Mit seinem Clubroman „Party People“ war Stefan Sommer Finalist beim ersten Popliteraturpreis 2026. Gewonnen hat er ihn nicht, doch lohnt ein Blick ins Innen- und Außenleben des hier vorgestellten Electro-DJs, der einsehen muss: Der Peak der Party ist überschritten. Das gilt gleichsam fürs popliterarische Verfahren.
„God is a DJ“ proklamierten die Electro-Punks von Faithless 1998. Es mag stimmen: Nachts sind DJs Götter. Doch nach dem letzten Track stürzen einige ab. Medizinische Studien bestätigen, dass Euphorie und Depression in der Clubkultur eng beieinanderliegen. Sehr poetisch war dieser Zusammenhang dann in „Berlin Calling“ – dem Kinofilm mit Paul Kalbrenner in der Hauptrolle. Er spielte 2008 einen DJ mit dem symbolischen Künstlernamen „Ickarus“ (sic!), der irgendwann in der Psychiatrie landete: „‘Wie geht es Ihnen? – ‚Ah, schräge Abfahrt gestern‘ – ‚Wie meinen Sie das?‘ – ‚Na, normales Ecstasy war das nich. Böse Pillen waren datt.‘“
Paul Kalkbrenner als Electro-DJ „Ickarus“, wankend zwischen Depressionen, Manie und Psychose. Im echten Leben haben Kollegen wie Deadmau5 oder Armin van Buuren offen über ihre psychischen Probleme gesprochen. Als sich 2018 der schwedische DJ und Producer Avicii im Alter von gerade mal 28 Jahren suizidierte, war die Partyöffentlichkeit geschockt. Eine wenige Monate zuvor veröffentlichte BBC-Doku hatte gezeigt, wie Avicii permanent über seine Kraft gegangen war, von Gig zu Gig getrieben – oft erschöpft, depressiv, auch körperlich krank.
Umbrella Guy‘ sind im Vertrag als Mandatory
Von den psychischen Kosten einer DJ-Existenz berichtet ganz ähnlich wie diese Avicii-Doku Stefan Sommers zweiter Roman „Party People“. Vorgestellt wird ein schwuler Ich-Erzähler, der sich als weltweit gebuchter Performer immer exzentrischer geriert, der allerdings kein Korrektiv mehr hat. Wie selbstverständlich steht der DJ zu Beginn mit freiem Oberkörper im französischen Schneegriesel. Sein Auftritt soll gleich beginnen. Zwei Bedienstete stehen mit Regenschirm und Heizstrahler an seiner Seite: „Ein ‚environmentally-friendly heater‘ und ein ‚umbrella guy‘ sind im Vertrag als ‚mandatory‘ fixiert. Der Sponsor, ein Tech-Konzern aus Palo Alto, der das Event für den Launch eines autonomen E-SUV im Premiumsegment finanziert, hatte diesbezüglich keine Nachfragen.“
Welch‘ peinliche Pose, die nichts zu tun hat mit dem intellektuellen House-Gestus eines Westbam oder Rainald Goetz. Die beiden poetisierten das Nachtleben, und berichteten klug aus der „Raving Society“. Stefan Sommers Oberflächenroman „Party People“ zeigt dem entgegengesetzt einen hedonistischen, gedankenarmen Typ.
Dilemma des Erwachsenenlebens
Der Ich-Erzähler lässt sich von Milliardären für exklusive Partys buchen. Er spielt für den Emir am Privatstrand des Four Seasons in Dubai oder reist am Geburtstag eines Tech-Bros nach Mexiko, um in der ehemaligen Stadtvilla von Pablo Escobar aufzulegen. Auf dieser Ebene findet wenig Plot und Entwicklung statt. Im Club ist der DJ eher Reporter seiner Begegnungen. Er lenkt sich ab und trifft Schauspielerinnen, die eine woke Version von Richard Wagner performen, und Fitness-Influencer mit einstelligem Körperfettanteil. Er ist umgeben von schrägen Charakteren und selbstverliebten Nepo-Babys, die vom Reichtum ihrer Eltern leben. Gäste wie jener „heterosexueller Hüne“, der mit Hornbrille verzweifelt dem Berliner Kulturmilieu zugerechnet werden will, wirken da beinahe bodenständig.
„In der Kostümierung lässt sich das Dilemma seines Erwachsenenlebens ausmachen: von Motte und Westbam als junger Mann in den Neunzigern nie als Musiker, sondern als Betriebswirtschaftler mit Plattensammlung missverstanden worden zu sein. Früher, noch als DJ Franky G, besetzte er in der Nachwendezeit Ostberliner Wohnhäuser, dann erfand er mit den anderen Saufnasen die Loveparade. Früher Zip-Off-Cargoshorts. Heute im lichtdurchfluteten Office mit Fischgrätparkett in einem Schöneberger Altbau.“
Mix, Cuts & Scratches
Auch die Techno-Kultur ist in die Jahre gekommen – und mit ihr die von Rainald Goetz und Konsorten bestellte Popliteratur, die nun ihren eigenen Preis bekommen hat: den Popliteraturpreis, organisiert vom Literaturhaus Augsburg. Sommers „Party People“-Roman lässt allerdings überdeutlich den Abstand spüren zu Christian Krachts „Faserland“ oder Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“, zu Goetz‘ „Rave“ oder Bret Easton Ellis‘ „Glamorama“. Sein popliterarischer Gestus wirkt 2026 rührend historisch. Es kann also gefragt werden, ob man acht Jahre nach dem Suizid von Avicii frei und in stilistisch ähnlicher Weise über DJ-Kultur schreiben kann, wie Goetz und Westbam in „Mix, Cuts & Scratches“ 1997 oder Laurent Garnier in „Electroschock“ 2003.
„Ich spüre, wie die Viewzahlen des Livestreams fallen. Der Peak der Party ist überschritten. Am Ende dieser Nacht brauche ich allerdings Videomaterial, das viral geht. In Point-of-View für TikTok. Als Vertical, um es als Instagramreel zweitzuverwerten. In meinem Fall: ein Fail, der sich zu einem shareable moment entwickelt. Deshalb hat meine Agency veranlasst, Pierre, einen Nachwuchsschauspieler, zu engagieren. Er hat sich im Casting durchgesetzt. Blasse Haut, Sommersprossen, Vampirblick, enge Fetishwear.“
Dröhnende Sinnabwesenheit
Der Peak der Party ist überschritten, alle Reels gestellt, die Gäste gecastet. Unbehagen stellt sich ein. Der Erzähler kann diese dröhnende Abwesenheit von Sinn und Nähe künstlerisch nicht kompensieren – und sucht sein Glück deshalb in Christian, einen „performativ selbstbewusst“ wirkenden Mann. Doch Christian ist mit einer Frau verheiratet, die er keinesfalls verlassen möchte – obwohl auch er die Nähe eines anderen Mannes begehrt. Als „Gay Romance“ findet dieser raue Roman zu seinem Thema, als Remix der alten „wer wird ihn kriegen“-Story. In jüngerer Zeit gibt es queere Versionen, wie das oscarprämierte Bio-Pic „Bohemian Rhapsody“ oder den britischen Debütroman „Das neue Leben“ von Tom Crewe.
Am Ende dieser im letzten Drittel äußerst starken „Party People“-Geschichte wird endlich nachvollziehbar, warum sich Trauer und Selbsthass in Sommers DJ-Figur eingeschrieben haben. Das hoffnungsfrohe Ende ähnelt der Avicii-Doku, ist gerade deshalb trügerisch. Ob der Ich-Erzähler weitermachen wird, steht in den Sternen. Stefan Sommer aber sollte es unbedingt tun. Besser als das jüngste Kalkbrenner-Album wird’s allemal, so gut wie Faithless‘ „God is a DJ“-Track: wenn wir Glück haben.
Stefan Sommer: „Party People“, Otto Müller Verlag, Salzburg, 162 Seiten, 24 Euro
