Von hier an blind

Zwei Aussteiger auf Lanzarote, ein Telenovela-Sternchen und ein alter Schriftsteller mit Schreibhemmung. Das ist keine Dinnergesellschaft, sondern das unheimliche Thriller-Quartett in „Nullzeit“, dem neuen Roman von Juli Zeh.

Sie sind gekommen, um zu bleiben: Seit vierzehn Jahren leben Antje und Sven auf Lanzarote – und bringen Touristen das Tauchen bei. Sie haben gelernt, dass im Ausland jeder Deutsche „Angela Merkels Pressesprecher“ ist. Sie arbeiten in einer Branche, „in der man Badehosen als Arbeitskleidung trägt.“ Ihre Tauchschule befindet sich in der Wildnis der Kanareninsel, ohne Anwohner, in „einer Mischung aus Bauruine und Geisterstadt, einer Variation auf die unklare Grenze zwischen Noch-nicht-fertig und Schon-wieder-verfallen.“ Es ist ein kleines Paradies. Aber das ist Amity, die fiktive Seestadt in „Der weiße Hai“ auch – bevor reihenweise Schwimmer getötet werden.

Jola, 30, „schmiegsam wie ein Stofftier“, ist eine Ex-Telenovela-Actrice mit Ambitionen. Sie will („alles ist Wille“) eine Spielfilmrolle als Taucherin ergattern. „Mich interessiert in den nächsten zwei Wochen nur, was unter Wasser ist“, sagt sie. Ihr depressiver Liebhaber Theodor, ein alternder Schriftsteller mit Schreibhemmung, ist nebensächlich. „Einen Versager verdiene ich, mehr nicht.“ Antje und Sven sind exklusiv gebucht, als „Personal Trainer“. Erst 120 Seiten später wird Sven kapieren: „Bezahlt wurde ich für den Umgang mit zwei Neurotikern, die geahnt hatten, dass sie im Urlaub beaufsichtigt werden mussten.“ Dass sich die Gruppe längst in Lebensgefahr befindet, weisst bislang keiner.

Juli Zeh erzählt die am Ende tödlich verlaufenden Wochen mit Jolas Tagebucheinträgen, und längeren Erinnerungen des mehr und mehr verunsicherten Sven. Die Schauspielerin umgarnt ihren zehn Jahre älteren Lehrer, man hat das Gefühl Seite für Seite tiefer hinabzutauchen in dunkle Gewässer – denn die Versionen von Jola und Sven unterscheiden sich auf unheimliche Art und Weise. Klar ist nur, das hier zwei vollkommen unterschiedliche Paare aufeinandergetroffen sind: Die gesundheitsbewussten, frischen Sportler und die psychisch kaputten, sehr verbrauchten Künstler. Doch unter Wasser zählt nur, genug Sauerstoff zu haben. Ansonsten erstickt selbst der gesundeste Taucher – und wegdiskutieren lässt sich Atemnot ebenfalls nicht, da kann man noch so intellektuell gebildet sein.

Juli Zeh halt mal wieder einen Versuchsaufbau geschrieben. In „Spieltrieb“ (2004) musste ein Sportlehrer alles verlieren – damals Schachmatt gesetzt von einer hochbegabten Schülerin. „Schilf“ (2007) war ein konstruktivistischer Krimi, in dem wiederum ein Hochbegabter vom Wahnsinn befallen wird. Konstruktivistisch hiess damals, und heisst es jetzt auch wieder in „Nullzeit“ – dass die Wirklichkeit in unserem Kopf erschaffen wird. Niemand sieht diese Welt auf die gleiche Art, auf gleiche Weise. Unter Sauerstoffmangel sind die Halluzinationen natürlich besonders stark.

Es wird Liebes- und Todesszenen in der Tiefe geben, und subtile Mordanschläge, die als Unfall, als Versehen kaschiert werden. Es gibt Gerüchte, Drohungen, verbotenen Sex. Die Figuren sind der rohen Natur, zu der sie selbst gehören: ausgeliefert. Auf einer kargen Vulkaninsel, die bereits Skandalautor Michel Houllebecq Endzeitliches in einer kleinen Novelle denken liess, wird nicht nur die Beziehung von zwei Pärchen verhandelt – sondern vor allem die große Frage, ob der Mensch dem anderen Menschen weiterhin ein Wolf, ein Raubtier ist. Was am Ende dieses grandiosen Psychothrillers bleibt? – Unfassbare Angst!

Juli Zeh: „Nullzeit“, Schöffling & Co, 256 S., 19,95 Euro das Hörbuch, gelesen von T. Sarbacher, B. Steffenhagen ist erschienen bei Der Audio Verlag, 290 Min.

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