Die schönsten Bilderbücher im April

In den Bilderbüchern des Ostermonats April geht ein Nilpferd auf Traumreise, Linda Wolfgruber macht auf Rock ’n’ Roll, ein Eichhorn chillt im Baum und Jo Lodge begrüßt die Sonne.

Älter als die „I bims“-Wendung ist der Bimsstein, der neben Obsidian, Manganknolle, Koprolith und anderen dieses Werk von Linda Wolfsgruber schmückt. Autorin Stepha Quitterer und Geowissenschaftlerin Lina Seybold stellen im flapsigen Ton die interessantesten Steine vor, vom Sepentinit bis zum Kambrischen Stinkkalk, der Verwesungsgase 500 Millionen Jahre alter Trilobiten (meeresbewohnender Gliederfüßer) verschlossen hält: „Erst wenn du ihn knackst – sagen wir, mit einem Hammer –, offenbart er sein Geheimnis: eine höllische Wunderkammer mit vielen kleinen trilobitischen Grüßen aus sehr, sehr viel früheren Tagen.“ In ähnlicher Meerestiefe hausen die Schwarzen Raucher, die bis zu 400 Grad heißes, mineralreiches Wasser ausstoßen. Noch tiefer, als Erdmantel, liegt Gestein, das wir dort niemals sehen werden: „Denn die tiefste Bohrung, die jemals Richtung Erdkern durchgeführt wurde – auf einer russischen Halbinsel mit dem entzückenden Namen Kola – kam nur 12 Kilometer tief.“

Der beliebte Tropfsteinhöhlen-Merksatz wurde für dieses Buch jugendgerecht entschärft: „Das T in StalagTiten sieht aus wie ein von der Höhlendecke hängender Tropfstein und das M in StalagMiten wie zwei von unten hochwachsende!“ (Lässt sich schwerer merken.) Der von Luftbläschen durchsetzte Bims ist übrigens der einzige echte Stein, der schwimmen kann (der andere schwimmbare, aber unechte Stein ist der Bernstein). Bims ist bekanntlich nützlich gegen Hornhaut. Vor über 3000 Jahren haben zudem die alten Griechen ihre Zähne mit Bimsstein poliert. Sonderpunkte gehen an alle, die wissen, was genau Meteoroide, Meteore und Meteoriten sind: „Allein auf die Erde prasseln täglich Milliarden Meteoroide unterschiedlichster Größe ein – und das mit einem Gesamtgewicht von über 200 Tonnen!“ Zum Glück verbrennt der größte Teil, sobald er in die Atmosphäre eindringt. Anhand dieses Buchs wird, last but not least, die Faszination unseres Nationaldichters nachvollziehbar. Goethe hat 18.000 Gesteine, Mineralien und Fossilien gesammelt. Nur eine Steinart konnte er nicht kriegen: einen der erst von uns modernen Menschen verantwortete Plastiglomerate: Sedimentkörner, die von Plastik zusammengehalten werden (sieht eklig aus). Stepha Quitterer, Lina Seybold (Text), Linda Wolfsgruber (Illustrator): „Steine! Ganz schön genial“, Gerstenberg, 120 Seiten, 24 Euro, ab 8 Jahre

Quatsch gibt es häufig, echten Surrealismus überraschend selten in der Kinder- oder Bilderbuchliteratur – außer in Gestalt eines seltsamen Begleiters, wie das Sams von Paul Maar, der kleine Vampir bei Angela Sommer-Bodenburg oder Ellis Kauts „Pumuckl“. Der 1955 geborene Kölner Nikolaus Heidelbach („Rosel von Melaten“) stellt zu einer jungen, nur aus Mutter und Tochter bestehenden Kleinfamilie Flusspferd „Simone“, die plötzlich auftaucht (ebenso wie Sams, Pumuckl, der kleine Vampir) – hier sogar wortwörtlich: Simone erscheint beim Babyschwimmkurs im Wasser, „und die Mama fand sie so sympathisch, dass sie ihr eine Stelle als Babysitter anbot. Von da an sorgte Simone für Wally, rund um die Uhr.“ Offensichtlich ist Simone eine Art Vaterersatz, Sinnbild für eine riesengroße Lücke. Als Wally in die Schule kommt und Simone entlassen werden soll, suchen Kleinkind und Tier das Weite. Sie gehen auf eine lange Reise; vorm endgültigen Abschnitt. Wehmütig schlägt man dieses poetisch illustrierte Bilderbuch zu: „’Sehen wir und wieder?’, fragte Wally. ‚Aber sicher’, sagte Simone, ‚irgendwann werde ich wieder auftauchen.“ Nikolas Heidelbach: „Simone“, von Hacht, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Die Schweizer Grafikerin Nina Wehrle geht im Wald Gassi mit Lady, Rambo und Krümel, drei hyperaktiven Hunden, die ausbüchsen und ein chillendes Eichhörnchen nerven. Relaxed lungert das kleine Tier in der Biege eines hochgelegenen Astes. Sabbernd hocken die Hunde darunter, stieren in die Höhe: „He, Eichhorn, kommst du mit uns spielen? Jetzt komm schon …“ Doch sie können das Eichhorn nicht erweichen, weder durch Betteln, noch durch Drohungen: „Entweder du kommst runter oder wir kacken unter deinen Baum.“ Die Hunde werden von Doppelseite zu Doppelseite aufdringlicher, denn sie wissen, dass sie schon bald zurückgepfiffen werden. Das enge Hochformat ermöglicht Bilder, die sowohl die nach oben schießenden Baumstämme, als auch die Beschaffenheit des später gefundenen, tief in die Erde ragenden Maulwurfsbau anschaulich machen, bis ihr Frauchen endlich ruft: „Schluss. Aus. Basta!“ von Nina Wehrle, NordSüd, 64 Seiten, 20 Euro, ab 4 Jahre

Dieses Buch kann, was auch große Romane können: die Welt vermitteln, in der wir leben, hier allerdings für einjährige Kinder, die vermittels eingearbeiteter Laschen einfache Illustrationen in Bewegung setzen. Playbooks (bei Jo Lodge nicht im Sinne von Theaterbüchern) fördern auch die Motorik – und sind deshalb interessant, weil sie hybrid zwischen Spielzeug und Bilderbuch stehen, zugleich beim Durchblättern eine Idee vermitteln, wie frühkindliche Interaktivität aussehen kann. Es wird keine Geschichte erzählt, sondern Seite für Seite im Schau-mal-Gestus ein schematisches Bild kommentiert (weil Babys ohnehin Feinheiten, zu schwache Kontraste übersehen). Als Erwachsener denkt man unweigerlich darüber nach, welche weiteren, dann überwiegend sprachlichen Kniffe einige Autorinnen und Autoren von Erwachsenenbüchern anwenden, um ihr Publikum in Aktion zu versetzen; wie in den „House of Leaves“ oder „Only Revolutions“ von Mark Z. Danielewski, die man drehen, kippen, in Bewegung setzen muss, um dem Plot zu folgen, über klassische Playbooks, die ein Theater-Spiel orchestrieren bis zum „Gotteslob“, das erst beim gemeinschaftlichen Gesang zu seiner eigentlichen Bestimmung findet. „Hallo Sonne summ summ“ – das ist beinahe Poesie. Jo Lodge: „Drehen, klappen, ziehen“, Baumhaus, 8 Seiten, 12 Euro, ab 12 Monate

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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