Baby an Bart

Der Tag beginnt mit einem Baby im Mülleimer: in „Glückskind“, dem neuen Roman von Steven Uhly aus Köln.

Hans ist ein ungepflegter, älterer Mann, der unweigerlich an den Dude von „The Big Lebowski“ erinnert. Er haust in einer zugemüllten Wohnung, umgeben von leeren Milchkartons, trägt einen Zottelbart, seine struppigen Haare kennen kein Anti-Spliss-Shampoo. Seine Frau hat ihn verlassen. Zu den beiden Kindern gibt es null Kontakt. Die Kohle überweist das Sozialamt. Hans sieht sich nicht imstande, wenigstens halbtags zu arbeiten. „Was die Leute alles wegschmeißen, denkt Hans, als er eine lebensgroße Babypuppe sieht, die auf dem Müll liegt.“

Ab hier ändert sich Hans‘ Leben radikal. Denn dieser hässliche, alte Mann, findet keine Puppe, sondern ein echtes, reines, hilfsbedürftiges Baby, das von der eigenen Mutter zurückgelassen, dem Tod in die Arme gelegt wurde. Nun würde man vermuten, dass dieser lebensschwache Typ die Ordnungskräfte ruft, jegliche Verantwortung mal wieder von sich weist. Doch es kommt anders in Steven Uhlys neuem Roman „Glückskind“. Hans versteckt das Baby, es ist ein kleines Mädchen, in seiner Wohnung. „Dieses Kind passt nicht hierher“, murmelt er traurig, „aber es passt auch nicht in den Müll.“

Die Geschichte vom gefundenen Kleinkind ist ein uraltes Motiv. Was anschließend passiert, hängt davon ab, wer das Baby findet. Sind es Frauen oder Mönche, wird es schnell religiös (Moses, Die Legende des Gregorius). bei Männern in den Dreissigern muss man sich auf eine Komödie einstellen (Hangover, Drei Männer und ein Baby), bei Tieren auf Legenden und Walt Disney-Filme (Romulus und Remus, Dschungelbuch).

Steven Uhlys „Glückskind“ ist aber unberechenbar, hat nichts Religiöses oder Komödienhaftes, überhaupt wenig Konventionelles an sich. Als Herr Wenzel vom Lottokiosk Wind von der ganzen Sache bekommt, bietet er sich als zweiter Großvater an. Hans‘ Nachbarn, die Familie Tarsi aus dem Iran, möchte ebenfalls helfen. Weggeben will keiner das Kind. Es wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

Das ist spannend gemacht. Denn die Polizei fahndet fieberhaft. Es gibt Verhöre, Reportagen, Medienaufrufe – so wie man es aus der Realität kennt, die viel zu oft mit verschwundenen Kindern konfrontiert wird. Kann man angesichts von Tagesschau-Berichten mit dem aufgelösten Vater seelenruhig schweigen, das Findelkind nachwievor unter Verschluss halten? Immer gewagter werden die Manöver von Hans, Herrn Wenzel und den Tarsis, um die Existenz des Mädchen zu verbergen. Hans‘ Druck wächst ins Unermessliche. Denn gerade sein Leben hat durch das „Glückskind“ neuen Sinn bekommen.

Als richtiger Vater war Hans nämlich ein Versager. Das wird ihm jetzt erst richtig klar. Durch die Augen des Babys schaut er zurück auf seine verkorkste, traurige Vergangenheit. Etwas ganz Erstaunliches passiert: Man wünscht, die Kleine möge auf Ewig bei ihm bleiben. Von da an ist Hans nicht mehr der Dude aus „The Big Lebowski“. Die zusammengewürfelte Kleinfamilie erinnert nirgends an „Drei Männer und ein Baby“. Das Buch bekommt etwas sehr Tiefes, es weicht nicht aus ins Ironische – Steven Uhly nimmt seine Figuren, seine Geschichten, vor allem aber seine Leser ernst. Dieses Gefühl ist fabelhaft.

(Steven Uhly: „Glückskind“, Secession, 260 Seiten, 19,90 Euro)

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