Rezension: Hysterie und Hypnose

In der berühmten Pariser Nervenheilanstalt Hôpital de la Salpêtrière wird um 1890 eine Tänzerin gegen ihren Willen eingeliefert. Sie will nicht mehr auftreten und schnell scheint deutlich, dass sie unter der neuen Krankheit „Hysterie“ leidet – oder wurde sie zum Objekt eines medizinischen Experiments gemacht, fragt der junge Züricher Autor Alexander Kamber.

Tanz und Literatur standen immer wieder in fruchtbarer Beziehung – sobald die Füße stillstanden, wurde geschrieben. Die Begegnung mit dem tanzenden Derwisch Schamsuddin machte Rumi Mitte des 13. Jahrhunderts zum bedeutendsten Dichter persischer Sprache. 1770 verliebte sich Goethe während eines Balls unglücklich in Charlotte Buff. Aus dieser Begegnung entstand der „Werther“-Roman. 1988 war Rainald Goetz bei DJ Hell auf der ersten Acid-House-Party in München. Danach beendete er seine langjährigen philosophischen Studien und veröffentlichte Techno-Bücher wie „Rave“ oder „Mix, Cuts & Scratches“.

Der Tanz und seine Verbindung zum Schreiben stehen ebenso im Mittelpunkt des kurzen Romans von Alexander Kamber, der die fiktive Psychiatriegeschichte einer 16-jährigen Cabaret-Tänzerin im Paris um 1890 erzählt. Nachdem die namenlose Ich-Erzählerin aufgehört hat zu tanzen, wird sie vom Besitzer des Varietés ins Hôpital de la Salpêtrière gebracht. Vermutet wird, dass die junge Tänzerin an der damaligen Modekrankheit Hysterie erkrankt ist. Darunter fiel vieles, was heute als dissoziative Störung diagnostiziert wird. Dagegen spricht, dass sie überaus klar ihre neue Krankenhauswelt in Worte fassen kann.

„Ich notiere alles in dieses Notizbuch, das mir der Doktor nach meiner Ankunft gegeben hat. Es ist ein schönes Buch, das man in kostbares, schwarz gefärbtes Leinen gebunden hat. Ich versuche mich so genau wie möglich an meine Begegnungen und Gespräche zu erinnern, damit ich alles schwarz auf weiß vor mir habe.“

Die wandernde Gebärmutter

Der Doktor dieser fiktiven Geschichte ist angelehnt an Jean-Martin Charcot, der von 1825 bis 1893 gelebt hat und als einer der Begründer der modernen Neurologie gilt. Er wollte beweisen, dass die Hysterie eine psychische Ursache hat. Über Jahrhunderte hatte diese Erkrankung als körperliche Störung gegolten. Vermutet wurde, dass diese Krankheit hervorgerufen werde durch eine wandernde Gebärmutter, altgriechisch „hystéra“. In öffentlichen Vorführungen setzte Charcot in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Pariser Patientinnen unter Hypnose. Er löste auf diese Weise einen kataleptischen Zustand aus, auch bei der jungen Tänzerin aus Kambers „Nachtblaue Blumen“-Roman.

„Ich biege meinen Körper erneut in einem umgedrehten U nach hinten, zuerst lösen sich meine Fersen vom Boden, dann auch meine Zehen. Nun ist es in aller Deutlichkeit zu sehen, es gibt keinen Zweifel mehr, meine Füße heben sich an, bis kein Bodenkontakt mehr da ist, ich schwebe.“

Während dieser medizinischen Zurschaustellung wird die jugendliche Tänzerin mit einem Chronofotografen aufgezeichnet, allerdings nicht gefragt, ob ihr die neumodische Art der Lehrdiagnostik Recht sei. Sie nimmt diese Behandlung klaglos hin. Angedeutet wird, dass ihr diese Bühnen-Rückkehr zusagt, auch wenn damit eine seltsame Form der Bewegung einhergeht, ein scheinbar unbewusster, die Psyche offenbarender Ausdruckstanz.

Vom Irrenhaus ins Moulin Rouge

Kunstvoll literarisiert dieser Text unterschiedliche Techniken der Körperpolitik – offensichtlich theoretisch grundiert. Seit September 2022 schreibt Alexander Kamber an einer Dissertation über ökologisches Körperwissen des Tanzes um 1900. Daher verwundert kaum, dass dieser Roman angelehnt ist an die reale Biographie Jane Avrils, jener französischen Tänzerin, die in den 1880er Jahren im Salpêtrière von Jean-Martin Charcot öffentlich zur Schau gestellt worden ist – und wenig später ein Star des neu eröffneten Moulin Rouge wurde.

„Es ist Avrils Schicksal, das wie eine Wolke über der namenlosen Erzählerin der folgenden Aufzeichnungen schwebt“, schreibt ein fiktiver Herausgeber zu Beginn des Romans. Nach diesen eröffnenden zweieinhalb Seiten wird die Geschichte allein vermittels der abendlichen Notizen seiner Heldin wiedergegeben. Sie protokolliert das Psychiatrieleben, die nächtliche Unruhe, verschiedene Therapiesitzungen bei einem Zigarre rauchenden deutschen Arzt, die gelegentlichen Besuche des Varietébesitzers, den sie Patron nennt, seit er sie aus einem Waisenhaus zu sich genommen hat. Und sie schreibt über ihre Freundschaft zur Mitpatientin Cléo.

„Eigentlich ist Cléo nicht ihr richtiger Name, aber wir nennen sie so, weil sie Kleptomanin ist. Anders als die meisten hier habe ich sie von Anfang an in mein Herz geschlossen. Es liegt an ihrem Lachen, sie beugt sich vor, setzt einen Fuß vor den anderen und lacht den Menschen ins Gesicht. Sie hat es faustdick hinter den Ohren. Seit ihrem siebten Lebensjahr stiehlt sie wie eine Elster.“

Sturz in die Nacht

Cléo hat als Assistentin eines Zauberers gearbeitet, bis er, der Dinge verschwinden und wiedererscheinen lassen konnte, selbst verschwunden – und nie wieder auftaucht ist. So wurde ihre psychische Krise ausgelöst, durch eine narzisstische Kränkung, jene Verwundung des Selbst, die auch die Krise der Heldin bedingt hat – und bei der die titelgebenden nachtblauen Blumen eine bezeichnende Rolle spielen. Das Notizbuchschreiben ist weniger Therapie denn Selbstvergewisserung – die Heldin weiß, dass sie keineswegs psychisch krank ist, sondern lediglich Figur eines immer absurder anmutenden Spiels.

Darin unterscheidet sich „Nachtblaue Blumen“ von zahlreichen anderen Psychiatriegeschichten, die den Wahnsinn, das „Irre“-Sein als gegeben annehmen; wie im berühmten Rainald Goetz-Debüt’ oder auch in Depressions- und Burn-Out-Memoirs von William Styrons „Sturz in die Nacht“ über Piet C. Kuipers „Seelenfinsternis“ bis zu Eva Lohmanns „Acht Wochen verrückt“. Alexander Kamber hat seiner 16-jährigen Protagonistin eine nüchterne, altersgemäße – also glaubwürdige – Sprache verliehen.

Sein Text ist eine literarisch und psychologisch determinierte Analyse vergangener, teilweise bis heute gebräuchlicher Techniken, mit denen unsere Gesellschaft deviantes Verhalten pathologisiert. „Vermutlich fehlt dir gar nichts“, gesteht der Doktor am Ende und schiebt entschuldigend nach: „Ich will, dass du weißt, dass ich immer nur dein Bestes wollte.“ Das ist eine glatte Lüge, mit der eine tiefere, im Roman geborgene Wahrheit über die diffizile Technik psychotherapeutischer Behandlung auf berückende Weise freigelegt wird. „Nachtblaue Blumen“ ist eine effektvolle, dabei an keiner Stelle effektheischende Studie über jene Kraft, die stets das vermeintlich Gute will und doch nur Böses schafft.

Alexander Kamber: „Nachtblaue Blumen“, Limmat Verlag, 128 Seiten, 26 Euro

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