Back in the GDR

Weiterhin gestritten wird über die angemessene Darstellung von DDR-Wirklichkeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wer über die vielen dunkle Seiten dieser zweiten deutschen Diktatur schreibt, muss sich auf heftige Widerstände gefasst machen.

„Die DDR reduziert sich doch nicht auf Gefängnisse, auf Gefängniszellen, auch nicht auf Protokolle, die aus diesen Einrichtungen kommen. DDR ist doch viel mehr – und man kann doch nicht DDR und ihre Bevölkerung verwechseln mit der Staatssicherheit. Ganz und gar nicht – wie wir hier tunlichst vermeiden sollten, Staat und Gesellschaft zu verwechseln.“

In diesen vorsichtigen Worten spricht DDR-Schriftsteller Jürgen Fuchs im Deutschlandfunk-Interview Mitte November 1978. Zum Zeitpunkt dieses in „Kultur heute“ gesendeten Gesprächs lebt der DDR-Bürger im Westen. Knapp drei Monate zuvor war er aus dem Stasi-Knast entlassen worden – und musste sein Land verlassen.

„Wir haben es bereits vermeldet: Die DDR-Lyrikerin Sarah Kirsch ist gestern aus der DDR ausgereist und in West-Berlin eingetroffen. Wer Sarah Kirsch nun ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Anders aber verhält es sich mit bei den fünf oppositionellen DDR-Bürgern, die am Wochenende aus DDR-Haft entlassen und nach West-Berlin abgeschoben worden sind. Soweit bekannt, handelt es sich um den Ost-Berliner Germanistik-Professor Hellmuth Nitsche, den Arzt Dr. Karl-Heinz Nitschke aus Riesa, sowie um den Schriftsteller Jürgen Fuchs, den Liedermacher Gerulf Pannach und den Musiker Christian Kunert, die zum Freundeskreis des unter Hausarrest gestellten Regimekritikers Robert Havemann gehören.“

Einen kritischen Geist brechen

Nochmal der Deutschlandfunk – am 29. August 1978 über jene Nachricht, die seinerzeit für Aufregung gesorgt hat, ein dreiviertel Jahr nach Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Da hätte man bei Jürgen Fuchs viel mehr Wut erwarten können. Doch dieser Schriftsteller von faktengesättigten Gedichten, Romanen, Dokumentationen, dieser so genaue Beobachter der DDR-Verhältnisse, erscheint selbst nach der Gefängniszeit abwägend, differenziert – klug. Fuchs hatte zwar gegen die politischen Willkür-Verhältnisse seiner Heimat opponiert, war aber dennoch Sozialist – und ein selbstdenkender Mensch geblieben, obwohl ihn die DDR-Obrigkeit bekämpft hatte. Mitte der Siebziger musste er seinen Rauswurf aus der Einheitspartei SED hinnehmen, wegen angeblicher „trotzkistischer Tendenzen“. Kurz vor Abschluss seines Studiums der Sozialpsychologie wurde er zwangsexmatrikuliert. Später folgte die Verhaftung des Mittzwanzigers, der ins Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen verschleppt wurde, wo er sich strengen Verhören unterziehen musste. Ihm wurde das Schreiben verboten. Stift und Papier erhielt der junge Schriftsteller nicht – als ginge es den Mächtigen allein darum: einen kritischen Geist zu brechen.

„Es ist zu Beispiel ganz eindeutig, dass die DDR ein erstklassiges psychisches Folterland war und ne Menge Psychologen tätig waren, gerade auch in der Haftsituation mit Vor- und Nachbesprechungen, Supervision, mit Einsatz von Psychopharmaka, mit all dem, um Menschen seelisch und geistig zu quälen – und zwar vorsätzlich, wissenschaftlich.“

Vernehmungs- und Gedächtnisprotokolle

In der Stasi-Haft, in der Jürgen Fuchs keinen Stift und kein Papier hatte, lernte er sein nächstes Buch auswendig, formulierte im Kopf, was er später der Welt über seine Gefängniszeit mitteilen wollte. Er fuhr mit der rechten Hand an der Zellenwand entlang und stellte sich vor, er würde tatsächlich schreiben. Nach seiner Haftentlassung notierte Fuchs das Erinnerte wie im Rausch, seine „Vernehmungsprotokolle“, die wenig später im Rowohlt-Verlag erschienen sind – bis heute erschütternde Dokumente psychischer Staatsfolter.

„Viele, die damals mitgemacht, die versucht haben dieses auch kompromittierende Geflecht zu ignorieren. Die haben natürlich heute Schwierigkeiten, sich an die damalige Gemengelage zu erinnern. Das ist menschlich nachvollziehbar, sollte aber kein Grund sein, dass die Literatur da ebenfalls diese blinden Flecke hinnimmt. Literatur ist gerade dann relevant, wenn sie sich die blinden Flecke anschaut und die Komplexitäten zu beschreiben wagt.“

Sagt der Schriftsteller Marko Martin, 1970 in Sachsen geboren, aufgewachsen in der DDR, den die Obrigkeit damals auch nicht auf die Uni lassen wollte – „aus politischen Gründen“. Ein halbes Jahr vorm Mauerfall siedelte der junge Kriegsdienstverweigerer zusammen mit seinen Eltern in den Westen über. Inzwischen, dreieinhalb Jahrzehnte später, ist Marko Martin einer der renommiertesten Intellektuellen unseres Landes. Er veröffentlicht Erzählungen, Essays und literarische Tagebücher, die mal auf Kuba, in Israel, in Hongkong, im Iran spielen – oder sich mit seiner eigenen DDR-Sozialisation beschäftigen.

Ein gestörtes Erinnern

Ebenfalls wie Jürgen Fuchs, ist auch Marko Martin ein Schriftsteller, der sich einmischt. Bei einer Rede im Schloss Bellevue 2024 griff er die langjährige Russlandpolitik von Frank-Walter Steinmeier an. Im Dlf sprach er zuletzt u.a. über den problematischen Begriff des „Globalen Südens“ und zum Tod des tschechischen Schriftstellers Ivan Klíma im Oktober 2025. Zudem ist Marko Martin ein Kenner jener neuen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die sich mit den Schattenseiten der DDR beschäftigt; wie Matthias Jügler aus Halle an der Saale oder Charlotte Gneuß aus Ludwigsburg, die beide auf je unterschiedliche Weise literarische Erinnerungsarbeit leisten.

„Was das gesamtgesellschaftliche Gedächtnis an die DDR angeht, glaube ich, dass das ziemlich gestört ist. Also, dass die kommunikative Erinnerung, die Erinnerung, die uns von Eltern, Freunden, Nachbarn weitergegeben wird, oft stark von dem abweicht, was sich im Schulunterricht, in Jahrestagen und Feiertagen, in Museen und Gedenkstätten manifestiert. Und ich glaube, dass die Literatur eigentlich die Chance hat, diese Lücke, diese klaffende Lücke zwischen kulturellem und kommunikativem Erinnern zu schließen, weil Literatur das, was dem Einzelnen geschieht, für alle erfahrbar macht. Und wenn wir all diese Geschichten lesen, die in und aus der DDR heraus erzählt worden sind, dann können wir vielleicht irgendwann die DDR in der Komplexität auch verstehen, in der sie erlebt wurde.“

Was Charlotte Gneuß, Autorin des 2023 erschienenen Debütromans „Gittersee“ hier über Komplexität und die DDR sagt, erinnert auf berückende Weise an die Worte von Jürgen Fuchs: „DDR ist doch viel mehr – und man kann doch nicht DDR und ihre Bevölkerung verwechseln mit der Staatssicherheit.“

Das Schicksalsjahr 1976

Charlotte Gneuß’ Debütroman „Gittersee“ aus dem Jahr 2023 ist eine Auseinandersetzung mit eben dieser auch von ihr angesprochenen Komplexität. Die ästhetisch gelungene, ihrem eigenen Ton vertrauende Geschichte ist angesiedelt in gleichnamigen Stadtteil Dresden-Gittersee. Dort leben Paul und Karin, genannt „Komma“, zwei Teenager, deren Liebe an den einengenden Gegebenheiten der Deutschen Demokratischen Republik zerbricht – im schicksalhaften Krisen-Jahr 1976.

„Zunächst habe ich mich ganz bewusst für das Jahr 1976 entschieden – einfach, weil das ja von vielen Historikerinnen als Kommastelle, als Wendepunkt der DDR-Geschichte bezeichnet wird. Weil in diesem Jahr in Folge der Ausbürgerung von Wolf Biermann viele Menschen der DDR den Glauben an einen demokratischen Sozialismus aufgaben, und entweder das Exil oder den Widerstand wählten, dazu hatte ich die Möglichkeit, auch ganz viel mit meinen Eltern über das Jahr 1976 zu sprechen, weil die eben in diesem Jahr in einem Dresdner Vorort gelebt haben und zu dieser Zeit ähnlich alt waren wie meine Protagonistin.“

Gleich zu Beginn des „Gittersee“-Romans flieht Paul über die hier nur „Tschechei“ genannte Tschechoslowakei in den Westen und lässt seine Freundin in der DDR zurück, die sofort die Kälte des Systems kennenlernt – mit Verhören, wie sie Jürgen Fuchs bereits in den 1970er Jahren beschrieben hat. „Gittersee“ ist das empathische Porträt einer sechszehnjährigen, im ersten Liebeskummer steckenden jungen Frau – die so lange von der Stasi bedrängt wird, bis sie sich als Inoffizielle Mitarbeiterin anwerben lässt.

Kleopatra spielt Billard

Interessant ist das Erzählverfahren, das Gneuß hier anwendet, um eine historisch-allgemeine Wahrheit in eine literarisch-persönliche zu verwandeln. Sie erlaubt sich Freiheiten, um eine lang zurückliegende Geschichte auch jenen näherzubringen, die nach dem Fall der Berliner Mauer geboren sind.

„Ich wollte sie nicht ständig daran erinnern, dass das, was sie gerade lesen, in weiter Vergangenheit spielt. Und das ist übrigens gar kein neues Verfahren. Also denken wir an die entzückenden Stücke von Shakespeare in denen Kirchenglocken läuten, und in denen mechanische Schlaguhren schlagen und Kanonen erwähnt werden.“

In William Shakespears „Julius Caesar“ disputieren die Verschwörer Brutus und Cassius – und beziehen sich tatsächlich auf mechanische Uhren, die erst 400 Jahre später erfunden wurden. In einem anderen Stück spielt Kleopatra Billard – in der römischen Antike! Selbst in der Bibel gibt es Anachronismen wie jene Kamele, die angeblich dem alttestamentarischen Abraham gehörten, obwohl ihre Domestizierung erst viel später im Heiligen Land stattfinden sollte – eine Erkenntnis israelischer Archäozoologen aus dem Jahr 2013. Größere Klagen gab es bislang nicht, weder gegen Shakespeare, noch gegen die Autoren der Bibel. Doch um die Darstellung der DDR-Zeit wird erbittert gestritten.

Ich glaube, es gibt zwei Gründe. Zum einen ist die Sorge der Älteren und mittlerweile auch der noch nicht ganz so Alten, dass ihr ihre Herkunftsregion nicht angemessen beschrieben wird. Da ist natürlich eine Hybris auch am Werk, die nicht nur eine Sorge ist, nämlich der Glaube, dass das, was sich im Osten abgespielt hat und weiter abspielt, so einmalig in der Weltgeschichte ist, dass nur die Berufenen darüber schreiben können. Und der zweite Grund ist die Sorge, dass angesichts des noch so viel nicht Aufgearbeiteten das Plappern einsetzen könnte, eine Banalisierung, eine Vulgarisierung des Themas der zweiten deutschen Diktatur.“

Das sagt DDR-Zeitzeuge und Schriftsteller Marko Martin, der in seinem 2025 erschienenen Essay „Freiheitsaufgaben“ noch einmal daran erinnert, dass 1989/90 zwar viele DDR-Bürger bei den Montagsdemos auf der Straße waren – aber keinesfalls die Mehrheit, die damals „hinter den Gardinen abgewartet hatte, ‚was nun wird’“.

Übermächtige Mechanismen einer Diktatur

Dies sei, schreibt Martin, „keine Schelte aus zeitlicher oder geographischer Ferne, sondern ein nachgetragener Faktencheck. Ihn anzunehmen, könnte auch Ammenmärchen geraderücken wie das vom ’89er Revolutionsvolk’, das danach vom Westen bitter enttäuscht worden sei und allein deshalb drei Jahrzehnte lang an den Wahlurnen die Nachfolger der einstigen Staatspartei SED am Leben gehalten und jetzt sogar die rechtsextreme AfD zur stärksten Partei im Osten gemacht hat.“ Diese Aussage Marko Martins tönt in einen enormen Hallraum. 2026 finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. Mancherorts wird bang auf die möglichen Ergebnisse geschaut und die DDR, der Blick zurück in die Geschichte, ist in ostdeutschen Bundesländern Wahlkampfthema. Von einer Resignifikation der DDR schreibt Historiker Volker Weiß in seiner lesenswerten, vor einem Jahr erschienenen Studie „Das Deutsche Demokratische Reich“, wo nachgezeichnet wird, wie AfD und BSW die DDR als Sehnsuchtsort inszenieren; trotz Stasi-Unterlagen, trotz zahlreicher Protokolle, wissenschaftlicher Forschungsprojekte und den vielen anderen Veröffentlichungen, die teils vor, teils nach der Wendezeit geschrieben wurden.

„Wenn man die Bücher liest oder wiederliest von Autoren wie Jürgen Fuchs, Reiner Kunze, Utz Rachowski, entdeckt man, dass es sehr wohl möglich ist, einen Alltag zu beschreiben, ohne ins Politisieren zu geraten und gleichzeitig die übermächtigen Mechanismen einer Diktatur gerade in Bezug auf den Alltag mit hineinzunehmen.“

Die Elbe bei Dresden

Dass in dieser Gemengelage aus Erinnerungen und Verletzungen, aus verklärenden Selbstbeschreibungen, Ausflüchten und Nostalgie die Gemüter überhitzen, ist erklärbar mit menschlich-allzumenschlichen Empfindsamkeiten. In diesem Kontext ist die Debatte um Gneuß’ „Gittersee“ zu sehen. Entlang ihres Romans wird nun diskutiert, ob man Plastiktüte sagen kann, oder ob nicht „Plastebeutel“ dem damaligen DDR-Sprachgebrauch näherkommt – oder auch, ob man Mitte der 1970er Jahre in der verdreckten Elbe baden konnte. So eine Szene kommt im „Gittersee“-Roman vor, vielleicht auch deshalb, weil Liedermacher Wolf Biermann 1975 in einem seiner kunstvollen Lieder sang:

„In jenem Mai, da schwammen wir schön mit der Strömung zur anderen Seit
Dann laufen ein Stück und schwimmen zurück, uns war ja der Fluss nicht zu breit
Das Wasser war nicht viel zu tief für uns, ach, und uns war der Dreck scheißegal
Wir ließen uns treiben und trieben das Spiel noch einmal und noch einmal“

Auch Wolf Biermann erzählt in „Die Elbe bei Dresden“ vom Liebesspiel während unheimlicher Zeiten, in denen die DDR-Realität unveränderlich scheint: „Jetzt redet der dumme Fluss mir ein / Es bleibt alles, wie es ist“. Allerdings werden hier Codes verwendet, die in den 2020er Jahren nicht mehr so leicht zu dechiffrieren sind. Aufgrund dieser Übersetzungsschwierigkeit braucht es unbedingt Romane wie „Gittersee“, um das, was vor einem halben Jahrhundert geschah, auch jüngeren Leserinnen und Lesern nahezubringen.

Neue Leben und Simple Storys

Für die „Gedächtnis-“ und „Vernehmungsprotokolle“ des DDR-Zeitgenossen Jürgen Fuchs braucht es historischen Kontext, während sich Charlotte Gneuß’ „Gittersee“ unmittelbar vermittelt – auf eine Weise, die selbst bedeutenden ostdeutschen Schriftstellern der ersten Nachwendegeneration Respekt abnötigt.

„Mich hat einiges an dem Buch beeindruckt. Das ist sehr anschaulich erzählt, die Hauptfigur hat eine Stimme und Kontur, die Dialoge sitzen, viele Beschreibungen und Beobachtungen – wobei sich manches von meinen Erfahrungen unterscheidet. Aber das gibt es auch innerhalb der eigenen Generation. Ein sehr gutes Debüt.“

Das sagt Ingo Schulze, Schriftsteller von vielfach ausgezeichneten Nachwendgeschichten wie „Adam und Evelyn“, „Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa“ oder „Simple Storys“, die alle im Rennen um den wichtigsten deutschen Nachwenderoman stehen – ein Rennen, das der spätere Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass gern schon 1995 mit „Ein weites Feld“ gewonnen hätte – oder im gleichen Jahr Thomas Brussig mit „Helden wie wir“ – ein Buch, in dem die Berliner Mauer fällt durch das riesengroße Genital des Stasi-Mitarbeiters Klaus Uhltzscht. Thomas Brussig legte 1999 nach mit dem Kinofilm „Sonnenallee“ und seinem kleinen Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Darin sucht der täppische Anti-Held Micha Kuppisch seine Flamme Miriam zu beeindrucken, indem er Tagebücher fingiert, und vorspiegelt, er sei seit Kindertagen ein glühender Kritiker der DDR.

„Heute war ein wichtiger Tag, denn wir haben heute das ß gelernt. Jetzt lohnt es sich, mit dem Tagebuch anzufangen, weil ich jetzt endlich ein ganz wichtiges Wort schreiben kann, das ich bis jetzt immer nur denken konnte: SCHEIßE!’“

Gegenwehr bei Negativgeschichten

Diese ganze „Scheiße“ anzusprechen, verschaffte dem jungen DDR-Teenager in Roman und Film ein gerüttelt Maß Distinktion. Wer aber heute – als Nachgeborener – das Image der DDR angreift, wer als Schriftsteller von Unterdrückung, Überwachung, gar von Kindesentführungen berichtet, wird angefeindet. Davon weiß Matthias Jügler ein Lied zu singen, das weniger schön klingt als Wolf Biermanns „Die Elbe bei Dresden“.

„Die Erfolgsgeschichten, die guten Geschichten aus der DDR, die interessieren mich nicht so. Und inzwischen, weiß ich: Erzähle ich diese Negativgeschichten aus der DDR, dann entsteht eine Art Ruck oder Gegenwehr.“

In seinem zweiten Roman „Die Verlassenen“ erzählt Matthias Jügler von einem Stasi-Komplott, das angelegt war, einen jungen Mann zu zerstören – also ungefähr das, was bereits der dissidentische Schriftsteller Jürgen Fuchs Ende der 1970er Jahre im Deutschlandfunk über den Machtapparat der DDR berichtete. Im späteren Roman „Die Maifliegenzeit“ literarisiert Jügler wiederum die staatliche Entführung eines Neugeborenen, also ein weiteres Unrecht – was zu heftiger Gegenwehr alter DDR-Kader führte.

„Ich habe einen Verriss über diesen Roman bekommen, und dann habe ich nachgeschaut: Wer hat denn diesen Verriss geschrieben? Und sehe: Aha, das war ein ehemaliger Stasi-IM. Und jemand, dessen Eltern eine staatstragende Rolle in der DDR hatten, verfasst einen bitterbösen Kommentar, der dann im Radio gesendet wird. Und das war schon heftig.“

Matthias Jügler ist überzeugt, dass sich jene Menschen, die es gut hatten in der DDR, nun durch eine Geschichte wie „Maifliegenzeit“ angegriffen fühlen, „als würde dieser Roman ihr Leben in der DDR oder das Leben der Eltern entwerten. Aber dem ist natürlich nicht so. Es gibt Menschen, glaube ich, die tun alles dafür, das keine negativen DDR-Geschichten mehr ausgepackt werden. Und das erzeugt natürlich Druck für uns jungen Autorinnen und Autoren.“

Wie es weitergeht

Dass diese jungen Autorinnen und Autoren dem Druck standhalten und weiterschreiben, ist unbedingt nötig, um ein lebendiges, vielschichtiges Erinnern fortzuführen, ein Erinnern an die DDR, die sich nicht reduzieren lässt auf Gefängnisse, auch nicht auf Protokolle, die aus diesen Einrichtungen kommen. Sie alle schreiben weiter. Matthias Jügler hat seinen neuen Roman vor wenigen Wochen beendet. Seine Geschichte führt in die Wirren des Zweiten Weltkriegs und erzählt von der norwegischen Besatzung. Es geht also ausnahmsweise nicht um die DDR. Charlotte Gneuß wiederum beschäftigt sich derzeit viel mit biblischen Stoffen, „insbesondere mit der Genesis. Ich frage mich, was diese historischen Figuren mit unserer Gegenwart zu tun haben. Und ich finde dann auch oft mehr Gemeinsamkeiten als – ja – als gedacht.“

Schulzes neuer Roman „Das Wasser im August“ wird im Hochsommer dieses Jahres veröffentlicht – und Marko Martin wurde gerade ausgezeichnet: sowohl mit dem Ovid- als auch mit dem Reiner-Kunze-Preis. Ihm gefällt, dass so viele jüngere Autorinnen und Autoren nicht auf das DDR-Märchen hereinfallen, die böse Politik habe sich nur „da oben“ abgespielt, während „unten“, im Alltag, alles normal verlaufen sei.

„Stattdessen sondieren sie auch die Perversitäten im Alltagsleben, das Sich-anpassen-Müssen, das Sich-anpassen-Wollen, diese ganze Gemengelage, die auch Jürgen Fuchs beschrieben hat und das anzusprechen bedeutet kein Bashing, sondern es bedeutet, die Rolle der Literatur als Sondierer von Gesellschaftsschichten ernstzunehmen. Und dass das geschieht, gegen vielerlei Widerstände, macht mir Mut.“

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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