Die Echsenwelt ist wahrscheinlicher, als es selbst Xavier Naidoo vermuten dürfte, WALL·E bekommt einen neuen Kameraden, weiße Kaninchen trösten einen Teenager und der Illustrator mit dem Waschbärmantel ist zurück – in den schönsten Bilderbüchern des Monats.
Wie selbstverständlich sehen wir uns als Krone der Schöpfung und hängen so einem „menschlichen Exzeptionalismus“ an, der Tieren einen geringeren Wert zumisst. Daran erinnerte die Primatologin Christine Webb gerade erst in einem Interview mit dem Wochenmagazin „Der Spiegel“, unter der herausfordernden Überschrift: „Würde ich den Mann retten, nur weil er ein Mensch ist? Da lautet meine Antwort: Nein.“ – Der Humanist protestiert. Menschen sollen mit anderen Lebewesen auf einer Stufe stehen? Ohne uns gäbe es schließlich keine Handys, Autos, Kugelschreiber oder Brillen. Daran erinnert auch Vitali Konstatinov zu Beginn seines Sachbilderbuchs „Wenn nicht die Menschen“ – das eingangs erklärt, wie unsere Zivilisation organisiert ist: Das erläutert er anhand fünf prägender Beispiele. Mit von uns entwickelten Werkzeugen haben wir einen weiten Weg vom Steinwerkzeug vor 2,5 Millionen Jahren „bis zu heutigen Computern und Roboterfahrzeugen auf dem Mars“ zurückgelegt.

Seit etwa einer Million Jahren kontrollieren Menschen das Feuer. „Kraftwerke, Zentralheizungen, Benzinmotoren oder Glühbirnen sind alles Weiterentwicklungen der Feuer-Idee.“ Von Höhlen sind wir in selbstgebaute Häuser gezogen. Seit ein paar hunderttausend Jahren können Menschen außerdem sprechen. Und wir sind in der Lage, andere Menschen als Menschen ebenbürtig anzuerkennen. Wir verstehen einander. „Dieses erweiterte Einfühlungsvermögen nennt man in der Wissenschaft Theory of Mind.“ Werkzeuge, Feuer, Behausung, Sprache und Theory of Mind sind die Pfeiler unserer Zivilisation. „Für all diese Dinge muss ein Wesen fähig sein, ungewöhnliche Aufgaben mit ungewöhnlichen Methoden zu lösen – es muss also intelligent sein. In den vergangenen Millionen Jahren haben viele Wesen diesen Weg eingeschlagen. Aber nur die Menschen, die Nachkommen einer einzigen afrikanischen Schmalnasenaffenart, haben eine Zivilisation entwickelt und den Planeten erobert.“ An diese Erkenntnis dockt Vitali Konstantinovs „Wenn nicht die Menschen“ an. Auf reich bebilderten knapp 50 Seiten spekuliert sein Buch, wie unsere Erde aussehen würde, wenn sich eben nicht die Nachkommen der afrikanischen Schmalnasenaffen durchgesetzt hätten: sondern stattdessen andere Tiere, die mehr oder weniger zufällig das Nachsehen hatten.

Am Beispiel von Dinosauriern, Oktopoden, Delfinen, Waschbären und anderen Affenarten beginnt so ein fröhliches Gedankenspiel. „Hätte es keine Katastrophe gegeben, die das Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren verursacht hat, würden allerlei Saurier – megagroße und minikleine, gras- und fleischfressende – weiter an Land und in den Meeren leben. Vielleicht würden heute intelligente, gefiederte Reptilien die Erde regieren.“ Tatsächlich gibt es seit Jahrzehnten Theorien über eine Dinosaurier-Zivilisation. 1982 vermutete der Paläontologe Dale Russell, dass sich der leicht ulkig aussehende Stenonychosaurus „zu einem intelligenten Wesen mit menschenähnlichem Körperbau entwickelt haben“ könnte. Konstantinov bebildert Alternativ-Zivilisationen wie diese auf zweierlei Art: in puren Umrisszeichnungen und auf bunten Klappseiten, die verschiedene Tiere anthropomorphisieren, also beispielsweise Delfine mit Harpunen zeigen – und Echsen, die ihre Eier im Kinderwagen vor sich herschieben. Man staunt und erinnert sich, dass dieses Staunen Ausgang jeder Wissenschaft ist. Es ist keinesfalls so abwegig, wie man vorderhand vermuten würde, dass Delfine den Evolutionswettlauf gewonnen hätten, oder Waschbären und jene hochintelligenten Oktopoden, die wie wir Behausungen bauen, in Zeichen kommunizieren, Werkzeuge benutzen und in der Lage sind, komplexe Probleme zu lösen. „Die Kraken sind sooo lange auf der Erde, dass sie eine Zivilisation bereits aufgebaut und wieder verloren haben könnten … Wer weiß?

Ausgrabungen offenbaren bei Weitem nicht die ganze Vergangenheit und von der Tiefsee sind bislang bloß etwa 0,001 Prozent erforscht.“ Es gibt übrigens auch Hinweise auf Delfin-Kulturen. Eine besondere Orca-Art hat ein rudimentäres Modeverständnis. Die Tiere tragen immer mal wieder einen toten Lachs auf ihrem Kopf – ohne ersichtlichen Grund. „Ebenso wenig weiß man, warum Orcas sich gegenseitig mit Seetangbüscheln reiben.“ Waschbären wiederum passen sich erstaunlich gut dem Stadtleben an, deshalb werden Kassel und das kanadische Toronto längst Racoon-City genannt. Die Viecher rauben Mülltonnen aus und fahren schwarz auf LKWs mit. Außerdem verfügen sie über eine Sprache mit bislang nicht entschlüsselten Zirp- und Schnalzgeräuschen. Man könnte ewig so weitermachen entlang dieses schönen Buch-Hybrids, das Empirie und Denken im Als-Ob miteinander verbindet. Vitali Konstantinovs „Wenn nicht die Menschen“ ist ein bebildertes Trainingscamp für unseren Möglichkeitssinn, das Kindern ab acht Jahren einen ersten Hinweis gibt, in welcher Weise der „menschliche Exzeptionalismus“ unserer Zeit die Augen verschließt vor der simplen Tatsache: Wir sind nicht allein auf dieser Welt. Hätten sich statt uns die knuffigen Waschbären durchgesetzt, würden nicht wir in der beheizten Wohnung sitzen, um schöne Bilderbücher zu lesen. Vielleicht würden wir dann durch Racoon-Citys streunen: und vom Abfall anderer Tiere leben. Vitali Konstantinov: „Wenn nicht die Menschen“, Kunstanstifter, 54 Seiten, 38 Euro, ab 8 Jahre

Nach „Schlupp vom grünen Stern“ und Pixars „WALL·E“ kommt Reto Crameris Pixel-Mal-Roboter. Der Schweizer entwirft schon länger Bilderbücher, die aussehen wie Pop-Art-Bildbände. Das von beiden Seiten lesbare „Alula: Garten / Urwald“ begeisterte 2024 mit zwei Geschichten, die sich in der mittleren Doppelseite trafen. „Mal Pixel Mal“ erzählt in teilweise wild-expressiven, dann wieder extrem reduzierten Grafiken von einem kleinen Mal-Roboter, der Gemälde erschafft, aber selbst nicht so recht weiß, ob die Kontrollmodule das, was er im Dreifarbdruck auf die Leinwand bringt, als Kunst durchgehen lassen: „Pixel arbeitet zu langsam. So hat sich in der Zwischenzeit viel Arbeit angehäuft. Das versetzt die Kontrollmodule in helle Aufregung. Sie beginnen zu stottern. Pixel kann ihre Befehle keiner Sprache zuordnen. Nur Modul*A spricht Klartext.“ Pixel selbst wird überwältig von seinen eigenen Sachen, kommt gleichzeitig ins Grübeln. Retro Crameri ist eine becircende KI-Spekulation gelungen über die große Frage, ob Computer jemals ein Bewusstsein entwickeln werden – mit einer überraschenden, sehr humanen Wendung, die sich selbst Pixels Programm nicht ausgerechnet hat. Reto Crameri: „Mal Pixel Mal“, Kunstanstifter, 56 Seiten, 25 Euro, ab 5 Jahre

Der Illustrator mit dem Waschbärmantel ist zurück: Edward Gorey (1925-2000) war ein US-amerikanischer, höchst exzentrischer Zeichner und Autor von skurrilen, inzwischen unbekannteren Versveröffentlichungen wie „Balaclava“ und „Die Kleinen von Morksrohlingen“. Nachdem der Zürcher Verlag Diogenes den Autor aufgegeben hat, erscheinen neue Übersetzungen bei Lilienfeld in Düsseldorf – seit 2015 in den Übertragungen des österreichischen Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz. Der hat eine gewisse Humorverwandtschaft zu Gorey. Das zeigt auch dieses Buch. In beinahe unheimlichen Schraffurzeichnungen wird von einem zänkischen Geschwisterpaar berichtet, das sich um ein gefundenes „epiplektisches“ (also: aus Moralgründen tadelndes) Fahrrad kloppt, dann aber kurz zu Sinnen kommt und statt weiter zu streiten: losradelt. Das seltsame Paar fährt verwundert an einem leeren Rübenacker vorbei, passiert einen riesengroßen, unverständlich krächzenden Raben, und kommt abschließend zu einem Obelisk, wo sich alle unweigerlich fragen: „Wie sonderbar!“ – „Was soll das heißen?“ Manchmal brauchen seltsame Zeiten einen Spiegel – und ein tadelndes Fahrrad, auf dass wir nicht enden wie dieses rat- und beziehungslos wirkende Geschwisterpaar, das am Ende vor den Trümmern ihres Begehrens steht. Edward Gorey: „Das epiplektische Fahrrad“, aus dem Englischen von Clemens J. Setz, Lilienfeld, 64 Seiten, 18 Euro

Ohne Wörter, allein ihrer starken Bildsprache vertrauend erzählt Marie Kanstad Johnson von einem Umzug – und vom schwierigen Neuanfang in der Fremde. Die 1981 im norwegischen Bergen geborene Illustratorin stellt eine Teenagerin vor, die sich aus dem wegfahrenden Auto von ihren lieb gewonnenen Freundinnen verabschiedet – und wenig später als Außenseiterin in einer neuen Schule landet. Während ihre Eltern das neue Heim renovieren, liegt sie nachts wach, und will noch einmal: weg. Die junge Frau träumt sich auf eine Phantasie-Insel, die von weißleuchtenden Hasen bevölkert ist. Kein Zufall. Leporidae stehen immer mal wieder für den anderen Blick, wie in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ oder in der Theateradaption „Mein Freund Harvey“ – und dieses schöne Buch ist nicht nur die Geschichte eines Umzugs, sondern auch eine Schule des Sehens und Verstehens. „WEG“ kommt mit 36 abschließenden Fragen, die Kinder ermutigen, wieder und wieder zu schauen: „Warum sind sowohl der Buchtitel ‚WEG“, als auch der Name der Künstlerin Marie Kanstad Johnson nur geprägt, nicht gedruckt?“ „Wie reagieren die Tiere auf die Neue?“ „Welche Botschaft senden die Tiere der Protagonistin nachts von der Insel?“ „Hast du selbst schon einmal Ähnliches erlebt?“ „Wenn ja, konntest du dich aus der Situation befreien?“ „Wenn ja, wie?“ Mari Kanstad Johnsen: „WEG“, Peridot, 48 Seiten, 16 Euro, ab 8 Jahre
