Rainald Goetz

„Irre als System“

Ist Irre, dieser »furiose, an Getriebenheit und Dichte hierzulande seither kaum erreichte« Debütroman des Münchner Schriftstellers Rainald Goetz ein systemtheoretisch inspirierter Text? Und kann besagte »Getriebenheit und Dichte« mit den literaturwissenschaftlichen Instrumentarien der Systemtheorie nachvollzogen werden? Welche neuen Erkenntnis ergeben sich, zum Beispiel über die Struktur des Textes und die Intentionen des Autors, wenn Niklas Luhmanns Texte zur Klärung herangezogen werden? Dieser Aufgabe stellt sich die vorliegende Studie.

rainald_goetz___irre_als_system-9783938375303_xxlEs gibt, auf den ersten Blick, näher liegende Ansätze für die Analyse dieses Romans, beziehungsweise: Es gibt näher liegende Romane von Goetz, die von ihm selbst als systemtheoretisch charakterisiert worden sind: Eine Arbeit über Irre, nur ohne Luhmann, dafür mit Foucault, oder eine Arbeit mit Luhmann, ohne Irre, stattdessen Goetz’ Technoroman Rave beobachtend – das passt. Diese Theorien sind deutlich in jene Texte eingeschrieben.

Sascha Seiler bemerkt 2006 in seiner Dissertation Das einfache wahre Abschreiben der Welt über »Pop-Diskurse in der deutsche Literatur nach 1960« (der Titel ist ein Zitat aus Goetz’ Klagenfurt-Text Subito, der verändert in Irre und wortgetreu in Hirn abgedruckt ist): »Für Goetz ist es in späteren Werken kein Problem mehr, Niklas Luhmann und Techno-Musik auf eine Stufe zu stellen.«

Am 18. Oktober 2000, siebzehn Jahre nachdem Irre im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, formuliert Pop-Journalist Holm Friebe in der linken Wochenzeitung Jungle World, eine davon differenzierte Beobachtung: »Irre ist die Geschichte des idealistischen Assistenzarztes Raspe, der im Klinikbetrieb selbst irre zu werden droht. Die Psychiatrie wird hier als eines jener hermetisch geschlossenen Systeme abgebildet, wie sie die Luhmannsche Systemtheorie beschreibt, der sich Goetz kurze Zeit später zuwandte.«

Hier wird zum ersten Mal angenommen, dass Irre seinen Schauplatz als System abbildet. Der Seiler zustimmende Hinweis, dass sich Goetz erst später der Systemtheorie »zuwandte« impliziert, dass Irre nur zufällig an Luhmann erinnert.

Die vorliegende Arbeit geht abweichend davon aus, dass Goetz bereits während der Niederschrift seines Debüts das Werk von Luhmann gekannt und seinem Roman zu Grunde gelegt haben muss, weil die Verweise auf Luhmann vielzählig sind und weil Irre die gleichen Probleme wie Luhmann, sogar mit identischem, der Systemtheorie immanentem Vokabular diskutiert.

Da die Systemtheorie »Luhmann-exegetische Texte« gebiert, »die das Spiel der Paradoxien des Meisters noch einmal zu überbieten trachten«, wurde die Arbeit mit Begriffen, Ideen, Theoriediskussionen gefüllt, die bestehende Ansichten irritieren sollen, denn: »Durch Irritation wird dem System eine Information zugeführt.«

RTEmagicC_Goetz_Rainald_Text.jpgManchmal wirken einzelne Sätze theorieverstiegen und ironisch. Doppelseitige Stile und Figuren wie das Paradox und die Ironie gehören zur Systemtheorie. Luhmann wurde als souveräner Ironiker charakterisiert. Auf die Frage, welche Kritiker seiner Theorie er am meisten fürchte, sagte Luhmann lächelnd: »Die Dummen.« Wenn vor dem Zitat von Holm Friebe steht, er habe eine »differenzierte Beobachtung« formuliert, dann soll mit system- theoretischen Begriffen ausgedrückt werden, dass einer behaupteten Einheit (Konsens) die Differenz (Dissens) gegenübersteht und dass vor dieser Aussage eine Beobachtung stattgefunden haben muss. Differenz und Beobachtung sind zwei der wichtigsten Begriffe, mit denen die Systemtheorie arbeitet.

Zugleich wirken solche Sätze mutwillig kompliziert, fragwürdig. Das ist Absicht. Die Formulierung soll irritieren, zum Widerspruch herausfordern und auch damit Luhmann folgen, denn: »Kein Wissenschaftler kann behaupten, die einzig richtige Theorie zu haben.«

Dass eine konstruktivistische Untersuchung gebunden ist an die jeweils verwendete Differenz, an das vorab definierte Raster, ist evident. Das gilt für alle Theorien und Methoden, ohne die wiederum keine wissenschaftliche Forschung möglich wäre.

Im Laufe der folgenden Kapitel soll belegt werden, dass Irre, als systemischer Text gelesen, neue Ergebnisse hervorbringt: »Jedenfalls hat es nur dann Sinn, Forschung zu betreiben, wenn man etwas Neues zu sagen hat.«

Der Sinn dieser Arbeit, »die Simultanpräsentation von Aktuellem und Möglichem (Potentiellem)« liegt darin, Anschlusskommunikation zu provozieren und sich durch Operationen an der Autopoiesis des Wissenschaftssystems zu beteiligen.

Aber es soll nicht allzu trocken werden. Goetz hat seine Dissertationen stellenweise literarisiert und zugleich bewiesen, dass wissenschaftlichen Erkenntnisse dennoch vorgestellt werden können. Es lohnt die Beschäftigung mit den in Irre beobachteten Bands und Punk- bzw. Neue Deutsche Welle- Liedern, allein schon zu dem Zweck, dass Irre nach Lektüre dieser theoretisch-abstrakten Analyse zurückgeführt wird auf eine Ebene, die besinnt ist »mit Außensinn, der nicht unbedingt in Fokus genommen werden muss.«

(Jan Drees: „Rainald Goetz – Irre als System“ von Jan Drees, Arco Verlag, 86 Seiten, 18 Euro)

PDF: Der Anfang aus „Rainald Goetz – Irre als System“

Bildcredit: Suhrkamp Verlag

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