Verena Roßbacher: “Ich mag üppige Bücher“

Es ist eines der interessantesten Debüts der vergangenen Jahre – „Verlangen nach Drachen“ von Verena Roßbacher (hier vorgestellt im „Lesen mit Links“-Blog). Im Interview spricht die Schriftstellerin über barocke Motive, gehäutete Männer und narisstische Frauen, die in Ihrem Sein und Suchen die ganze Welt überfordern. (Das Beitragsbild zeigt Verena Roßbacher bei ZehnSeiten.de)

Warum heißt Ihr Debüt leicht rätselhaft „Verlangen nach Drachen“? „Verlangen nach Drachen“ bezieht sich eigentlich tatsächlich auf eine Symbolik, die auf Heimito von Doderer zurückgeht. In seinen Werken, seinen Büchern steht das Symbol des Drachen oder Drachenartiger für die Begegnung eines Mannes mit sich selber. Er kämpft gegen den Drachen als adäquaten Partner.

Von Doderer war die „Strudelhofstiege“, das kennt man ja heute gar nicht mehr. Das kennen wirklich nur sehr wenige Leute. Es wundert mich auch immer. Ich empfehle es wirklich allen, Heimito von Doderer ist einer meiner Lieblingsautoren, einer meiner mächtigsten Autoren. Ich weiß nicht, woran das liegt; vielleicht, weil er im Dritten Reich eine schwierige Rolle einnahm, weil er ein Parteimitglied war. Schluss endlich ist er aber wieder ausgetreten. Es gab sehr viele kritische Stimmen zu Heimito von Doderer. Manche mögen auch seine sehr barocke, schwierige oder irritierende Sprache nicht so sehr.

Barock ist Ihre Sprache zum Teil auch. Es ist eine Sprache, die man aus der Nachkriegsliteratur kennt. Wie haben Sie diese Sprache gefunden? Das war ein ziemlich langer Findungsprozess. Ich habe an dem Buch insgesamt fünf Jahre gearbeitet, und eigentlich schon weiter vorher damit angefangen. Die Sprache hat sich sehr, sehr verändert. Es ist dialogischer geworden. Für mich ist die Sprache eigentlich sehr melodisch oder sehr rhythmisch. Ich habe ein bisschen nach der Musik für dieses Buch gesucht und hoffe, dass ich sie gefunden habe. Es ist aber richtig, was Sie sagen, denn ich benutze eine Vorkriegssprache, weil meine wichtigsten oder Lieblingsautoren Doderer sind, Musil, unter anderem auch Zweig, Josef Roth, in Deutschland sicher Thomas Mann. Es kann sehr gut sein, dass ich meine Sprache daran orientiere. Es ist auch auf jeden Fall ganz sicher, dass dieses Buch eine sehr große Hommage an Heimito von Doderer ist, das ist es auf jeden Fall. Ursprünglich hießen auch die ganzen Figuren nach Figuren von Doderer; das hab ich aber zum Schluss gecanceled.

Ich fand das Motto stark: „Eine Schlange wird nur dann ein Drache, wenn sie eine andere Schlange gefressen hat“ – und die ganze Zeit werden in Ihrem Roman Schlangen gefressen, oder Männer, nicht wahr? Das ist eine gute Frage. Dieses Motto, dass man sozusagen nur dann neben sich keine Gegner mehr hat, wenn man seine Artgenossen besiegt hat. Das ist schon diese Idee, dass man andere ausstechen muss. Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass die Männer sich gegenseitig verschlingen, um schlussendlich der Supermann zu werden.

Aber verschlingt nicht die Frau die Männer? Finden Sie tatsächlich? Das ist aber eine interessante Interpretation. Ich hatte das Gefühl. Es gibt auch noch diese Motiv der Jungfrau und des Ritters, dieses Jagdmotiv – die Frau soll schon erobert werden. Falsch? Ist es keine Männerodyssee? Ich weiß es nicht. Offen gestanden hat mich das gar nicht so sehr interessiert. Für mich ist dieser Moment des Auseinanderbrechens interessant gewesen. Das war für mich eigentlich der Ausgangspunkt. Die Geschichten setzen alle da ein, wo Beziehungen zerbrechen, wo der Moment der Trennung stattfindet. Es erzählt nicht die Liebesgeschichte, sondern die Trennungsgeschichte, jeweils sehr unterschiedliche Trennungsgeschichten, zwangsläufig, da die Männer sehr verschieden geartet sind. Das, was gleich bleibt, ist die Frau, das stimmt schon. Was sie wiederum weiterzieht, sie nach vorne drängt, von Mann zu Mann, das ist schwer zu sagen. Schlussendlich holt es sie aber ein. Meiner Meinung nach hat sie den größten Schmerz erfahren in dieser letzten Geschichte, die nur aus der Ferne erzählt wird. Mich hat Klara nicht wirklich interessiert, muss ich offen gestehen. Sie ist eine heimliche Protagonistin. Mich hat interessiert, was in der Extremsituation passiert

In der Extremsituation der Trennung?! Das ist interessant. Als Mann liest man es von der Frau aus. Diese Frau verändert sich, es gibt Metamorphosen- Motive, die wiederkehren. Wohin verändert sich diese Frau? Ich glaube, sie ist sehr auf der Suche. Ich denke, ihr großes Problem ist, dass sie ihr Glück im anderen sucht. Das treibt sie weiter. Sie geht von Mann zu Mann und nimmt sich diesen Rausch und diese Intensität der ersten Zeit, Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre. Das stimmt schon, sie saugt das auf. Sie braucht ganz viel, braucht diese Liebe um sich gut, um sich lebendig zu fühlen. Ich weiß nicht genau, ob sie überhaupt sieht, was ihr Problem ist: dass sie zu sehr projiziert. Sie projiziert zu sehr ihre Glückssuche  auf ihre jeweiligen Partner.

Das ist schlecht? Es war bis vor einiger Zeit Gang und Gebe es ebenso so zu sehen. Was hat sich da geändert? Schwer zu sagen. Ich glaube, es hat schon damit zu tun, wie sich Beziehungen verändern oder auch, wie sich die Vorstellung der Frauen verändern; was sie wollen, was sie beruflich wollen, was sie privat wollen. Meiner Meinung nach ist es schon, wie ich das beobachte, Thema, dass Paare diese romantische Vorstellung, die natürlich auch verlockend ist, dass sie sich da überstrapazieren gegenseitig. Es ist eigentlich ja nicht leitbar. Es ist klar: wenn sie ein zufriedenerer Mensch wäre, wäre sie auch nicht so getrieben.

Ist sie typisch für die heutige Zeit? Weiß ich nicht, Also ich glaube, sie ist sehr intensiv. Ich denke auch, dass ist das, was die Männer so aufhorchen oder aufschauen lässt, wenn sie auftaucht. Sie vermittelt ein sehr intensives Leben und ein sehr intensives Empfinden. Das ist ein enormer Reiz. Sie hat die Fähigkeit einzutauchen. Und sie tut das auch, sie gibt sehr viel. Es ist nicht zu unterschätzen, dass die Männer von ihr eine Phase von Leben, einen kurzen Abschnitt, den sie mit ihr zusammen gehen, bekommen, der aber auch sehr heftig ist. Heftig in den Gefühlen, in den guten, wie in den schlechten. Ich denke, sie kriegen viel und bezahlen Schluss endlich viel. Das ist das, was passiert. Je größer das Glück, um so tiefer der Fall!

Es gibt diesen Gegensatz zwischen Natur und Stadt, der immer wieder aufgebaut wird. Aber vielleicht ist es auch nicht so… das ist das Problem, wenn man Germanistik studiert hat, dann sieht man immer so einen Quatsch. Ist sie das Tier, das in der Stadt lebt? Das ist eigentlich eine schöne Idee. Ich hab das, offen gestanden, auch schon überlegt. Spätestens in ihrer Japan-Erfahrung ist mir das aufgefallen. Sie ist dort so fremd. Sie ist fremder, als sie in einer riesigen Stadt sein kann. Einfach, weil das die schiere Stadt ist. Eine Stadt, wie wir sie hier nicht kennen. Ich denk mir mal, in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich sind Städte immer Übergänge. Es sind Übergänge möglich zwischen Land und Stadt; wandern aus der Stadt hinaus, um aufs Land zu kommen. Man hat Grün, man hat Bäume. – Und sie ist dort plötzlich in einer extremen Stadt. Sie ist eigentlich in einem Leben, was ihr vollkommen fremd ist. Ich glaube, sie braucht dies kombinierten Städte. Das sucht sie und ich glaube, dass sie deswegen auch so außer sich gerät, weil sie völlig die Fassung verliert, dadurch, dass sie ihr Biotop nicht mehr hat in dem sie sich bewegen kann.

Die Stadt als Relaistation? Schon Anfang der 80er Jahre konnte man durch japanische Städte nur fahren, man konnte da nicht halten. Das war aber schon im Mittelalter so, dass man sich in der Stadt gar nicht aufgehalten hat. Sie war immer nur ein Punkt zwischen einer Strecke zur anderen. Die Wege waren wichtiger. Hätte ja sein können. – Ich hatte das Gefühl, das Sie das bestimmt gelernt und erarbeitet haben, dass Sie auf mehreren Ebenen schreiben; oder ist das unbewusst? Nein, das stimmt! Dieser Aufbau hat mich interessiert, dieses Erzeugen von Schichten, die verstanden werden können, die man auflösen kann und die dann einfach noch mal den Subtext bilden; Metaphern schaffen mit neuen Geschichten, oder Geschichten, die unter der Geschichte durchlaufen. Das war eigentlich der interessante Punkt. Wie kann man all diese Geschichten, die tiefliegende Strömungen sind, wieder zusammenfügen? Es gibt in diesem Buch sehr, sehr viele solcher Geschichten, es gibt viele Bilder, es gibt viele Betätigungen, denen diese Leute nachgehen. Die sind nicht sinnlos, die sind natürlicher, sehr symbolprächtig zum Teil, verwegen, Geschichten in den Geschichten, die das Selbe erzählen sollen. Das ist die Idee.

Erklären Sie mir bitte eine symbolträchtige Art, einen symbolträchtigen Charakter, zum Beispiel „die Suche nach dem Urvogel“. Ja, die ist spannend; wie ich überhaupt darauf kam. Ich arbeite ganz viel mit Zeitungsartikeln, auch einzelnen Buchstellen, die mich interessieren. Das war, glaube ich, eine kleine Notiz in der ZEIT, in der Wissenschaftsbeilage. Da wurde über diesen legendären Archaeopteryx gesprochen. Es gibt Zehen, die gefunden wurden, also, es gibt diese Übergangstiere, die noch auf die Dinosaurier verweisen, aber eigentlich schon Vögel sind. Da gibt es eine fehlende Zwischenstation, „Missing Link“, wie es da genannt wurde. Das fand ich eigentlich sehr spannend, weil der Moment der Wandlung, der Metamorphose, ein zentrales Thema des Buches ist. Wann findet wie Verwandlung statt? Der Archaeopteryx ist für Lenau, der ihn besitzt, der ihn durch nicht ganz lautere Umtriebe in seinen Besitz gebracht hat, sehr wichtig. Er weiß das auch. Lenau ist im Prinzip ein Halbgebildeter, der eigentlich ganz gut spürt, was er nötig hat. Der Archaeopteryx ist für ihn der Moment der Verwandlung, was er selber auch sucht. Dass Teupel, der Archäologe, auch in den Besitz des Tieres kommen möchte, ist wichtig, das findet aber eher unterbewusst statt. Er ist sich nicht so klar über seine Gründe, warum das für ihn so wichtig ist. Aber das letzte Bild im Buch, wo alle abwesend sind, da bleiben nur Teupel und der Archaeopteryx zusammen im Bad. Er nimmt ihn in den Arm. Er weiß, er möchte die Verwandlung, ist dazu aber nicht in der Lage. Er streckt die Hand aus und kann es eigentlich nicht fassen.

Das macht Ihr Buch so unerhört; weil die junge Literatur hauptsächlich vom Stillstand berichtet und Sie vom Wandel. Das fand ich ganz bemerkenswert, vor allen Dingen, dass Sie es schaffen, es auf jeder neuen Seite kippen zu lassen. Man hat das Gefühl, dass man einem Würfel zuschaut, der eine Treppe runter kullert. Die ganze Zeit ist er was Anderes, obwohl es der gleiche Würfel ist. Das fand ich einfach großartig. – Klara inszenieren Sie auch als Venus. Ist das augenzwinkernd? Ist es bestimmt. Also sie ist ja DIE Frau. Sie ist der Typ Frau mit langen Haaren, sehr sinnlich und sehr humorvoll. Sie ist so ein runder Frauentyp, den man in der Literatur sehr häufig findet; Wie die Venus, die in der Malerei auch sehr häufig auftaucht. Es ist eine ironische Inszenierung davon und deswegen interessiert sie mich auch nicht so. Sie ist ein Prototyp. Sie ist viel, viel mehr als diese Männer, die durch ihre merkwürdigen Betätigungen mehr Charakter sind. Sie ist eine Frau, die viele andere darstellt.

Die Poststrukturalisten werden sich jetzt alle im Grabe umdrehen, aber ich habe bisher nur Fotos von Ihnen gesehen. Die wirken sehr inszeniert. Ist das so? Sie haben sich stark geschminkt… Ist es keine Inszenierung? Sie haben bunte Kleidung, sehr weiblich. Oder ist das der Blick des Mannes, der wieder irgendwas sieht, was der Frau gar nicht bewusst ist? Keine Ahnung, was Ihr männlicher Blick wieder sieht, aber an und für sich sehe ich eigentlich immer so aus. Ich hab die Fotos zusammen mit einer Freundin gemacht. Ich finde sie in sofern sehr gut, weil sie mich sehr gut getroffen hat. Ich habe nicht für das Foto inszeniert, das nicht, aber es sind keine lapidaren Fotos, das stimmt. Lässigkeit liegt mir auch fern, glaube ich. Ein lässiges Foto an der Bartheke würde mit mir nicht funktionieren.

Oder neben einem Busch, wie bei Isolde Ohlbaum. Ja, das wäre dann wirklich der pure Kitsch.

Kitsch kommt bei Ihnen überhaupt nicht vor. Bei Ihnen kommen Tiere vor, Sie reden gerade von Darwin… Das erinnert mich ein bisschen an Dietmar Dath. Woher kommt Ihre Begeisterung für Tiere, für die Naturwissenschaft, für Darwin? Das machen doch sonst nur die ausländischen Schriftsteller. Ich mag üppige Bücher. Ich vermisse eigentlich in der neuen deutschsprachigen Literatur das Barocke, die Üppigkeit. Ich finde das schön in Geschichten eintauchen zu können. Und ich mag das sehr, wenn es süffig ist. Dazu dienen eigentlich die ganzen Tätigkeiten, denen diese Leute nachgehen, ihre Träume und Vorstellungen, ihre Begeisterung. Das Musil-Thema ist ein sehr wichtiges; oder Lenau, dieser Halbgebildete mit seinen vielen Dingen. Das ist einer, der vorgibt, viel zu wissen. Man denkt, er ist unglaublich belesen. Er zitiert Friedrich den Ersten und weiß der Teufel was. Und wie eigentlich nur Teupel, der halbautistische Mensch feststellt, zufällig oder so by the way, dass Lenau überhaupt nicht gebildet ist. Er dilletiert tatsächlich nur mit Zeitungsartikeln rum. Würde man nachfragen, also wäre wirklich mal ein Gebildeter dabei und würde sagen „Friedrich der Erste, schön und gut und wie geht das Zitat weiter?“ dann wäre Lenau ziemlich schnell an seinen Grenzen. Ich finde die Figur insofern sehr spannend, er erzählt viele Geschichten. Er ist auch ein Mann, der sehr viel gibt, der viel bietet: an Inspiration, an Ideen, an Freude. Er widmet sich seinen Dingen mit sehr viel Enthusiasmus und sehr großem Empfinden für Ästhetik. Allein sein Floraliengeschäft ist für mich ein idealer Ort, mit dieser grünen Kuppel, wo das Licht durchfällt und den merkwürdigen Gestalten, mit den Pflanzen, die überall wachsen: das ist ein tatsächlich inszeniertes Leben. Er ist sich dessen auch bewusst, und ich denke, gerade weil es so inszeniert ist, ist es auch erschöpflich für Klara.

Haben Sie sich bewusst entschieden, Schriftstellerin zu werden? Ja, das war eine Entscheidung. Das ist so! Ich war in Leipzig am Literaturinstitut. Aber zuerst habe ich in Zürich studiert für einige Semester und hatte mich dann beworben in Leipzig, bin da hingegangen und einige Jahre geblieben.

Wie hat sich Ihr Schreiben da verändert? Als ich da angefangen habe, war ich, glaube ich, für meine Mitstudenten ein ziemlich anstrengender Fall. Es war anfangs ein sehr artifizielles Erzählen, auch mit viel weniger Humor. Ich mag an dem Buch, dass es Humor hat, Das gefällt mir sehr gut. Das war anfangs nicht so sehr, das habe ich schon ein bisschen gesucht. Ich habe den Dialog gesucht. Das ist etwas, was ich sehr gelernt habe. Ich habe mich ausprobiert. Für mich war das Institut ein Ort, an dem ich mich all die Jahre hinweg ausprobieren konnte. Ich hatte Zeit zum Lesen und zum Schreiben und dazu, es wieder zu verwerfen; einfach zu probieren. Ich denke, das ist das, was sehr wichtig ist, was für mich wichtig war: Einen Punkt zu finden, der passt, wo der Schalter sozusagen einrastet.

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