Interview: Auf einen Tee mit Uwe Timm

Uwe Timm, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart („Am Beispiel meines Bruders“, „Die Entdeckung der Currywurst“), empfängt anlässlich seiner Essaysammung „Montaignes Turm (KiWi, 192 S., 16,99 Euro). Auf dem Schreibtisch von Uwe Timms Münchner Altbauwohnung liegt neben vielen anderen Sächelchen: ein Uterus aus Stein. „Ein etruskisches Fruchtbarkeitssymbol“, sagt er, „das ich vor dreißig Jahren aus Rom mitgebracht habe.“ Sein Arbeitsplatz, auf dem der inzwischen 75-jährige Uwe Timm immer noch per Hand in große Kladden schreibt, besteht aus einer schlichten Platte auf zwei Holzböcken. „Geschlossene Schreibtische füllen die Räume. Normalerweise ist das Zimmer ziemlich leer, Nachschlagewerke, und ein paar Klassiker, Goethe, Kleist, Hölderlin, Autoren in die ich immer wieder hineinlese.“ Wer sich hier umschaut entdeckt außerdem: Walzähne, in die kunstvoll Abbildungen geritzt wurden, so genannte „Scrimshaws“. Es gibt einen silbernen Buddha, den Uwe Timm vor vierzig Jahren aus Indien mitgebracht bekam. Wir trinken Tee aus britischen Tassen, auf denen Mitglieder der Krone abgebildet sind. Ethno-Jazz-, Klassik- und Pop-CDs sind vor dem Bücherregal gestapelt. Linker Seite liegen die sorgsam geordneten Unterlagen für Uwe Timms Steuerberaterin; und trotz der vielen Exponate ist dieses Arbeitszimmer aufgeräumt, hell und bescheiden. Das Zimmer des gebürtigen Hamburgers, man möchte nahezu sagen, des „großen Klaren aus dem Norden“, ist ganz anders als so viele andere Arbitsplätze bekannter Literaten. Man denkt gleich an die legendäre Zettel- und Bücherbergsammlung von Kollegin Friederike Mayröcker. Uwe Timm sammelt Gegenstände, Erinnerungsstücke, Devotionalien, die in vielen Fällen in seinen Romanen, in seinen Novellen und Erzählungen auftauchen. Verzettelt sind diese Romane nie. Trotz der beeindruckenden Materialfülle, der sie zu Grunde liegen.

Wie sammelt man Sachen, die interessant sind? Ich habe immer Angst, mir irgendeinen Müll ins Haus zu schleppen. Die Gefahr die ist natürlich da. Man muss dann irgendwann recyceln. Ich recherchiere wirklich fleißig und genau und schreibe mir das auf und habe dann solche Kladden, da schreibe ich die Notizen und Zitate rein. Die Unterlagen lege ich in diesen Schrank, der so viele Schubladen hat. In jeder Schublade ist ein bestimmtes Projekte, das ich verfolge. Jetzt zum Beispiel schreibe ich an einem Roman, an dem ich seit dreißig Jahren sitze, für den ich  sammele und sammele. Beides im Kopf und auf dem Papier.

Wie sortiert man Bücherregale? Hier habe ich nur diese Nachschlagewerke stehen und meine ganzen Übersetzungen. Die mir gefallen, stelle ich mir hier hin, zum Beispiel die japanische Übersetzung von „Die Entdeckung der Currywurst“.

Da wir hier sitzen und feinsten Darjeeling trinken – Wie kommt ein Hamburger nach München? Ich muss mich immer rechtfertigen, warum ich als Hamburger hier in München lebe. Dieser Vergleich mit den Städten ist wirklich nervend. Andererseits ist so ein Vergleich im strukturalistischen Sinne von Roland Barthes natürlich auch wieder interessant. Es sagt viel über Klischees aus. München, das ist immer Schickimicki. als ob ich mich den ganzen Tag die Maximilianstraße rauf und runter bewege. Allerdings muss man sagen, es der einzige Boulevard in Deutschland. Die Königsallee ist völlig heruntergekommen, Unter den Linden oder der Kurfürstendamm sowieso. Und dann erst der Jungfernstieg oder die Mönckebergstraße in Hamburg – furchtbar.

Sie haben in München studiert… Ich habe immer die Vorstellung gehabt, und die ist nicht ganz falsch, dass München eine sehr südliche Stadt ist. Und ich mag Barock, und ich mag Italien, und ich bin hierher gekommen und die Stadt hat mich gleich aufgenommen, gerne aufgenommen und gut aufgenommen. Ich war auf der Uni und habe die Uni auch wirklich genossen. Es war wirklich eine gute Zeit für mich.

9783462047431Und zuvor haben Sie das Abitur nachgemacht? Am Braunschweig-Kolleg, mit Benno Ohnesorg zusammen. Darüber habe ich geschrieben. „Der Freund und der Fremde“. Das beschreibt die damalige politische Situation. Nach dem Abitur bin ich hierher gegangen und habe angefangen, Philosophie und Germanistik zu studieren, dann auch in Philosophie promoviert bei dem Heidegger-Schüler Max Müller.

Worüber haben Sie promoviert? Über das Absurditätsproblem, speziell bei Camus.

Waren die Promotionsjahre eine gute Zeit? Ja. Ich war dadurch ein Jahr in Paris. Dann kam ich zurück, und hier hatte sich alles politisiert. Daraufhin habe ich die ursprüngliche Dissertation, an der ich intensiv und lange gearbeitet habe, weggeschmissen und eine neue geschrieben, die politischer war.

Aber Sie haben diese alte Dissertation irgendwo noch?  Nein. Ich habe vor kurzem zufällig noch 17 Seiten gefunden. Den Rest habe ich damals kompromisslos weggeschmissen. Das gehörte auch zur damaligen Haltung,keine Kompromisse. Ich wollte einen Schnitt machen.

Worüber haben Sie vorher geschrieben? Stark an  Heidegger orientiert. Heute glaube ich, der Ansatz war ganz gut, aber irgendwie war ich da uneins mit mir, ich hätte das so nicht weiterschreiben können in der Zeit. Und nach einem halben Jahr habe ich es ganz anders und neu geschrieben. Ich würde diese Arbeit jetzt nicht wieder lesen, aber die erste Fassung würde ich, glaube ich, ganz gerne wieder lesen, auch die Sachen, die ich weggeschmissen habe. Das sind so die paradoxen Dinge im Leben.“

Als Sie zurückkamen und das Bild des toten Benno Ohnesorg sahen und alles politisiert war: Haben Sie sich gedacht, jetzt räche ich meinen Freund? Nein, nein, eigentlich nicht. Das nicht. Mir ist nur in dem Moment klar geworden, wie widersprüchlich die ganze, weltweite politische Situation war. Ich war vorher bei Anti-Vietnam-Demonstrationen. Das fing vielleicht 1965 oder ’66 an. Ich habe mich dann in Paris sehr intensiv, also auch durch die Leute, die dort waren, mit der Dritten Welt beschäftigt. So kam ich in diese Kreise rein. Noch 1966 im SDS war alles relativ ruhig und es wurde über die Frühschriften von Marx diskutiert und über Hegel. Aber nein, Gedanken  an Rache hatte ich nicht. Aber dieses Bild des toten Ohnesorg hat auf den Punkt gebracht, was in der Gesellschaft nicht richtig war, worunter man selbst auch gelitten hat: an dieser Isolierung und an dieser Konkurrenzsituation in der Universität, an den autoritären Strukturen.

Die Uni als Elfenbeinturm? Ich habe ein sehr elitäres Verhalten gehabt. Das habe ich aber schnell abgebaut, durch Einsicht. Da haben sich in der Politisierung plötzlich ganz einfache, solidarische Lebensformen entwickelt. Man half sich gegenseitig, tauschte sich in der Uni aus, hielt nicht mehr geheim, wenn man etwas in der Sekundärliteratur  gefunden hatte, sondern sagte: „Du, ich hab für deine Arbeit, da kann ich dir helfen“. Das war ein ganz anderes, nicht mehr auf Konkurrenz ausgerichtetes Miteinander.

Was hat bereits vorher die Pariser Zeit schön gemacht? Dass ich einerseits an einer Dissertation arbeiten konnte und andererseits intensiv geschrieben habe. Mit einem Freund, der Mathematiker ist, später Professor für Mathematik wurde, habe ich über Literatur, über Literaturtheorie, aber auch konkret über das Schreiben diskutiert. Wir haben beide geschrieben und uns das Geschriebene  vorgelesen und diskutiert.

Das geht mit einem Mathematiker? Ja. Der hat nebenher noch Literatur studiert. Der hat ein Literaturstudium abgeschlossen, ein Mathematikstudium abgeschlossen, sich dann habilitiert und sogar auch Ökonomie studiert.

Stimmt die Behauptung, Sie seien erst nach zwei Jahrzehnten erfolgreich gewesen, Sie hätten sich „nach oben“ schreiben müssen? Das war bei mir tatsächlich nicht so wie bei Günter Grass. Der hat ein Buch geschrieben und war mit der Blechtrommel auf eine sensationelle Weise präsent. Aber mein erster Roman, der „Heiße Sommer“, ist nicht schlecht gegangen, aus heutiger Sicht sogar ganz gut, mit 36.000 Hardcovern.

Und dann kommt 19 Jahre später Ihre Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“… Die dann Schullektüre wurde. Sie wurde übersetzt. Die Germanisten haben mich dann ans Herz gedrückt. Aber ein Medienspektakel war ich nie, wie beispielsweise Peter Handke, der bei seine Auftritt in Princeton die Kollegen beschimpft hat.

Wie kam die Revolution der Achtundsechziger nach Deutschland? Die 68er-Revolte muss man in Deutschland auf 1967 datieren. Das begann hier mit dem Tod von Benno Ohnesorg 1967 in Berlin, wo er auf einer Anti-Schah-Demonstration erschossen wurde. Wobei das nicht alleine der Grund war. Bei dieser Anti-Schah-Demonstration sind 120 Demonstranten, die alle noch mit Krawatten rumliefen und die Mädchen in Kostümen, was üblich war, und in Kleidern, die sind krankenhausreif geprügelt worden. Das Jahr 1967 ist tatsächlich nur symbolisch geworden durch diese eine Figur, in diesem Foto, wo der sterbende Ohnesorg am Boden liegt.

Ist „Heißer Sommer“, Ihr Debüt, ein RAF-Roman? „Das ist damals heftig diskutiert worden. Auch innerhalb der Linken. Weil „Heißer Sommer“ vom Ansatz in die Gewerkschaft führt – und nicht in den bewaffneten Widerstand. Es ist eher das, was man „reformistisch“ und nicht „revolutionär“, nannte.

Das war in der Tat ein Problem? Es wurde auch diskutiert, ob die Arbeiter richtig dargestellt waren, solche Fragen, die heute überhaupt nicht mehr vorstellbar sind. Oder: Gibt es eine bestimmte politische Strategie in dem Roman? Die gibt es so nicht, also es ist ja ein Entwicklungsroman, wenn man es so will, von einem ziemlich durchschnittlichen Studenten mit Arbeitsschwierigkeiten, der seine Probleme hat zu Hause, der Probleme hat mit der Universität, auch wieder typisch, und der sich dann radikalisiert und politisiert.

Es gibt immerhin einen Anschlag. Wenn man so etwas wie dieses Attentat auf das Polizeiauto annimmt, dann ist das schon sehr nahe an dem, was man in der wirklich gewaltbereiten Szene ansiedeln würde. Und es gibt ja auch dann so ein Gespräch mit diesem Conny, der offensichtlich bei der RAF ist, wo Gewalt auch diskutiert wird…

Eine Waffe taucht auf. Die Waffe, ja. das ist der Bereich, solche Diskussionen habe ich selbst erlebt. Ich war im SDS, habe relativ elitär Philosophie studiert, Heidegger gelesen. Ich finde den ganz wichtig, auch als Linker. Im SDS wurde ich politisiert und als das nicht weiter ging aus vielen Gründen, da könnte man lange diskutieren, warum die Studentenbewegung auch gescheitert ist, da bin ich in die DKP gegangen, dort wieder ausgetreten und jetzt bin ich Freibeuter. Ich segle unter eigener Flagge.

Diese Zeit wirkt unglaublich fern. Vor allem die politische Haltung kann man sich nicht mehr vorstellen. 1974 sind wir hier in dieses Münchner Haus gezogen. Da sind drüben, ziemlich nahe gegenüber, Balkone von kleineren, älteren Häusern, wo Studenten oder Künstler wohnten. Wenn man im Sommer draußen saß auf dem Balkon, dann hörte man Diskussionen, also wirklich engagierte Diskussionen über die Dritte Welt, über Unterdrückung, über die Notwendigkeit der Veränderungen, über eigene Bedürfnisse, über die Solidarität. Heute ist das nur noch ein Gespräch über Urlaub oder über Berufschancen. Innerhalb von wenigen Jahren hat sich die Mentalität radikal geändert.

Was ich immer wieder höre: Die Zeit der späten Sechziger und der Siebziger sei für Nachgeborene auch in sexueller Hinsicht nicht nachvollziehbar, diese wenigen Jahre, als die Pille schon da und AIDS noch nicht bekannt war. Das Entscheidende an Achtundsechzig ist, dass das nicht nur eine abstrakte Entwicklung war zu anderen politischen Vorstellungen, also andere Regierung, mehr Geld, bessere Gewerkschaften, sondern das ist eine Frage gewesen, wie man sich selbst verändert: Wie man Distinktion gegen Gewalt entwickelt. Auch in den Emotionen. Das kann man sich heut nur schwer vorstellen, die Formalisierung in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Mädchen und Jungs. Das war vor 1968 mit Konventionen belegt. Plötzlich änderte sich alles, derart, dass Mädchen, die man nicht kannte, in der Bibliothek einen ansprachen und sagten: „Hast du Lust auf einen Tee zu Hause?“. Damit wurde übergesprungen, was sonst nur den Männern vorbehalten war, ein Annäherungsversuch.

Warum gibt es jetzt wieder diese Konventionen? Da muss ich euch fragen, ihr jungen Leute, warum duldet ihr das, warum ändert ihr euch nicht, warum versucht ihr diese Verhältnisse der Isolation und Konkurrenz nicht zu ändern. Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist?

Es gibt ein überbordendes Selbstvertrauen dieser Generation, auch bei den Nicht-Akademikern, die sich mit ihrem Realschul-Abschluss ohne Probleme Häuser kaufen können, mehrere Autos, selbstverständlich sieht man da BMWs. Diese Schicht gibt es. Aber wer Werkzeug- oder Maschinenbauer gewesen ist, konnte sich keine Häuschen kaufen. Das ist diese bestimmte Schicht, der Mittelstand, dem es auch zu Recht sehr gut gegangen ist, und der auch sehr viel akkumulieren konnte. Aber das ändert sich gerade. Die haben alle wahnsinnige Angst, aus diesem Mittelstand raus und ins Prekariat zu fallen.

Ernsthaft? Den Best-Agern geht es auf den Kanaren doch blendend. Ich kenne jede Menge, die jetzt 65 oder 70 sind und als Rentner im Prekariat leben. Jede Menge Akademiker, wenn die nicht Beamte sind. Die Beamten sind durch Pensionen abgesichert. Aber alle anderen, gerade aus den Medien haben große Schwierigkeiten, mit der Rente auszukommen. Und diese Angst, die ist natürlich auch in den jungen Leuten da. Das ganze gesellschaftliche System ist instabil geworden.

9783462047714ARD-Journalist Sven Kunze spricht in seinem aktuellen Buch aber von der „schamlosen Generation“, die Freiheiten hatte wie keine Generation vor oder nach ihr und uns nun zurücklässt: die Klimakatastrophe, das Rentenloch, den Atommüll, die Armut und die Ausbeutung der Dritten Welt. Aber das war alles schon vorher da. Das ist wirklich eine FDP-Argumentation. Die FDP versucht, ein ganz hartes kapitalistisches Problem auf Generationen zu schieben. Das spielt eine Rolle, Sie haben Recht. Meiner Generation ging es wirklich gut. Das ist ganz klar. Die hat sich etabliert, Das ganze Problem ist aber diese ungerechte Umverteilung, dass in diesem Kapitalismus  in einer unfasslichen Weise Reichtum für wenige akkumuliert wird. Und auf der anderen Seite immer mehr Arme zurück bleiben, sowohl Junge wie ganz Alte, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben.

Gerade kursiert dieses Omnibus-Bild im Netz mit dem Hinweis, dass die reichsten 80 Menschen der Welt, so viel, wie in den Bus passen, über das gleiche Kapital verfügen wie die unterste Hälfte. Ich habe gestern die Frau Albrecht von ALDI gesehen, eine so brummend dumme Frau, eine Milliardärin, die Kunst kauft und immer davon redet, die Dinger kann man sich doch an die Wand hängen.

Da sind Milliarden akkumuliert und zugleich haben sie diese Verkäuferin, die nicht von der Rente leben kann. Und das ist nicht eine Generationen-, sondern eine politische Frage, weil es nicht gelungen ist, auch Achtundsechzig nicht gelungen ist, die Eigentumsverhältnisse so zu verändern, dass wir zum Beispiel ein gerechtes Steuersystem bekommen. Jetzt fange ich schon an, Sie zu agitieren! Dass es nicht gelungen ist. bei der Erbschaftssteuer eine vernünftige Form zu finden, weil die SPD sich dagegen sträubt und sagt: da verlieren wir Wähler. Aber die Aufgabe von Politikern, von der Politik ist, die Leute zu überzeugen. Da wird nicht der Oma das kleine Häuschen weggenommen, sondern gemeint ist eine Frau Albrecht, die ihre Dinger, wie sie sagt, ihre Bilder, ihre Picassos meint sie damit, an die Wände hängt und deren Mann Oldtimer für zig Millionen gesammelt hat. Das ist doch alles irrsinnig. Das ist obszön.

Die Politik ist auch nicht mehr bereit, für etwas einzustehen. Es gibt den Überdruss. Politik ist ein Beruf, nicht mehr der Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Berufe zusammenkommen. Das ist ein Seitenproblem, dass die meisten Abgeordneten keine richtigen Berufe haben. Die kommen aus der Politik, waren dort schon als Schüler und Studenten. Dann gehen sie da hauptberuflich rein. Aber das zentrale Problem ist für mich dieses System, das permanent Armut produziert und auf der anderen Seite einen unfasslichen Reichtum für einige wenige akkumuliert.

Früher wurde gegen solche Verhältnisse härter gekämpft? Man hat sich darüber empört! Man war empört über Vietnam. Man war empört über die Situation der Länder der Dritten Welt, über die damaligen Verhältnisse der Ausbeutung. Inzwischen sagt jeder, das sei zwar schlimm. Aber man will keinesfalls die Flüchtlinge haben, die man permanent mitproduziert in Afrika.

In ihrem neuen Buch wird deutlich: Sie sind weiterhin aktiv. Ich war jetzt gerade für ARTE und für die UNO in einem Flüchtlingslager in Dafur. Es ist unbeschreiblich im Tschad. Da leben jetzt seit zehn Jahren 50.000 Menschen in bitterer Armut. Dann kommen Sie in N’Djamena an, da gibt es französische Hähnchen für die Hälfte des Preises, den die einheimischen Bauern bekommen müssten, Durch EU-unterstützte Landwirtschaftsgelder kommen Hähnchen dorthin und machen die einheimische Landwirtschaft kaputt.

Wir sammeln hier die Altkleider ein und glauben an Wohltätigkeit. Das liegt auch am Phänomen der ungleichwertigen Tausche. Dass man in Afrika die Rohstoffe billig bekommt, dann die Produkte teuer zurück verkauft und dass an diesen Rohstoffen nicht mal diejenigen partizipieren, die sie bekommen müssten. Durch Korruption fließt das Geld der Diktatoren nach Europa, oder auf die Bahamas, oder sonst wo hin.

Und hier werden Flaschen gesammelt. Sie konnten jahrelang durch den Englischen Garten gehen und sie haben nur Leute gefunden, die bezahlt vom Amt sauber machten. Die fuhren mit einem kleinen Waagen rum und sammelten die Flaschen ein. Und plötzlich sehe ich beim morgendlichen Jogging  ganz viele Rentner, die da rum laufen, die sammeln und diese Flaschen, um die Pfandgroschen zu bekommen. An so einer Situation macht sich so viel deutlich. Dieses Hinsehen, dieses genaue Hinsehen darauf, was die Wirklichkeit produziert und wie sie das produziert und wie sich das äußert. Das macht eben auch die Distinktion aus, um so was wie ein Gerechtigkeitsempfinden zu entwickeln, was ja immer auch ein intellektueller Vorgang ist. Da gibt es sehr empfindsame Menschen,  die sich so empören, dass sie zur Tat greifen. Bei mir ist die Tat das Schreiben, also ich versuche, solche Dinge ins Bewusstsein zu heben. Aber andere die finden das so schlimm, dass sie  demonstrieren gehen oder dass sie anfangen, plötzlich die Scheiben der Banken einzuwerfen.

Sie joggen aber nicht jeden Morgen. Fast jeden Morgen. Früher bin ich immer eine Dreiviertelstunde gelaufen, das mache ich nicht mehr. Ich gehe jetzt, und zwischendrin laufe ich.

Beschreibt ihr Buch „Rot“, dieser Abgesang auf die Achtundsechziger, nicht genau diesen Gang zur Tat – der dann doch schiefgeht? „Rot“ ist kein Buch, das dazu aufruft, die Siegessäule zu sprengen. Aber man könnte sich das überlegen. Das ist wirklich ein solches Symbol für Krieg und Gewalt, dass man doch die Überlegung haben kann, das zu sprengen, aber zumindest sollte man darüber diskutieren.

(Das Beitragsbild ist von Gunter Glücklich)

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