Der Ingeborg-Bachmann-Blog 2026

Die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur sind 24. Juni eröffnet worden – am Vorabend des 100. Geburtstages der großen Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973). Schriftstellerin Helga Schubert würdigte die „Malina“-Autorin in ihrer „Rede zur Literatur“ mit dem biblischen Vaterunser-Titel „Und führe uns nicht in Versuchung“, gemahnte, Ingeborg Bachmann nicht nur als biographisch interessante Figur zu erinnern: „Es ist ein Dickicht aus Umzügen, Drogen, zerschlagenem Porzellan, Übergriffen, DiorKleidern, vernichtetem Tagebuch des Geliebten und Zusammenbrüchen, durch das ich mich zum Werk durchkämpfen muss und das mich dann zu Demut und Respekt vor dieser außerordentlichen Dichterin führt (und mich auch selbst in meiner Neugier zügelt) – es gibt aber auch die Versuchung zum elitären Denken, dem ich nicht verfallen will: Ich  interessiere mich für ihre Gedichte – und Ihr alle interessiert Euch nur für ihren Liebeshunger.“

Der heuer letztmalig als  Jury-Vorsitzer wirkende Klaus Kastberger wiederum sprach vorm vollbesuchten ORF-Garten über eine wundersame Geldvermehrung („ein wahres Blutwunder der Verflüssigung“) – denn trotz leerer Kassen konnte das Entgelt für den Ingeborg-Bachmann-Preis erhöht werden von 25.000 auf 30.000 Euro. In dieser Hochstimmung kommen hier bei Instagram, auf Facebook und im „Lesen mit Links“-Blog bis Samstagnachmittag ad hoc-Kritiken nach jedem Auftritt, mit schnellgefassten Gedanken und den besten Jury-Statements. Es geht los am Donnerstagmorgen ab 10:00 Uhr mit Fiona Sironic, es folgen Kurt Prödel, Jovana Reisinger, Kinga Toth und Slata Roschal  am Freitag Lena Schätte, Ozan Zakariya Keskinkilic, Seraina Kobler, Magdalena Schrefel und Caroline Rosales. Den Abschluss bilden am Samstag Derya Uzun, Christoph Szalay, Wolfgang Popp, und Gesche Heumann. Wir sehen uns hier – und danach: am Wörthersee.

„Ihre anliegenden Pullover, darunter die Hemden mit über den Halsausschnitt gefalteten Kragen. bis in die 70er ist das die Kleidung, mit der man sich über die Schanzen in die Luft wirft. danach kommen die ersten Sprunganzüge. Stoff wird zum zentralen Teil des Sports. in den 90ern beginnen die Anzüge zu glänzen.“ Vom Stoff der Skisprunganzüge zum Stoff der Literatur, von der Vier-Schanzen-Tournee zum Bachmann-Bewerb: Nach der retraumatisierenden Ostwall-Begehung „DA STA“ (der Stein) mit der Natascha Gangl 2025 den Bachmannpreis gewann, wandert der 1987 in Graz geborene Christoph Szalay heuer entlang des toskanischen Monte Amiata: „er folgt einer Ahnung, als er die Straße über den Berg nimmt. Vereinzelt sieht er Häuseransammlungen am Weg, Rifugi, Rückzugsorte, Schutzorte. wie der Berg selbst. Amiata. Heimat bedeutet es, zurückgehend auf die Etrusker, wird ihm erzählt…“ Er, der sich nach dem Ursprung und seiner Heimat sehnt, ist auf der Such nach jener legendären Skisprungschanze, die 1938 errichtet worden war, lediglich ein Jahr existierte, bevor sie wieder abgebrochen wurde. Der Ich-Erzähler denkt an den (fiktiven?) Contorni Amleto „einer der geschicktesten und waghalsigsten Springer.“ Szalay ist Lyriker, er kennt vermutlich die Noriaki Kasai-Haikus des Norwegers Endre Ruset von 2017, war zudem einst selbst Profi-Skispringer im ÖSV-Kader. Geschickt verwebt er die Wettkampsituation des Leistungssports mit der Klagenfurter Bachmann- Performance: „die drei Phasen des Startvorgangs. Rot als Verweis auf eine gesperrte Schanze, als Countdown herunter gezählt. Gelb als Aufforderung am Balken Platz zu nehmen, als unmittelbare Vorbereitung. Grün zur Freigabe. ab hier zehn Sekunden Zeit, um loszulassen.“ Laura de Weck lobt zunächst die Diktion im Vortrag, erkennt den lyrischen Ton. „Das ist ein Text, wo ich sehr froh über den Bachmannwettbewerb bin“, sagt Mithu Sanyal, denn sie interessiert sich nicht fürs Skispringen – und lässt sich hier von der „Magie des Textes“ einfangen, von einer Geschichte, die selbst wie ein Skisprung aufgebaut ist: „Man gleitet vom einen Satz zum nächsten wie auf Skiern.“ Verdientes Lob für einen der besten Texte dieses Bewerbs.

„Seit ich denken kann, habe ich nie scharf gesehen.“ Nach Jovana Reisinger sammelt auch die 1998 in Berlin geborene, inzwischen in Bayreuth lebende Derya Urzun „Fragmente eines Suizids“ – so der Titel ihrer Geschichte, in der eine türkische Erzählerin von ihrer schizophrenen Mutter berichtet, und wie diese Mutter eine andere Frau absichtlich auf dem Zebrastreifen angefahren hat. Sie erzählt vom langen Band zwischen Tochter und Mutter, reiht sich damit in die Riege der vielen Muttergeschichten ein: von Daniela Dröschers „Lügen über meine Mutter“ bis zu Èdouard Louis‘ Mütterporträts „Die Freiheit einer Frau“ und „Monique bricht aus“. Uzuns Erzählerin ist angehende Literaturwissenschaftlerin, liiert mit einem Jurastudenten, sie will eine gute Studentin sein, um ihre psychisch kranke Mutter besser versorgen zu können (die Parentifzierung findet seit Kindestagen statt, ein Rollentausch) – wie bei Slata Roschal und Lena Schätte wird über Herkunft nachgedacht, über eine neuerliche Rückkehr nach… „Selbstmordversuche waren in meiner Familie ein beliebtes Stilmittel. Erfolgreiche Selbstmorde verstärkten die Wirkung. Ein Leitmotiv. Und obwohl sie oft vorkamen, nutzten sie sich nie ab. Immer wieder ein Finale mit Schock, Trauer, Kniefall – und lautem Schreien. Ach so, ein Akt. Ich verstehe.“ Uzun denkt nach über die arbiträren Zeichen psychischer Krankheiten, und wie sich die Androhung eines Endes für manche Individuen wie Freiheit anfühlt. Thomas Strässle findet den Text „erstaunlich abgerundet“ – dafür, dass es ein Fragment ist. Mithu Sanyal verrät, dass die Salzvergiftung eine ihrer „liebsten Todesarten“ ist. Wieder wird geputzt, erneut tauchen Flecken auf – darauf macht Klaus Kastberger aufmerksam. Er findet den besten Satz des ganzen Bewerbes: „Die Torte gab auf.“ Philipp Tingler kehrt zurück „zur Kühle von Mara Delius“. Er schätzt „mit Thomas Strässle“ den lakonischen Humor des Textes, der ihm dennoch „inkohärent“ gegenübersteht. „Ich finde manche Sachen – wie das Schachbrett – hineingestellt.“

Das „Schiff des Theseus“-Gleichnis fragt seit der Antike, bis wann etwas die gleiche Identität besitzt, obwohl mehr und mehr Teile ausgetauscht werden: eine Idee, die einst auf die Spitze getrieben wurde in Stanisław Lems „Czy pan istnieje, Mr. Johns?“. In einem Mens-Stripclub, wo es „nach Nebelkanone, Wodka-Redbull, Axe-Parfüm-Deodorant, Plastikstiefeln und Problemen mit den Abflüssen riecht“ hat die Heldin ihren Miet-Lover Kevin aufgerissen: „Ich bin verheiratet, ich habe Kinder. Du hast nicht einmal einen unbefristeten Mietvertrag.“ Sie bezahlt ihn nicht fürs Reden, sondern für oberflächliche Begegnungen, lernt diesen in der späten DDR geborenen Mann dennoch näher kennen: „Du bist Wendekind, Schlüsselkind und Einzelkind“. Sie erfährt, wie er aufgewachsenen ist mit den Existenzängsten seiner Eltern („Als du sechs Jahre alt bist, das hast du mir mal erzählt, als wir im Dunkeln auf deinem Bett lagen, da hast du Panik und Angst bekommen“), wie es anfing auf dem Chemnitzer Sportgymnasium („Eure Uniformen, die Trainingskleidung der Schule, sind rot-weiß“). Eine Geschichte über Drill, Selbstzucht, Manipulation – über den „female Gaze“ und – wie bei Slata Roschal – über Geldsorgen. Hier wird erzählt, wie ein Mann von großen Träumen geleitet, ins Sexarbeiter-Milieu abdriftet: „Du drehst Pornos, weil du an nichts und alles glaubst. Also ist alles und nichts bedeutungslos.“ So landet er bei der Erzählerin dieser zwar vom Sex berichtenden, doch höchst unerotischen Story, die trotz zahlreicher Scheinwerfer verdüstert ist. Caroline Rosales, 1982 in Bonn geboren, hat zuletzt für Aufsehen gesorgt mit der ARD-Doku-Reihe „Sexuell verfügbar“ (Gäste waren u.a. Laura Tonke, Lilo Wanders, Lady Bitch Ray und Ines Anioli). Als einen besonderen Beitrag über ein Phänomen, das uns fortan häufiger begegnen wird,  „die Sexarbeit von Männern für Frauen“ bezeichnet Laura de Weck die Geschichte.  „Es ist eigentlich auch ein Ringen innerhalb der Erzählinstanz, die sich nicht klarwerden kann über ihre Bedürftigkeit“, charakterisiert Philipp Tingler die Freierin und bescheinigt dem Text „Grandezza“ und bekennt: „I’m a Fan“ (ohne Ventilator ist man heuer in Klagenfurt aufgeschmissen).

„Kirschen, Herz mit Verband“ gibt es bei der 1984 geborenen Österreicherin Magdalena Schrefel. Sie eröffnet: „Ich weiß es, bevor ich es weiß. Ich weiß es, weil ich die Statistik kenne. Ich weiß es, weil ich eine Familiengeschichte habe.“ Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Die wie Schrefel 40-jährige (und grauhaarige) Ich-Erzählerin ist eine dieser Frauen: „Jede achte bin jetzt ich.“ Sie beobachtet, wie sie selbst zum Bild wird, „das alle von dieser Krankheit haben“, wie die Chemo ihren Körper, ihre Wahrnehmung, ihre Sprache verändert. „Die Sprache für Krebs besteht eigentliche nur aus Abkürzungen. Meine lauten: Mamma Ca.-re, BEOP, CTx, RTx, AHB, AHT.“ Verhörer und Verschreiber sind unausweichlich,  zeigen eine innere Unruhe: aus „Mamma-Ca. re“ wird „Mamma-Care“. Ein erschütternder Text über eine, die überlebt hat: „Das schwierigste aller Gespräche war das, in dem ich sage, dass ich Brustkrebs habe, und mein Gegenüber sagt, seine Mutter sei daran gestorben.“ Mithu Sanyal ist beeindruckt, fragt sich dennoch, weshalb die Figur ihr Schicksal so klar annimmt. „Kühl und sachlich“ nennt Mara Delius den Gestus, als eine Weiterführung von Susan Sontags „Krankheit als Metapher“. Peter Handkes „Wunschloses Unglück“ bringt Klaus Kastberger ins Spiel, freut sich über das fehlende Pathos und sieht die Ästhetik des Textes kumuliert in dem Satz: „Ich lerne in diesem Raum etwas über das Erzählen: Es geht nicht um die großen Worte, sondern um Klarheit, Beiläufigkeit und Witz…“ Er nennt die Geschichte „grandios“, erhält dafür Szenenapplaus.  Philipp Tingler hat „Schwierigkeiten mit den Ergriffenheiten“, ist wenig beeindruckt von der hier gezeigten „Gemeinschaft der Frauen“, und verwundert, dass keine Männer vorkämen (was nicht stimmt, denn: „als auch die dritte erzählt, dass ihr Vater es schlicht nicht mehr begreifen würde, notiere ich: Wir sprechen nur so über diese Erkrankung, wie wir andere dadurch zu schützen meinen.“ Dass bei Schrefel „durch Sprache ausprobiert“ wird, stellt Brigitte Schwens-Harrant fest, führt so zum erkenntnistheoretischen Nukleus dieser ungewöhnlichen K-Etüde. Laura de Weck schließ „mit Ekstase“, der sich Tingler entzieht.

„Vielleicht ist Erinnerung manchmal auch einfach nur ein Apfelbaum, der zur Unzeit blüht.“ Ins „Rifugio“ führt die 1982 in Locarno geborene Bestsellerautorin Seraina Kobler („Tal der Schwalben“) in eine buschige, ungezähmte Vegetation, aus der Utopie ins Reele, denn: „Das hier ist nicht irgendein Ort. Gespinste und Geister in jeder Ritze. Figuren im Bauch von Figuren. Sie stolzieren durch das Tal, auratische Schatten wie prächtige Schleppen hinter sich herziehend, in denen sich der Straßenstaub verfängt und liegengebliebene Ziegenköttel.“ Die Erzählerin kehrt nach Locarno zurück: „DIO MIO, QUANTO TEMPO E PASSATO? Die Wirtin ist erstaunt, vierzig Jahre. Ich möchte ihr antworten, doch es fehlt die Sprache. Wie fast jeden Morgen tauchen sie im Caffe auf: die Alten, Dorfleute und Touristen. Eine Aussteigerin mit blonden Rastazöpfen oder der pensionierte Berufsmilitär, ‚il colonnello‘, gierig saugt er draußen vor der Tür an seiner Zigarette.“ Sie erinnert ihren Vater, einen Schreiner, der 1980 ins Dorf gekommen ist. Sie, die inzwischen selbst eine Tochter hat, sucht nach ihrem Ursprung, reflektiert über Mutterschaft und „Schlaflöcher“ (sic!) – die veröffentlichte Biographie verrät, dass Kobler selbst fünffache Mutter ist, womit keine Autofiktion bewiesen ist. „Dieser Text lebt von einer assoziativen Art der Metaphysik, der ohne Ironie auskommt“; eröffnet Mara Delius. Dass er auch eine „Überschreibung der Menschheit im Holozän“, sei, merkt Thomas Strässle und nennt Max Frisch (der auf besondere Weise mit Ingeborg Bachmann verbunden ist). „Unter dem Strich“ ist ihm das alles „zu harmlos“, Bedeutung lediglich suggeriert. Klaus Kastberger erscheint die „Fallhöhe“ zwischen den beiden Geschichten zu groß. Die Landschaftsbeschreibungen seien klischiert. Er zitiert: „Im Sommer könnte man Spiegelei braten auf den Geländern.“ Dieser Text sei – anders als der von Keskinkilic – tatsächlich Biedermeier. Philosoph Tingler (der Kobler eingeladen hat) gefällt, dass hier die „materielle Gebundenheit“ von uns allen  in dieser Story „vom Geist überwunden wird. Er unterstellt Kastberger Bösartigkeit. Brigitte Schwens-Harrant deutlich: „Der Text fällt auseinander.“

„Junge Männer zu ficken ist keine Lösung.“ Ozan Zakariya Keskinkilic bleibt im Ton seines „Hundesohn“-Romandebüts und erzählt seine „Vater ohne Sohn“-Geschichte über einen melancholischen schwulen Mann zwischen Sinnkrise und Liebesglück interkulturell, religionsübergreifend, dirty, assoziationsgesättigt – sehr gut vorgetragen: dieser Mann kann alles schreiben. Sobald er vorliest, hat Keskinkilic das Publikum unweigerlich in seinem Bann. Der 46-jährige Erzähler kümmert sich nicht um seinen Kind, sondern begehrt stattdessen den viel zu jungen, Elijah, der ihm gefällt, weil er „weder Kafka noch Özlü noch Camus gelesen hat. Dass er bei Sisyphos an einen Club denkt. Man muss ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen“ – und das, obwohl die beste Freundin Azadeh frotzelnd zu bedenken gibt: „Als du Abitur gemacht hast, war Elijah nicht geboren (…) er pullerte sich im Kindergarten ein, während du deine Masterarbeit geschrieben hast. Er drückte sich Pickel auf dem Schulklo aus, und du hast deine Promotion verteidigt.“ Diese wilde Geschichte kommt mit einer Penis-Piñata, schwitzt beim Basketball, begehrt den Trainer und erlaubt sich eine Meditation über drei höchst unterschiedliche Arten des Liegens. Klaus Kastberger ist „schwer beeindruckt von dieser „erzählerischen Pracht“. Die poetische, immens kluge, ironische Erzählstimme sei mit „unendlich vielen Modalitäten“ ausgestattet. „Das ist ein Text, in dem immer zwei Texturen übereinander gelegt und verwoben sind – eine sexuelle und eine theologische, religiöse“, bemerkt Thomas Strässle: „Ich hoffe, ich bin der Komplexität dieses Textes gerecht geworden.“ – „Welche Komplexität?“ ruft Philipp Tingler rein. „Ich liebe es, das niemand Vera heißt, es gab bereits viele Veras hier“, sagt Mithu Sanyal. Der Text erscheint ihr „wie sehr viele Teppiche, die übereinanderliegen“ sagt Laura de Weck, ein Bild, das Brigitte Schwens-Harrant aufgreift, um ihre Kritik zu verdeutlichen, der „zu eng“. Als „Neuköllner Biedermeier“ bezeichnet Philipp Tingler diese seiner Ansicht nach triviale Geschichte, „das kommt im Betrieb sehr gut an, bei mir weniger.“ Der Autor ist heute ab 16:10 Uhr Gast im Deutschlandfunk-„Büchermarkt“.

„Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind.“ Dieser erste Satz der 1993 in Lüdenscheid geborenen Psychiatrie-Krankenschwester und 2025er-Überraschunsdebütantin Lena Schätte („Das Schwarz an den Händen meines Vaters“) stellt sich neben Ozempic-Optimierungstrends und Midjourney-Beauty-Fakes. Schättes empathischer Bericht „Was wir tragen“ erzählt von der dunklen Gegenseite des Schlankheitswahns, (Kate Moss: „Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt“). Schätte erzählt von der Schulfreundschaft zwischen der dicken Erzählerin und ihrer Freundin Else: wie sie ihre Pausenbrote verschämt auf den Toilettendeckeln sitzend essen, einen Bus später als die anderen nehmen, Mobbing trotzen („ich mache die Dickenwitze, bevor sie es tun“), wie sie nachts zum Fluss gehen, „wenn niemand sonst da ist“. Daheim wartet kein Schutz, sondern stattdessen die alleinerziehende, die prügelnde Mutter, die selbst erschöpft von den Nachtschichten an einer Tankstelle ist: „und ich verstehe früh, dass es eben so lange dauert, wie es dauert“. Lena Schätte wird immer besser. Man kann an die Ruhrpott-Romane Ralf Rothmanns denken: „Es ist alles ok, solange die Brust noch über den Bauch hinausragt, sagt mal ein Junge aus meiner Stufe zu mir. Und er küsst mich auf Klassenfahrt, als wir allein im leeren Speisesaal stehen. Es passiert nur das eine Mal, er drückt die Lippen fest auf meine, danach sprechen wir nicht mehr darüber.“ Ein angenehm unakademischer Realismus. Mara Delius ist beeindruckt vom lakonischen Ton dieser bildstarken, Brutalität literarisierenden Story, die sich gegen die „Dominanzgesellschaft“ (Mithu Sanyal) stellt. Laura de Weck spricht von „literarischen Superkräften“. Hier werde eine Hölle aufgerissen. Hinter jedem Wort stecke eine „existentielle Wucht“ konstatiert Thomas Strässle, der die Autorin eingeladen hat: „Jede Szene ist anschaulich und aufschlussreich.“ Philipp Tingler findet den Text „sehr gut“ und die Ausführungen Thomas Strässles „unterkomplex“ (gut, dass er noch im Lob provoziert) – denn bislang wurde nicht gesprochen über „die Ambivalenz des Opfers“.  Preiswürdig.

Sie nennen es Arbeit… In die Liste der langen Überschriften reiht sich die 1992 in St. Petersburg geborene Slata Roschal ein mit ihrer klassenkämpferischen Story „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“, die Ausschnitt des gleichnamigen, bald erscheinenden Claassen-Romans ist: eingeladen von Klaus Kastberger. Vorgestellt werden Figuren mit unterschiedlichen ökonomischen Möglichkeiten: die alleinerziehende Vera, Zimmermädchen Jana, der gut situierte Agente Erwin und die mittellose, russischstämmige Schriftstellerin Lea, die nicht mehr ans Aschenputtel-Märchen glaubt. Sie treffen zusammen im Literatur-Spa-Hotel, wo eine Schwimmbadbibliothek (mit 50 Büchern) eingerichtet ist und das Glas Zweigelt 13 Euro kostet. Diener und Bediente treffen aufeinander. Agent Erwin schreibt liegend E-Mails: „Das ist ein schöner Text, aber, ich bin ehrlich, kein Klagenfurt-Text, Ich-Texte mit autofiktionalen Markern sind ziemlich abgeschmiert. Und bitte streiche die Clowns und die bellenden Hunde.“ Eine sozial engagierte Geschichte, an dessen Ende – ganz nach Roland Barthes – ein Autor stirbt. Roschals Geschichte ist passgenau platziert zur schönen Nachricht, dass Elon Musk seit seinem Space X-Börsenlaunch nicht nur Billionär ist, und damit ungefähr so viel besitzt die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Eine gute Erinnerung, wie elitär die Literaturbranche immer noch ist, die Begüterten begünstigend. Im Börsenblatt gibt es aktuell eine Reihe mit Autorinnen und Autoren, die das Schreiben aufgegeben haben – zu finden unter der Überschrift: „Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?“ Wie zuvor in der Süddeutschen Zeitung angekündigt, verlässt Slata Roschal nach ihrem Vortrag das ORF-Studio. „Man spürt das Gepäck der Figuren“, sagt Laura de Weck und hätte gern auf „die vielen formalen Spielereien“ verzichtet: Zeitsprünge, Ortssprünge, die Faksimiles, die im Text abgedruckt sind. Philipp Tingler ist empört, dass die Autorin „den Diskurs“ verlassen hat, was Mithu Sanyal verteidigt. Sie bezeichnet die Bachmann-Veranstaltung als Mobbing gegenüber der eingeladenen Autorinnen und Autoren.

Das Verhältnis zwischen Österreich und Ungar (der einstigen „Donaumonarchie“) ist kompliziert, denn es sei „zwar jeder Ungar Österreicher, aber keineswegs jeder Österreicher Ungar“ (Lisa Eckhart). Auf die koloniale Vergangenheit Österreichs kommt Klaus Kastberger nach einem tollen Vortrag. „Zuerst dealten wir mit selbstgemachten Cremes, dann fiel uns davon das Gesicht ab. Wir bügelten das Festkleid glatt, sicher ist sicher, die Vergangenheit verlässt man mit Stil.“ Mit Aplomb eröffnet die 1983 in Ungarn geborene Klang-Poetin Kinga Tóth ihre „OstblockMädl“-Geschichte, führt mit Körpereinsatz, Mantraintonation, Free-Jazz-Vibes und Gesang ins „Kumanenland“, evoziert eine Transitzone, „wo Ostfrauen mit dankbarem Blick den dickbäuchigen österreichischen Männern mittleren Alters Kaffee kochen“, die ihnen wollüstig auf die Hintern klatschen: „aber passt lieber auf, dass wir euch kein Gift ins Getränk mischen wie die Tiszazuger Frauen, die ihren Männern die Suppe und den Kaffee vergifteten.“ Mütter backen in der Asche Fladenbrote, „backen die Vorfahren hinein, den Dialekt, den knackigen, klackernden Akzent, das ‚Jetzterstrecht‘“, während die OstblockMädl ihre westlichen Nachbarn abschließend fragen: „wie lange sollen wir für euch unsere Fake-Volksröcke shaken?“ Überwältigter Applaus! Mithu Sanyal und Thomas Strässle sind unisono beeindruckt. Mara Delius betont die „Sinnlichkeit“ des Textes, dieses ironisierenden „Klagegesang“ (Laura de Weck). Philipp Tingler: „Mir gefallen einige wenige Sachen … ich sitze hier und frage mich: hätte ich vielleicht Hedgefondsmanager werden sollen?“ Denn: „ich sehe nichts Neues!“  Bei Texten wie diesen sei man vor dreißig Jahren „rausgegangen, um einen Kaffee zu trinken.“ Interessant ist der Hinweis von Kastberger, dass österreichische Schriftsteller aufgrund ihrer Sprache zwar leicht in Deutschland reüssieren können, im größeren Raum, während es die ungarische Kollegen ungleich schwerer haben, obwohl sie Weltliteratur schreiben (der 2025er Nobelpreisträger László Krasznahorkai ist bekanntlich Ungar). Die Autorin bedankt sich abschließend für die Chance, hier vorzutragen, „im Namen aller ungarischen Autorinnen und Autoren.“

„Das hätte man sich auch sparen können“, notiert Maria in ihr Tagebuch: „Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich“ Sie antwortet noch dem Moderator im Radio, steht dann vom Frühstückstisch aus, stürzt sich vom Balkon. Die 1989 in München geborene Regisseurin Jovana Reisinger (2026 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet für ihren ersten Langspielfilm „Unterwegs im Namen der Kaiserin“) sucht nach den Ursachen dieses vermeintlichen Suizids – und liest ihren unterhaltsamen Text mit flirrend-ironischem Unterton. Er beginnt – und das ist gar nicht heiter – mit dem rätselhaften Ableben zunächst des Vaters. Schon folgen alle weiteren Verwandten, sodass erben zur „lukrativsten Einnahmequelle“ wird. „Jetzt war im Dorf endlich was los, was über Volksfest, den Sparverein, den neuen Pool des Bürgermeisters, die Affäre der Frau vom Autohaus und die Spielfreude des Bäckers hinausgeht.“ In dieses Dorf kehrt die Erbin zurück: „Marias Traum war es zwar nie gewesen, allein in einem Häuschen auf dem Land vom Erbe sämtlicher Angehöriger zu leben, aber, das können alle nachvollziehen, die sich mit dem eigenen Leben wirklich beschäftigen, Träume ändern sich zwangsläufig, wenn sie der Realität angepasst werden.“ Marie ist die einzige Überlebende, wird deshalb beäugt. Doch ihre Freude über das neue Leben „in Saus und Braus“ überwiegt. Oft wird beim Bachmann-Bewerb über „das Erbe“ gesprochen, über historische Lasten, transgenerationale Traumata, über die Bürde der Nachkommenden. „Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich“ geht lässig mit dieser Tradition um. Laura de Weck vermisst allerdings „die tiefere Bedeutung“. Mara Delius, die den Text ausgewählt hat, beschreibt die „Wolfgang Tillmanns-hafte Überblendung“ von Heimat. Klaus Kastberger warnt erneut vor Überinterpretation: „das ist Comedy!“, fühlt sich erinnert an Alec Guinness‘ Mehrfachrolle in „Adel verpflichtet“ (1949). Das literarische Gewicht scheint auch Brigitte Schwens-Harrant federleicht. Vortrag und Video findet Tingler besser als die Geschichte selbst, der „ein Problem mit der Ökonomie“ habe. Dennoch: ein Publikumspreiskandidat?

„Die Website ist weiß und makellos. Alles schimmert. Der Hintergrund, die Zwischenräume, die Menüleiste. Ich sehe Menschen in Kitteln, neben den Bildern stehen Versprechen: Wir nehmen uns Zeit.“ Wahl-Kölner Kurt Prödel führt mit „Portweinfleck“ in einen White Cube, erzählt von einem Feuermal, das im Gesicht des Erzählers (und des Autors) gar nicht stören würde – bis beleidigende Internetkommentare auftauchen („Sieht aus wie AIDS im Gesicht“). Fortan ist der Erzähler verunsichert. „Ich lernte, mich in Räumen so zu positionieren, dass der Blick an der linken Wange vorbeirutschte.“ Er besucht die makellos weiße Website einer ästhetischen Chirurgie, manipuliert bei Midjourney sein Angesicht, wird im Digitalen zur vermeintlich besseren Version seiner selbst. „Portweinfleck“ ist angesiedelt zwischen einer Realität/Fiktion-Differenz, zwischen medizinischer Selbstoptimierung, Insta-Selfiness und Schönheitswahn, eine empfindliche Haut zu Markte tragend. Diesen von Thomas Strässle eingeladene Text findet Philipp Tingler (anders als den vorherigen)  „gelungen“. Hier ginge es nicht um „Looksmaxing“, sondern um die Bewältigung eines echten Makels. Klaus Kastberger weist darauf hin, gerade sei schon der zweite „Flecken“-Text vorgelesen, der eine dringliche „Lebendigkeit“ erhalte und: „nicht autobiographisch zu lesen!“ sei. Der Fleck sei Trägermaterial für eine Befragung der Gesellschaft. Mithu Sanyal ist angefasst, „Portweinfleck“ sei ein „todtrauriger Text“, der ihr allerdings zu redundant erscheint. Sie „irritiert oder stört“, dass der Bart des Erzählers grauer ist, als es sein Alter vermuten ließe. Debattiert wird, ob hier weniger ein Beauty-Problem, sondern vielmehr eine Kommunikationsstörung vorliege. Der Erzähler führe „Krieg gegen seine eigenen Gedanken“, bemerkt Laura de Weck. Brigitte Schwens-Harrant ist das Gezeigte „too much“ – schon allein, weil der mit einem Imperium assoziierte Fleck rot sei, während wir 2026 in der Realität tatsächlich „ein rotes Imperium haben“ (das Russland von Wladimir Putin). Klaus Kastberger will den Text von Über-Interpretationen bewahren: „den Text muss man schon in dem Rahmen sehen, den er selber setzt“.

„Ein Unbehagen war schon da: Wir spürten etwas. Einen Pelz auf der Zunge. Das Zerren im Gesicht, bevor man zu weinen beginnt. Das Ziehen, das aus dem Magen in die Speiseröhre schießt, bevor man sich erbricht.“ Die 1995 in Neuss geborene Fiona Sironic – eingeladen von Laura de Weck – eröffnete mit „Mikrobieller Befall“: Eine Ich-Erzählerin berichtet von ihrer Freundschaft zu Vera, wie sie bereits als Schülerinnen gegenseitig die Haare tönten, sich die Kopfhaut verätzten, bis man die pigmentlosen Spitzen zupfen konnte „wie Zuckerwatte“. Unheil sickert hier in einen „Safe Space“. Später wohnen die Freundinnen in einer Wiener Substandardwohnung (wie Josephine Rieks, die Bachmann-Teilnehmerin von 2025), essen hefebasierte Pasten und rasieren sich gegenseitig die Kopfhaare, was nicht nur sparsam ist, „sondern auch die schwierige Auseinandersetzung mit einer draußen existenten Idee von vergeschlechtlichter Schönheit erspart“. Eine Frauenfreundschaft. Vera hört 8-Bit-Musik, entwickelt digitale Indie-Games mit geometrischen Figuren und Tunnel-Systemen (seit dem 7. Oktober ist man hellhörig). In der „Außenwelt“, in der Realität, hustet die Erzählerin immer häufiger. Sie bemerkt, dass ihr schützendes Haus von Flecken eingenommen wird, vom titelgebenden „mikrobakteriellen Befall“. Brigitte Schwens-Harrant attestiert dem Text, er sei „raffiniert gemacht“. Mithu Sanyal bemerkt, wie aus einer Alltagssituation immer neue Ebenen aufgefaltet werden. Sie fragt, ob hier auch „psychische Innenräume“ literarisiert werden. Eine nur anfangs freundliche Aufnahme. Klaus Kastberger, der sich schon daheim „manisch von Schimmelflecken verfolgt fühlt“, würdigt die Präzision des Sironic-Textes, gießt dennoch Wasser in den Wein. Der Schluss sei „nicht ganz überzeugend“. Philipp Tingler poltert: „ich könnte schon wieder nach Hause gehen. Ich finde den Text banal und langweilig.“ Er sieht lediglich „zwei Frauen, die von einem Hauswartungsproblem überfordert sind.“ Was Laura de Weck enorm findet, langweilt auch Mara Delius: „Wir sind ja nicht 1980 und das Internet ist gerade erfunden worden.“ Zum Weiterlesen: „Flecken“ von Ilse Aichinger.

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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