezu alles, was sich reimt auf: Mandelmus. Michael Rohen findet verblüffende Lösungen, wie in diesem Vers: „Bei CIRC S L NA fehlen Us“. Erkennen wir in den vorherigen Wiederholungen eine Art Grübeln des von Gott und der Welt Verlassenen, endet diese Versgeschichte mit der schönen Hoffnung, dass wenigstens für heute dieses Sprach-, also Gedankenkreisen gestoppt werden konnte. Der Reim wird durchbrochen, „so kehrt er heim und legt sich nieder… Was glaubst du? Geht er morgen wieder?“ Michael Rohen: „Zu Fuß“, Luftschacht, 112 Seiten, 24 Euro, ab 3 Jahre

Es gibt zahlreiche Kinderbuchabwandlungen, die sich mit Sir Arthur Conan Doyles Detektivgeschichten beschäftigen: von Eve Titus‘ „Basil of Baker Street“-Reihe aus den 50er- und 60er Jahren (verfilmt von Disney) bis zu Hannes Binders Graphic Novel „Sherlock Holmes: Das letzte Problem“ aus dem Jahr 2022. Unerreicht bleibt die Erwachsenenadaption „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. Krystyna Litten aus Yorkshire stellt Ivy und Bärlock Holmes in diese illustre Reihe mit „Fall 1: Die rätselhafte Blume“. Die kleine Ivy (Watson) und ihr Großvater Bärlock (einst ein berühmter Detektiv) ermitteln in Bärona. Eine nur alle hundert Jahre blühende Agave wird aus dem Botanischen Garten gestohlen. Schnell sind Verdächtige ausgemacht. Ivy und Bärlock besuchen die Inhaber von „Honig Dachs“, konfrontieren Maulwurf-Archäologin Dr. Myrthe Pickett („hält sich gern im Hinter- oder Untergrund“), und Imker Wilfried Hummel („Lieblingsessen ist Gelée royale“). Im Stil eines Point-and-Click Adventure müssen sie Beweise sichern, Labyrinthe durchqueren, Rätselreime lösen und die Tanzsprache der Bienen entschlüsseln. Ein munterer Spaß für kleine Detektive ab 5 Jahren – gelungener Auftakt einer größer angelegten Reihe. In England ist bereits Fall 2 erschienen: „Ivy and Bearlock: The Mystery of the Dinosaur Fossil“, für Januar 2027 wiederum angekündigt „The Secret of the Wild Weather“. Kristyna Litten: „Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“, aus dem Englischen von Eva Rojas, Oetinger, 80 Seiten, 13 Euro, ab 5 Jahre
