Rezension: Die Urwaldvenus

Eine glatte Eins kassierte Verena Roßbacher für ihren Roman „Verlangen nach Drachen“. Die 29-jährige brilliert allerdings nicht nur am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie mir ihrem Debüt gerade das Diplomstudium abschloss. „Verlangen nach Drachen“ ist das heiß geliebte Buch der Frühjahrssaison. Es geht um: männermordende Frauen, schwer leidende Männer, seltsame Urvögel und Gärtner der Lüste. (Hier geht es zum Interview mit der Autorin.)

Ein mächtiges Reptilienauge blickt lauernd vom „Verlangen nach Drachen“-Cover und auf den ersten Blick wirkt dieses Buch wie Fantasy-Fiction. Allerdings will sich hier kein „Herr der Ringe“- oder „Harry Potter“-Klon anbieten. Etwas wesentlich Geheimnisvolleres bricht ein. Die Geschichte, mit der Verena Roßbacher erfolgreich ihr Diplomstudium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig abschloss spielt nicht im schwarzen Mordor, erzählt an keiner Stelle von kleinen Zauberlehrlingen, sondern grüßt aus dem österreichischen Wien, wo es erstmal relativ bodenständig zugeht.

Im Wiener Kaffeehaus Neugröschl arbeitet die verführerische Studentin Klara als Aushilfskellnerin, die allerdings auch etwas Zauberhaftes an sich hat, weil ihr ständig lüsterne Männer verfallen und sich währenddessen in etwas Tierisches verwandeln: „Er schaute. Sah, wie sein Gesicht sich ausdehnte und in einen Drachenkopf verwandelte, zarte Feuerblasen beim Ausatmen, die Augen ganz schwarz.“ So halluzinieren sich verknallte Männer in den Wahnsinn, wenn sie zitternd vorm Spiegel stehen.

Wer nur die ersten Sätze dieses unglaublich guten Debütromans liest, der stößt sich am Sprachstil dieses barock-üppigen Buchs. Es ist ein Stil, der an die ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert, an Heimito von Doderers „Die Strudelhofstiege“ (1951) an Joseph Roths „Radetzkymarsch“ (1932) oder auch an Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1931) – an Werke und Schriftsteller, die für Verena Roßbacher Vorbildcharakter haben.

Insgesamt fünf Jahre hat die 29-jährige an diesem Buch gearbeitet, hat es reifen lassen, bis alle Handlungsfäden verwoben waren, alle Männer zusammengewürfelt: der Gärtner, der wahnsinnige Cellist, der Hobby-Archäologe, der auf überaus krummen Wegen an einen Urvogel gekommen ist – zuletzt der Florist Lenau und sein Gegenspieler Wurlich, ein melancholischer Barpianist, seltsame Typen, die von Klara verzaubert, gebannt, gefesselt werden.

Sie alle verzweifeln an dieser jungen Frau und wissen doch, dass nur die Schlange ein Drache werden kann, die eine andere Schlange gefressen hat, dass sie gegen Klara und etliche Nebenbuhler bestehen müssen, um sich zu erheben. So steht es jedenfalls im vorangestellten Motto des Romans: „Serpens, nisi ederit serptem draco non generetur – Nur eine Schlange, die eine andere Schlange gefressen hat, wird ein Drache.“ Man sieht – Verena Roßbacher legt die Latte ziemlich hoch, ein paar Lateinkenntnisse schaden nie.

Dennoch ist dieses Urwaldbuch, dieser grüne, blühende Paradiesroman zauberhaft, exotisch und verführerisch, ironisch, erotisch, toll und ohne Latein, Griechisch, Mythen- und Sagenkenntnisse lesbar. Wenn Lenau seiner Klara flüstert, „wunderbar siehst du aus, frisch den Meereswellen entstiegen, das Haar noch feucht, das Salz getrocknet auf der Seidenhaut“, und dann demütig ihre Schulter küsst, ist diese Szene auf der einen Seite angelehnt am Mythos von der schaumgeborenen Venus, die ebenfalls mit feuchtem Haar den Wellen entstieg.

„Das ist sie bestimmt“, sagt Verena Roßbacher im Interview.“ Also sie ist ja DIE Frau. Sie ist der Typ Frau mit langen Haaren, dabei sehr sinnlich und sehr humorvoll. Klara ist so ein runder Frauentyp, den man in der Literatur sehr häufig findet. Wie die Venus, die in der Malerei ja auch sehr häufig auftaucht.“ Andererseits ist das auch ohne Venuskenntnisse urkomisch. Ein erwachsener Mann packt den Dichter aus, um lechzend seine kleine Studentin zu umgarnen – wer mit Sagen kommt, um im Jahr 2009 zu beeindrucken, der macht sich meistens lächerlich. Das weiß Verena Roßbacher. Allein, ihre Helden wissen das nicht.

Unknown-2Es ist diese enorme Fallhöhe, dieser Gegensatz zwischen altem Wien, alter Sprache, alten G‘schichten und neuer (Pop-)Musik, neuen Medien, neuen Stars und Träumen, die Konfrontation zwischen Früher und Heute, die fasziniert und „Verlangen nach Drachen“ von allen anderen Debüts vergangener Monate abhebt.Im Roman geht so etwas schief und Klaras Beziehungen zerbrechen immer und immer wieder, eben weil diese vielen Gegensätze nicht zusammen kommen wollen.

„Für mich ist dieser Moment des Auseinanderbrechens interessant gewesen“, sagt Verena. „Die Geschichten setzen alle da ein, wo Beziehungen zerbrechen, wo der Moment der Trennung stattfindet. Es sind sehr unterschiedliche Trennungsgeschichten, zwangsläufig, da die Männer ja sehr verschieden geartet sind. Das, was gleich bleibt, ist die Frau. Aber mich hat Klara nicht so wirklich interessiert, muss ich offen gestehen. Sie ist eine heimliche Protagonistin, aber insofern eine Randfigur, dass mich eher der Blick der Männer interessiert hat. Was passiert mit denen, also in dieser Extremsituation? Das hat mich interessiert!“

Klara ist auf der Suche. Ihr Männer glauben dagegen, sie gefunden zu haben, die Frau ihres Lebens. Falsche Idee. „Klaras großes Problem ist, dass sie ihr Glück im anderen sucht, das treibt sie weiter. Sie geht von Mann zu Mann und nimmt sich diesen Rausch und diese Intensität der ersten Zeit, Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre. Sie saugt das auf und braucht ganz viel Liebe, um sich lebendig zu fühlen. Ich weiß nicht genau, ob sie überhaupt sieht, was ihr Problem ist, dass sie zu sehr Glück auf den jeweiligen Partner projiziert.“ Das ist mit Sicherheit niemandem unbekannt. Man liebt und sucht im Anderen sein Gegenüber – und ist viel zu oft enttäuscht. Davon erzählen viele junge Schriftsteller – doch nur ganz wenige erzählen davon so sicher und begeisterungswürdig wie Verena Roßbacher. Wild!

(Verena Roßbacher: „Verlangen nach Drachen“, KiWi, 442 Seiten, 19,95 Euro)


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