Rezension: Wege zum Ruhm

„Ich habe Freunde mitgebracht“ – heisst der zweite Roman von Lucy Fricke. Das klingt erstmal wie ein Werbeslogan für Chipstüten, kommt aber weniger sofa- und cliqueneuphorisch daher, sondern eher melancholisch, wütend, resigniert. Über eine Generation, die zwischen den Stühlen sitzt. (Bild: Lettra.TV)

Jon, Henning, Martha, Betty bilden die kleine Clique, ein Freundschaftsbiotop, das Lucy Fricke auf gerade einmal 190 Seiten torpediert. Da ist zunächst Jon, ein derart eitler Filmschauspieler, dass er sich nackt im glänzenden Metall der Espressomaschine spiegelt und dabei „bestaunt“. Tatsächlich arbeitet er als langweilige TV-Leiche. Manchmal bekommt er eine kleine Nazirolle zugeschanzt. Ansonsten gehört er zu Kategorie „C“ seines Berufsstandes – das gibt zirka 300 Euro pro Drehtag, zwei-, dreimal im Monat, und reicht zum Überleben nicht. Zu allem Überfluss muss der arme Narziss dann auch noch erfahren, dass man ihm die Intelligenz auf der Mattscheibe nicht abnimmt.

Eine doppelte Schmach. Jon gelingt es nicht, klug zu wirken, obwohl er Schauspieler ist. Seinem Kumpel Henning, Comiczeichner von Beruf, ergeht es da kein bisschen besser. Die von ihm entwickelte Computerheldenfigur „Hoax“ crasht im Feuilleton, wird hämisch verrissen. Hennings Witz gilt als altbacken, sein Stil liegt zehn Jahre hinter der Jetzt-Zeit zurück. Inspiration schaut anders aus und überkommt den Glücklosen in keinem Augenblick: „Henning erwachte vor Langeweile. Seine Träume waren so öde gewesen, dass er sich wälzte in seinem Sessel.“ Bemitleidenswert.

Dann ist da noch Betty, die am TV-Set arbeitet, als so genannte Continuity. Das heisst, sie achtet darauf, dass die Logik eines Films eingehalten wird, dass Uhren nicht in der einen Einstellung halb acht, in der nächsten viertel nach zehn anzeigen, dass die Frisur des Helden stets gleich ausschaut. Aber so viel Logik macht anscheinend krank, verlangt nach Ventilen. Denn Betty rastet irgendwann derart während der Arbeit aus, dass man leise „Midlifecrisis“ flüstern will.

Betty ist aggressiv und mag keine Kinder: „Entweder sie schrieen oder weinten, und sobald sie alt genug waren, liefen sie weg.“ Vielleicht würden ihr die zu mehr Ausgeglichenheit verhelfen. Aber auch Martha, Nummer vier im Bunde, wird mit dickem Bauch kein Glück finden. Tagsüber vermeldet die Moderatorin Katastrophenmeldungen. Am Feierabend erlebt sie ihre eigenen Krisen. Im Laufe der Geschichte wird sie sogar eine private Höllenfahrt durchleben, die ferne Terroranschläge und abstrakte Insolvenzmeldungen in den persönlichen Schatten stellt. Tragisch.

Somit ist „Ich habe Freunde mitgebracht“ ein desillusioniertes Generationenportait über vier Menschen, die zwischen Durchbruch und Absturz schwanken, sich nicht festhalten können, im eigenen Leben und wie schwerelos durchs All treiben: „Es ist schon komisch, dachte Henning, jedes Mal, wenn wir auf die Schnauze fallen, haben wir das Gefühl, die Wunden werden tiefer, und die alten sind noch nicht mal verheilt, ein schorfiges Leben.“ Lakonisch. Böse. Wahr.

Lucy Fricke: „Ich habe Freunde mitgebracht“, Rowohlt, 192 Seiten, 16,95 Euro

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