Turmkochen mit Dr. Oetker

Es gehört ein nicht geringes Maß an Kenntnissen und Erfahrungen dazu, um eine Küche nach gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten richtig führen zu können“, weiß das „Dr. Oetker Schulkochbuch“ von 1960 und erinnert an „die Pflicht jeder Hausfrau, sich dieses Wissen in allen Einzelheiten anzueignen; denn sie soll ihre Familie nicht nur satt machen, sondern gesund und leistungsfähig erhalten.“

Meine Mutter wurde durch dieses arg unemanzipatorische Lehrbuch einst durch den Hauswirtschaftsunterricht geführt. Die wohlschmeckendsten Lernerfolge aß ich dann 20 Jahre lang: Falscher Hase, Graupensuppe, Eierkuchen mit Äpfeln, feines Hühnerfrikassee und Milchreis. Sie standen auf laminierten Tischdeckchen, von Amrumer Sommerurlauben mitgebracht – weshalb ich wahlweise auf ein naiv gemaltes Reetdachhaus zur Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Winterzeit schaute.

Meine Mutter hatte auch gelernt, dass „Leben bedeutet, Kräfte regen, Energien umzusetzen, Energien verbrauchen“, was mich früh in den Genuss von Turn-, Schwimm- und Leichtathletikstunden brachte. Und weil „Geschmacklosigkeit stärker sein kann als Hunger“, griff sie auf das reichhaltige Gewürzsortiment im rustikal gezimmerten Eichenbord zurück, auf getrockneten Kerbel, gerebeltes Bohnenkraut, und Pimentkörern, die sie aus bauchigen Glastigeln mit pilzförmiger Haube schüttete. Bis heute ist es mir nicht gelungen, annähernd so viele Würzmittel vorrätig zu halten wie meine Mutter, die außerdem auf eine Fülle verschiedenartig konservierter Lebensmittel zurückgriff, auf eingeweckte Rote Beete und eingekellerte Kartoffeln, auf Marmeladen und Gelees, haltbar gemacht im Geist dieses wunderbaren Kochbuchs, das mit praktischen Tipps keinesfalls geizt:

„Bei Kochtöpfen nehme man möglichst den gleichen Durchmesser, um sie aufeinander stellen zu können (Turmkochen).“ Diese artistisch klingende Kücheneinlage hat mir daheim niemand geboten und doch hat das „Dr. Oetker Schulkochbuch“ meine Adoleszenz so nachhaltig beeindruckt, dass ich beim Einzug in die erste Singlewohnung zur überarbeiteten Ausgabe von 1999 greifen musste (unten im Bild ganz links, daneben ein Reprint des Originals und ein Grundkochbuch von 2009).

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Ich wusste: wenn es wie daheim bei Muttern schmecken soll, braucht man das IKEA-Starterset, eine Multifunktionsküchenmaschine, einen Elektroherd und „Das Original“, das erfolgreichste Kochbuch des 20. Jahrhunderts. Zeigte die Ausgabe von 1960 noch „Frankfurter Kranz“, an Jury Gagarins Weltraumfahrt erinnernde Götterspeise mit Sahne in fluoreszierenden Pink und Pfannenfleisch mit gespenstisch grünen Erbsen, biedert sich meine Version mit gefüllten Paprikaschoten an Wellnessmagazine der 90er Jahre an. In der „Jubiläumsausgabe“ von 2011 strahlen aufgeschnittene Fleischrouladen einen Hauch neuer Bürgerlichkeit aus. Die Artikel über Garmethoden und „Ernährung heute“ sind sachlich gehalten, richten sich damit auch an emanzipierte Gatten. „Hinweise zum Einsparen von Fett“ haben einstige Speck- wie Lebertranempfehlungen abgelöst. Überbackener Hummer und gebeizter Lachs ersetzen die Stippmilch. Anleitungen zum Kochen von „echtem Bohnenkaffee“ findet man in Zeiten von Espressomaschinen auch nicht mehr. – Gerade erschienen ist „Dr. Oetker vegan von A-Z“.

In der klassischen Version des Schulkochbuchs von heute werden „Suppen und Eintöpfe“ jetzt auf den ersten Seiten zusammengefasst, was vermuten lässt, dass beide als „Vorspeise“ gelten. Pesto (in Klammern: „Italienische Basilikumsauce“), Rucola mit Parmesan („in Klammern: etwas teurer“) und Zitronenhuhn (in Klammern: „Für Gäste“) gehören heute anscheinend zum Repertoire eines anständigen Haushalts. Portionen kommen mit Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratangaben daher. So lustig wie damals liest sich das nicht mehr. Aber für (unfreiwillige) Küchen-Comedy gibt es bekanntlich das Fernsehen.

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