Das Lyrikgespräch im Mai

Am Anfang ihrer Karriere steht Frieda Paris – auf zahlreiche Preise, Ausgaben, Einmischungen aller Art kann der Schweizer Schriftsteller Ralph Dutli zurückblicken. „Nachtwasser“ heißt das Debüt, „Alba“ die gerade erschienene Summa. Was die beiden eint, ist ihr tiefes Wissen um lyrische Traditionen, die freigelegt werden im aktuellen „Büchermarkt“-Lyrikgespräch mit Beate Tröger und Alexandru Bulucz.

Mit einem Langgedicht betritt Frieda Paris die lyrische Bühne und schreibt: „das lange Gedicht ist Container für Material und verwertet, was im kurzen keinen Platz findet“. Sie hat Gehilfinnen, ihre „Wortmutter“ Friederike Mayröcker und das Wappentier gesungener Literatur: „ich erfinde einen Vogel: die Lomeise
ein Singvogel, handtellergroß“. Von Patroninnen bewacht schreibt sie im frechen Gestus einer Poetik-Vorlesung über Urlaubsreisen nach Holland als Kind, das ausgesprochene Ende einer Liebe am 60. Todestag von Marilyn Monroe, über „Schlittenfahren, Tiefkühltruhe, Kindergeburtstage“, sie stellt sich „die Wasserrutsche aus dem Freibad vor, / in dem ich schwimmen lernte“. Der Text zeichnet ihren Weg vom Kind zur Dichterin nach, als habe sie alles (wie Mayröcker) auf Zettel notiert, dann aber keine Lust auf zusammenhängendes Dichten gehabt, sondern stattdessen den Kasten ausgekippt. Ohne Recherche ist teilweise unterscheidbar, was Eigenes, was „Quelle“ ist – und diese Quelle weist zum mehrdeutigen Nachwasser, gewiss ein Synonym ist für die „fluiden Identitäten“ des lyrischen Ichs.

Die „Wasser weiß zu reden“-Zeile der ebenfalls genannten Ingeborg Bachmann und das Fahrwasser vorheriger Dichterinnen und Dichter, in dem sich Paris’ Text bewegt, werden angedeutet: „einer sagt NACHWASSER, das klinge für ihn / wie Nachgeburt // einer sagt, er denke an Urin, der nachtropft // einer sagt, man verwende nachwässern auch für / nachschärfen, er kenne es aus dem Arbeitskontext“. Aus dem Zettelkasten Hans Blumenbergs oder Niklas Luhmanns entstanden tiefwurzelnde, von einem untergründigen Kommunikationsnetz durchzogene, in sich abgeschlossene und gestaltete Wissenschaftsschriften. Hybrid zwischen Zettel und zusammenhängenden Text stand Arno Schmidts „Zettel’s Traum“. Noch zettelartiger ist Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“, in dessen Tradition Frieda Paris’ „Nachwasser“-Debüt ebenfalls steht. Dazu spielt im Hintergrund (die abschließenden Quellenangaben verraten es) „My Friend the Forest“ von Nils Frahm. Die Poetik liegt also vor, auf das nun folgende Werk kann man neugierig sein. Frieda Paris: „Nachwasser“, Edition Azur, Dresden, 126 Seiten, 22 Euro

Die Poesieschatulle

Es gibt ein „Weißes“ des ja eigentlich Morgengrau genannten Tagesanbruchs, das in romanischen Sprachen als „Alba“ bezeichnet wird. „Alba“ heißt auch der neue Band Ralph Dutlis, nach jener aus dem Mittelalter überkommenem Liedform, das „Tagelied“, in dessen Mittelpunkt der Abschied zweier in der vorherigen Nacht verbundener Liebender steht. „Mir geht es noch im Blute, / noch duftet das ganze Haus. / Zu was für Worten ruhte / mein Mund auf deinem aus, / auf deinem guten Munde, / auf deiner beruhigten Brust“, dichtete Rilke in seinem Tagelied. „das zungige zerrige Stundenbuch der Nacht / hat unseren Atem verspielt // wir gleiten in die Wochenminuten deines Lebens / die Sekundentage meiner Stunden / im Tagelied tickt die Uhr / sie weiß nichts als ihre Grillenlieder“, entgegnet Dutli in seinem Band, der neben Grillen, Libellen und Fliegen vor allem den Bienen Aufmerksamkeit schenkt, in teilweise verrätselten Versen: „auch Gedichte sind Insekten / der eingeschnittene Körper die Verse / die Gräten beben in ihren Nähten“ (ungelöst bleibt, welche Insekten bebende Gräten aufweisen).

2023 hat Dutli den Übersetzerpreis Gingko-Biloba für Lyrik erhalten. In seiner Dankesrede zitiert er Wilhelm von Humboldt, der zu seiner Übersetzung von Aischylos’ „Agamemnon“ (1816) schrieb, eine Übersetzung müsse die „Farbe der Fremdheit“ bewahren. Diese „Farbe der Fremdheit“ kennzeichnet auch die „Alba“-Gedichte, die sich anlehnen an so verdunkelte Vorlagen wie das St. Trutperter Hohelied oder, noch obskurer, unter der Abteilungsüberschrift „Vom Mundvorrat“ romanische Dichter vom Mittelalter bis Arthur Rimbaud vorstellt (mit einem Bonustrack des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Robert Frost). So erhellt dieser Band – quasi im Weiß des Morgenlichtes – die Verse des südfranzösischen Trobadors Raimbaut de Vaqueiras, jene von Eustache Deschamps (der auch bekannt geworden ist durch seine erste in französischer Sprache verfassten Poetik) oder auch von Charles d’Orléans, einem frühen Vorläufer des heute so beliebten „nature writings“. Gottfrieds „Tristan“ und Catulls Kussgedichte passen in diese „Poesieschatulle“ des gelehrten Versvermittlers. Ein frühes Alterswerk, eine Art „Summa“ jahrzehntelanger Poesie-Beschäftigung. Ralph Dutli. „Alba“, Wallstein, 200 Seiten, 22 Euro

Hier kann das Deutschlandfunk-Lyrikgespräch zu Ralph Dutli: „Alba“ + Frieda Paris: „Nachwasser“ vom 28.05.2024 nachgehört werden

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