Die schönsten Bilderbücher im Mai

Die Echsenwelt ist wahrscheinlicher, als es selbst Xavier Naidoo vermuten dürfte, WALL·E bekommt einen neuen Kameraden, weiße Kaninchen trösten einen Teenager und der Illustrator mit dem Waschbärmantel ist zurück – in den schönsten Bilderbüchern des Monats.

„Handys, Autos, Kugelschreiber, Ampeln, Lavakuchen oder Brillen gibt es nicht in freier Natur. Limo fließt nicht in einem Bach. Städte mussten erst gebaut werden … Die Menschen leben in der von ihnen selbst geschaffenen Welt. Im Schaffen neuer Sachen sind sie wirklich unermüdlich. Manchmal kommt da eine Atombombe heraus, aber meistens sind es nettere Dinge.“ Der 1963 im ukrainischen Odessa geborene Illustrator Vitali Konstantinov ist spätestens seit seiner kuriosen Tiersammlung „Geniale Nasen“, „Geniale Ohren“, „Geniale Augen“ ein Star des Kinder- und Jugendbuchs. Nun schaut er auf unser Anthropozän, und fragt spekulativ, wie wir, die Menschheit, aus Werkzeug, Feuer, Behausung, Sprache und Theory of Mind eine Zivilisation entwickeln konnten – und wie dem entgegengesetzt eine Kultur aussehen würde, wenn sich nicht die Nachfahren der Langnasen durchgesetzt hätten: „Es gibt auch Hinweise auf Delfin-Kulturen: Mancherorts haben Orcas die Mode entwickelt, einen toten Lachs auf dem Kopf zu tragen. Warum sie das tun, weiß niemand. Ebenso wenig weiß man, warum Orcas sich gegenseitig mit Seetangbüscheln reiben.“

Oder: „Hätte es keine Katastrophe gegeben, die das Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren verursacht hat, würden allerlei Saurier – megagroße und minikleine, gras- und fleischfressende – weiter an Land und in den Meeren leben. Vielleicht würden heute intelligente, gefiederte Reptilien die Erde regieren.“ So ist dieses Grundschulbuch ein Hybrid aus Empirie und wissenschaftlicher Theorie des Also-Ob, ein Trainingscamp für unseren Möglichkeitssinn, geschrieben in der stillen Hoffnung: „Nichts, was in der Evolution einmal verloren ging, kann sich wieder zurückentwickeln. Dieses Gesetz wird unter Wissenschaftler:innen immer wieder diskutiert und es werden Beispiele gesucht, die es widerlegen. Bislang gibt es kein eindeutiges Gegenbeispiel, sondern bloß Vorfälle, in denen ein Merkmal zurückgekehrt ist, das vorab aber noch nicht vollständig zurückgebildet wurde.“ Ein schöner Gedanke in unserer Zeit, die mal wieder (aber vielleicht nur scheinbar) dem totalen Untergang entgegenstrebt. Vitali Konstantinov: „Wenn nicht die Menschen“, Kunstanstifter, 54 Seiten, 38 Euro, ab 8 Jahre

Nach „Schlupp vom grünen Stern“ und Pixars „WALL·E“ kommt Reto Crameris Pixel-Mal-Roboter. Der Schweizer entwirft schon länger Bilderbücher, die aussehen wie Pop-Art-Bildbände. Das von beiden Seiten lesbare „Alula: Garten / Urwald“ begeisterte 2024 mit zwei Geschichten, die sich in der mittleren Doppelseite trafen. „Mal Pixel Mal“ erzählt in teilweise wild-expressiven, dann wieder extrem reduzierten Grafiken von einem kleinen Mal-Roboter, der Gemälde erschafft, aber selbst nicht  so recht weiß, ob die Kontrollmodule das, was er im Dreifarbdruck auf die Leinwand bringt, als Kunst durchgehen lassen: „Pixel arbeitet zu langsam. So hat sich in der Zwischenzeit viel Arbeit angehäuft. Das versetzt die Kontrollmodule in helle Aufregung. Sie beginnen zu stottern. Pixel kann ihre Befehle keiner Sprache zuordnen. Nur Modul*A spricht Klartext.“ Pixel selbst wird überwältig von seinen eigenen Sachen, kommt gleichzeitig ins Grübeln. Retro Crameri ist eine becircende KI-Spekulation gelungen über die große Frage, ob Computer jemals ein Bewusstsein entwickeln werden – mit einer überraschenden, sehr humanen Wendung, die sich selbst Pixels Programm nicht ausgerechnet hat. Reto Crameri: „Mal Pixel Mal“, Kunstanstifter, 56 Seiten, 25 Euro, ab 5 Jahre

Der Illustrator mit dem Waschbärmantel ist zurück: Edward Gorey (1925-2000) war ein US-amerikanischer, höchst exzentrischer Zeichner und Autor von skurrilen, inzwischen unbekannteren  Versveröffentlichungen wie „Balaclava“ und „Die Kleinen von Morksrohlingen“. Nachdem der Zürcher Verlag Diogenes den Autor aufgegeben hat, erscheinen neue Übersetzungen bei Lilienfeld in Düsseldorf – seit 2015 in den Übertragungen des österreichischen Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz. Der hat eine gewisse Humorverwandtschaft zu Gorey. Das zeigt auch dieses Buch. In beinahe unheimlichen Schraffurzeichnungen wird von einem zänkischen Geschwisterpaar berichtet, das sich um ein gefundenes „epiplektisches“ (also: aus Moralgründen tadelndes) Fahrrad kloppt, dann aber kurz zu Sinnen kommt und statt weiter zu streiten: losradelt. Das seltsame Paar fährt verwundert an einem leeren Rübenacker vorbei, passiert einen riesengroßen, unverständlich krächzenden Raben, und kommt abschließend zu einem Obelisk, wo sich alle unweigerlich fragen: „Wie sonderbar!“ – „Was soll das heißen?“ Manchmal brauchen seltsame Zeiten einen Spiegel – und ein tadelndes Fahrrad, auf dass wir nicht enden wie dieses rat- und beziehungslos wirkende Geschwisterpaar, das am Ende vor den Trümmern ihres Begehrens steht. Edward Gorey: „Das epiplektische Fahrrad“, aus dem Englischen von Clemens J. Setz, Lilienfeld, 64 Seiten, 18 Euro

Ohne Wörter, allein ihrer starken Bildsprache vertrauend erzählt Marie Kanstad Johnson von einem Umzug – und vom schwierigen Neuanfang in der Fremde. Die 1981 im norwegischen Bergen geborene Illustratorin stellt eine Teenagerin vor, die sich aus dem wegfahrenden Auto von ihren lieb gewonnenen Freundinnen verabschiedet – und wenig später als Außenseiterin in einer neuen Schule landet. Während ihre Eltern das neue Heim renovieren, liegt sie nachts wach, und will noch einmal: weg. Die junge Frau träumt sich auf eine Phantasie-Insel, die von weißleuchtenden Hasen bevölkert ist. Kein Zufall. Leporidae stehen immer mal wieder für den anderen Blick, wie in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ oder in der Theateradaption „Mein Freund Harvey“ – und dieses schöne Buch ist nicht nur die Geschichte eines Umzugs, sondern auch eine Schule des Sehens und Verstehens. „WEG“ kommt mit 36 abschließenden Fragen, die Kinder ermutigen, wieder und wieder zu schauen: „Warum sind sowohl der Buchtitel ‚WEG“, als auch der Name der Künstlerin Marie Kanstad Johnson nur geprägt, nicht gedruckt?“ „Wie reagieren die Tiere auf die Neue?“ „Welche Botschaft senden die Tiere der Protagonistin nachts von der Insel?“ „Hast du selbst schon einmal Ähnliches erlebt?“ „Wenn ja, konntest du dich aus der Situation befreien?“ „Wenn ja, wie?“ Mari Kanstad Johnsen: „WEG“, Peridot, 48 Seiten, 16 Euro, ab 8 Jahre

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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