Flat & Franck: Amazon

Vor der Buchmesse, während der Buchmesse und nach der Buchmesse sind das beherrschende Thema des Literaturbetriebes nicht: der neue Nobelpreisträger Patrick Modiano, oder der „Kruso“-Roman von Lutz Seiler (das war er ganz kurz Ende September). Ebenso wenig wird über den erneuten, nun zweiprozentigen Rückgang der Fachbesucherzahlen in Frankfurt diskutiert. Sondern: über Amazon. (Weshalb die Beitragsbilder dieses Mal direkt von „ocelot, not just another bookstore kommen.)

Amazon eröffnet einen Offline-Shop in New York. Amazon sorgt für eine Gesetzesänderung in Österreich. Amazon bietet Flatratelesen an. Amazon und Spiegel stehen in einem unheilvollen Zusammenhang. Die Amazon-Meldungen reißen nicht ab. Was sagt das aus über Betrieb, Betriebsbetrachter und Betriebswirtschaft des Betriebs? Eine Betrachtung, die pünktlich zum Messestart am Mittwoch vergangener Woche beginnt, als („Die Mittagsfrau“) Julia Franck, Deutsche Buchpreisträgerin des Jahres 2007, einen Text auf NDR.de veröffentlicht. Die Überschrift: „Spiegel und Amazon – eine janusköpfige Allianz“. Sie hat „herausgefunden“, was im Internet gang und gäbe ist: Ein Nachrichtenportal nutzt das so genannte Amazon-Partnerprogramm, das jedem x-beliebigen Blogger, Facebook-Post-Schreiber und Twitterer offensteht.

Wer teilnimmt bekommt personalisierte Links, die mit dem eigenen Amazonkonto verbunden sind. Kauft jemand über diese Links ein überweist Amazon bis zu zehn Prozent des über diesen Link getätigten Umsatzes an den Partner, der in diesem Falle Spiegel.de ist. So gut wie keine Buchhandlung oder Buchhandelskette bietet dieses hilfreiche System an, mit strahlender Ausnahme des Berliner Ladens „ocelot, not just another bookstore„, die hier über ihr Affiliate-Programm informieren (ocelot gibt 5%, Amazon 10% – dafür ist Ocelot leichter zu integrieren und man hat dort mit literarisch gebildeten Mneschen und nicht mit dummen Computerprogrammen zu tun.

Von Claudia Katzmarski, die bei Ocelot für einen großen Teil der digitalen Strategie verantwortlich ist habe ich den Unterschied zwischen den Aktionen der Berliner und anderen Buchhandelshomepages erklärt bekommen. Während Ocelot mit Blog, und menschlichen (statt auf Basis von Algorithmen generierten) Empfehlungen dasteht greifen andere Buchhandlungen oft auf so genannte White Label Shops von Anbietern wie Libri, KNV oder SoftLevel zurück. Das sieht dann zum Beispiel so aus. White Label Shops kann man vergleichen mit den fürchterlichen Apothekenzeitschriften, in die dann nur noch die Adresse des Apothekers gedruckt wird. 2,4 Millionen Titel gibt es bei Ocelot (alles, was Libri auf Lager hat), dazu „Handverlesenes“ (Claudia, die zum Glück auf den Begriff „Kuratiert“ verzichtet). – LesenMitLinks hat übrigens weder Werbung noch Affiliate-Links usw. Aus faulheit und aus tausend anderen Gründen.

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Julia Franck wird in ihrem Text jedenfalls apokalyptisch, denn der Spiegel verlinkt inzwischen sogar seine Bestsellerliste mit Amazon. „Welchen Einfluss nimmt eine solche Liste an so prominenter Stelle mit dieser einen Verlinkung auf die rasante Monopolisierung des Marktes?“, orakelt Franck. „Welche Huckepack-Werbung wird Amazon bei zukünftig ausgefeilter Strategie hier platzieren? Wie profitieren beide Unternehmen voneinander – und von der Liste, die 500 elektronische Kassen deutscher Buchhändler wöchentlich ermitteln? Das Fachmagazin Buchreport, Branchenblatt von Verlagen und Buchhandel, ermittelt die Liste wöchentlich für den Spiegel. Der Spiegel schickt seine neugierigen Kunden zu Amazon. Verdient der Spiegel eine Provision pro Link vom Listentitel zum Amazon-Einkauf? Aufgrund welcher Konditionen kommt es zu dieser Allianz?“

Wie gesagt: Jeder kann dieses System nutzen. Es ist ein übliches Verfahren. Jeder kann es kopieren. Wenn er es denn will. Anders sieht es mit der Nachricht aus, dass Amazon pünktlich zum Weihnachtsgeschäft einen Offline-Store gegenüber dem Empire State Building eröffnen wird. Rechnen wird sich dieses Geschäft nicht, sagt Professor Georg Rainer Hofmann, Experte für e-commerce an der Hochschule Aschaffenburg gegenüber dem SWR. „Der Amazon Store in New York ist nur ein PR-Gag – aber ein guter.“ Auf der Messe sorgt Amazons Ankündigung für Aufregung und Belustigung. Werden die Mitarbeiter algorithmisch geschult? Muss der Kunde seine Bestellung an der Kasse aufgeben und rennt dann ein Suchtrupp ins Lager, wo die Artikel selbstverständlich wie in den großen Onlinelagern des amerikanischen Konzerns nach einem Zufallsprinzip sortiert sind? Ist das Amazongeschäft nun vergleichbar mit den Flagshipstores anderer Edelmarken, wie sie zu jeder First-Class-Einkaufsmeile wie die New Bond Street in London gehören? Oder geht Amazon möglicherweise nach dem langsam aufkommenden Trend, dass Waren im Netz bloß angesehen, später jedoch im Einzelhandel erstanden werden? Wird es also weitere Amazon-Shops geben?

Es ist ein Szenario, das wie die Rache für jahrelangen „Beratungsklau“ klingt, als Internetnutzer die neuen Trainingsschuhe auf dem Runner’s Point-Laufband probliefen, um sie anschließend vergünstigt über Zalando zu bestellen. Wahrscheinlich ist eine Offline-Ausdehnung des Online-Anbieters nicht. Was aber kommt, nach Flatrate-Surfen (Arcor, seit 2004), Flatrate-Saufen (in jeder beliebigen Dorfdisoc, zirka eine Woche nach Arcor) und Flatrate-Hören (Simfy, Spotify usw) ist das Flatrate-Lesen. Der „Kindle Unlimited“-Dienst von Amazon ermöglicht unbegrenztes Lesen für 9,99 Euro im Monat. Vertreten sind zum gerade erfolgten Start 650.000 Kindle-Bücher, davon 40.000 in deutscher Sprache (das deutsche Projekt Gutenberg bietet 7.000 gemeinfreie Werke, ist dafür aber auch seit 1971 kostenlos). Während die Schweiz 2007 die Buchpreisbindung abgeschafft hat und Deutschland seine seit 1888 fortführt wagt Österreich einen neuen Schritt und plant laut Kulturminister Josef Ostermayer die Ausweitung der Buchpreisbindung auf E-Books, Online-Handel und Flatratemodelle.

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Ob dann auch der Bibliotheksausweis teurer wird bleibt bis dato offen. Man ahnt schon, was kommen wird, in unheilvoller Erinnerung an das misratene Leistungsschutzrecht für Presseverleger, das Google erpressen sollte, Geld für so genannte Snippets zu bezahlen. Ansonsten sei es dem amerikanischen Suchmaschinenabieter verboten, kurze Textauszüge eines Artikels in den Suchergebnissen widerzugeben. Das Ende vom Lied: Google kam jenen deutschen Presseanbietern nach die nur gegen Geld gelistet werden wollten und strich die Snippets aus den Suchergebnissen. Seitdem wirft die eine Seite der anderen Erpressung vor. Zu fragen ist angesichts der Lese-Flatrate also, ob mit Offenen Briefen, Rechtsvereinbarungen und neuen Gesetzen gegen Amazon gearbeitet werden sollte, oder ob in Kindle Unlimited ebenso eine „Schönheit der Chance“ lauert. Fakt ist nur, dass sich siet dieser Buchmesse kein Verleger hinter bedrucktem Papier verstecken darf. Denn aus diesem Stoff bestehen nicht nur Bücher, sondern auch: Kartenhäuser, die doch so gern zusammenfallen.

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