Der Tod und seine Verräter

Christian Haller stellt einen 80-jährigen Biologen vor, der seinen eigenen Verfall beobachtet wie einst die Zelle unterm Labormikroskop. Der selbst sogar 83-jährige Schweizer-Buchpreisträger von 2023 legt mit „Einfallende Dämmerung“ eine konzise, die Melancholie abwehrende Bilanz-Novelle vor.

Diese kurze Geschichte eines langsamen Endes beginnt mit dem Eintritt in einen zunächst gewöhnlich wirkenden Raum. Der emeritierte Biologie-Professor Bálint betritt an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstückssaal des Pariser Hotels Ducret.

„Es war vor sieben Uhr, und erst wenige Gäste saßen an den Tischen. Bálint sah sich nach einer ruhigen Ecke um. Ob zu Hause oder unterwegs, er hatte die Eigenheit, den Tag mit zwei Tassen Kaffee zu beginnen, danach sich zurückzuziehen, zu lesen und zu schreiben, um nach ein, zwei Stunden zu frühstücken.“

Doch an diesem besonderen Morgen wird Bálint von einer Serviererin überrascht. Sie führt ihn zu einem Tisch, an dem ein Kuchen mit vier brennenden Kerzen aufgestellt ist. Es ist die erste von mehreren Aufmerksamkeiten seiner alten Freundin und Kollegin Madeleine, die für den gleichen Abend ein Fest zu Ehren Bálints ausrichten wird. „Die Geste rührte ihn, hatte er doch mit nichts dergleichen gerechnet.“

Die Suche nach dem Verlorenen

Mit dieser Szene ist gleichzeitig der Ton von Christian Hallers neuer Novelle gesetzt. Auf gerade einmal 130 Seiten lotet dieser berückend schöne Text das komplizierte Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus – hinsichtlich der melancholischen Frage, wie sich die Gegenwart verdüstert während der titelgebenden „einfallenden Dämmerung“, die den nahenden Tod des Helden ankündigt. Wieviel können wir sehen, was dennoch erkennen, während das Licht abnimmt und die Konturen unserer Welt verschwimmen? Dieses unheimliche Bild einer Verdüsterung wird allerdings nicht verrätselnd, sondern in naturwissenschaftlicher Nüchternheit beschrieben.

Diese Spannung zwischen dem Mysterium auf der Inhaltsebene und dem klaren Ton auf der Stilebene macht „Einfallende Dämmerung“ zu großer Literatur – die sich auch an weitere Literatur anlehnt. Denn schon der Name von Bálints Freundin Madeleine deutet offensichtlich auf Marcel Proust’ „À la recherche du temps perdu“ hin, also auf jene „Suche nach der verlorenen Zeit“, die wenig später explizit in Hallers Novelle genannt und als Sinnbild seiner größten Befürchtungen dargestellt wird. „Jetzt fragte er sich, ob es anstelle einer ‚Recherche du temps perdu‘ eine der ‚temps présent‘ oder gar ‚future‘ geben könne? War es möglich zu erforschen, was man gleichzeitig lebte?“

Revolution der Mikrobiologie

In knappen Szenen folgt diese Geschichte einem Naturwissenschaftler, der über Jahrzehnte seines Lebens durch die Okulare von Labormikroskopen geschaut hat – und nun auf ähnlich nüchterne Weise die eigene Vergänglichkeit begutachtet, sich jedoch gleichzeitig auf eine rückblickende Suche nach der verlorenen Zeit macht. Um wenigstens für einen Moment das bedrohliche horror vacui abzuwehren, bedient sich Bálint Beobachtungsweisen der Biologie und jener empirischen Verfahren, die er während seiner Karriere erlernt hat. Er katalogisiert die Vergangenheit auf rührende Weise, protokolliert seine Umgebung, fertigt analysierende Fotografien an. Er blätterte durch seine wissenschaftlichen Notizen und erinnert sich noch einmal an seinen größten beruflichen Erfolg.

„Durch die Untersuchungen mit einem Stoff, der aus einem Bakterium von der Osterinsel gewonnen worden war und als Immunsuppressor wirkte, entdeckten sie am Biozentrum, dass es zwei Enzyme gab, TOR1 und TOR2, die das Wachstum der Zellen steuerten. Bei großem Nahrungsangebot schalteten sie das Wachstum ein, bei wenig Nahrung wieder aus. […] Die Entdeckung der zwei Enzyme und ihrer Wirkung auf das Zellwachstum revolutionierte einen Teil der Mikrobiologie.“

Beginnende Alterdepression

Es bleibt keineswegs bei diesen so leicht beschreibbaren Erinnerungen. Irgendwann blickt Bálint ebenso in die Vergangenheit einer fatalen Liaison, die sich zerschlagen – und den Biologen ohne Chance auf eine eigene Familie zurückgelassen hatte. Trotz dieser lebensprägenden Kränkung wird der Achtzigjährige noch einmal die Hoffnung auf einen kleinen Anfang zulassen, darauf, dass etwas beginnt in seinem unweigerlich absterbenden Leben. Er wird zaghaft versuchen, neue Verbindungen einzugehen – und doch nur auf alte Muster, Blicke und Gesten treffen.

Trotzdem verweigert sich Bálint der drohenden, vielleicht längst einsetzenden Altersdepression, die einhergeht mit dem Schwinden lange für selbstverständlich gehaltener Fähigkeiten. „Es gibt im Haus des Alters zwei getrennte Bereiche: die Kammer des jungen Alters und die Kammer des alten Alters. Beide sind verschieden eingerichtet und haben durch ihre Fenster eine andere Aussicht auf das noch unbekannte Land künftiger Jahre.“

Diese Schweinerei muß aufhören

Dass ein Mensch mit seinem achtzigsten Geburtstag in die Kammer des alten Alters übertritt, erfährt Bálint von einem befreundeten Psychotherapeuten. Dieser gibt dem Naturwissenschaftler einen Begriff zur ihn irritierenden Anmutung. In dieser erscheinen selbst bekannte Räume wie fremd, beispielsweise das eigene Apartment, in das Bálint nach seiner Rückkehr aus Paris eintritt. „Die gewohnte Ansicht hatte sich von der Einrichtung abgelöst, und die Wohnung zeigte sich ihm wie bei einem ersten Blick.“

Dieser erste Blick ist mit dem unweigerlich letzten verbunden. „Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“, schrieb der Ästhetikprofessor und Fluxus-Künstler Bazon Brock. Treffender kann die unerhörte Begebenheit kaum beschrieben werden, die in „Einfallende Dämmerung“ ebenso spröde wie konzis poetisiert wird. Wo Bazon Brock wütet und lärmt, schaut und flüstert Christian Haller, um mit leisen Schritten einen immer kleiner werdenden Lebensraum abzugehen.

Selbstverständlich wird auch dieser Biologieprofessor irgendwann sterben – doch nicht sofort, in der Gegenwart dieser schönen Novelle, die mit einer Hoffnung endet. Denn wenigstens noch eine Sache möchte Bálint erleben, eine Erfahrung seines langen Forscherlebens wiederholen, bevor die Dämmerung endgültig in ewige Nacht eingeht. Er möchte: verstehen.

Christian Haller: „Einfallende Dämmerung“, Luchterhand, München, 144 Seiten, 22 Euro

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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