Tranströmer: nicht direkt

Computer trifft Kohlmeise: Der Berliner Dichter Björn Kuhligk schreibt in seinem neuen Buch „Die Stille zwischen null und eins“ über Möbelbäume, Bundesstraßenränder und Videotouristen.

In einer Sommernacht stand Björn Kuhligk (37) vorm Berliner Spätkauf, schaute hinüber zu einer Kneipe und hatte Lust auf ein Bier. Dann stand der Mond schrägt überm Dach, die Kneipe hatte auch einen skurrilen Namen, der Dichter sah, wie sieben Frauen in ein Großraumtaxi stiegen, da setzte er sich hin und fing an, mit dem Titel, „Aus der Tiefe des Raumes“, und es lief ganz gut, bis sein Gedicht in erster Fassung niedergeschrieben war:

„Vor der Melancholie 1 stand der Mond / in der Oberleitung, ein Auto parkte / zwei Männer rauchten eine Packung / und sprachen nicht“. So beginnt dieses Gedicht, auf dem Asphalt erdacht, es geht dann weiter, die sieben Frauen im Großraumtaxi kommen ebenfalls vor, der Mond, Schnaps trinkende Männer. Es ist ein Großstadtgedicht, eines von vielen, die Björn Kuhligk in den vergangenen Jahren geschrieben hat – und für die er abgefeiert wurde. Es ist aber eines von wenigen in seinem neuen, grandiosen Lyrikband, der hinausfährt, aufs Land, von sehr viel Natur erzählt, sich also sein Häuschen im Grünen sucht. – Die Luft mag dort auch besser sein. Doch wie steht es mit den Gedichten selbst?

Natur und Provinz sind unmittelbare Bezugspunkte unserer Gegenwart. Land ist Landlust, Landliebe, Landmilch, Landidylle. Die Natur wird starkgemacht gegen eine angeblich entfremdete Konsumwelt. Es ist eine Landidylle, die nur ungefähr vergleichbar ist mit den Diskursen des 19. und 20. Jahrhunderts, als die Industrieschlote schmutzige Gegensätze waren zu Gemälden von Caspar David Friedrich, Wandervogelbewegungen, dem Turnvater-Jahn-Diktum: „Frisch, fromm, fröhlich, frei“. Heutzutage ist die Natur selbst im Discountmarkt als BioBio-Kopie vorhanden. Wir sind innerhalb der Stadt von Natur umschlossen. Die mitteleuropäische Urbanraum ist, anders als im Expressionismus, kein Moloch mehr, und nirgendwo glänzt vom Abend der rote Bauch dem Baal.

Deshalb haben Björn Kuhligks Naturgedichte keine didaktische Komponente. Mit dem Auto fährt man hier durch blonde Felder. Unter den blühenden Kirschbäumen steht ein LKW. Der Blick aufs Meer wird wie selbstverständlich von einem Helikopter durchkreuzt. „Erstmal sind das Fortbewegungsmittel“, sagt der Dichter. Der Mensch und das Menschengemachte kommen in Björn Kuhligks Gedichten vor, weil „es die unberührte Natur ja nicht gibt. Also, selbst wenn da niemand ist, muss ich doch da sein, um sie betrachten zu können.“ Klagen? Nirgendwo.

Die Realität ist zugänglich, ein Fakt. Mit Solipsismus oder Radikalem Konstruktivismus will Björn Kuhligk nichts zu tun haben. „Ich habe das Studium geschmissen, um Einzelhandelskaufmann zu werden. Ein Glas ist für mich erstmal nur ein Glas.“ Nur im Gedicht wird daraus etwas anderes, ein Motiv. „Aber nicht, weil ich die Existenz des Glases anzweifele.“ Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn Björn Kuhligk entzieht sich damit auch der Überinterpretation. „In der Natur die ich kenne und die ich wahrnehme, sind Menschen drin.“

Wenn seine Gedichte mit Widmungen versehen sind, dann möchte er nicht in einen Lyrikdiskurs treten. „Sondern dann heisst das nur, dass dieses Gedicht ohne ein Erlebnis oder eine Anregung des Anderen nicht entstanden wäre.“ Vielleicht macht das Björn Kuhligks Lyrik so lesbar: Sie entstehen nicht in der sehr geschlossenen, kleinen Dichterszene, die für ihn milde betrachtet „etwas von einem selbstreferentiellen Kanininchenzüchterverein hat“.

Björn Kuhligk steht notwendigerweise aussen vor, kann sich nicht an allen Kanonisierungshappenings beteiligen (dennoch war er mit Jan Wagner freilich Herausgeber der inzwischen kanonischen „Lyrik von Jetzt“-Anthologien). – „Jeder soll kreativ sein, jeder will kreativ sein, jeder kann kreativ sein.“ Mit diesen Worten beginnt ein kurzer Text im aktuellen Hochschulanzeiger der FAZ – um zu erklären, dass erst im entspannten Zustand Kreativität möglich ist. Das haben Neurowissenschaftler inzwischen belegt. Björn Kuhligk kann sich diesen Luxus nicht erlauben. Seine Texte müssen zwar nicht alle zwischen null und eins entstehen – aber da er mit seinen beiden Kindern (3 und 7 Jahre alt) zusammenlebt, sich neben seinem Job als Buchhändler auch um Essenseinkäufe und Geburtstagsparties kümmern muss, entstehen seine Gedichte in mehrmonatiger Kleinstarbeit, in einer Zeit, die er sich ansparen muss.

„Ich bin immer mit einem Notizbuch bewaffnet, in das alle Ideen kommen, aufgeschnappte Versprecher, Zitate, Bilder.“ Schreiben findet abends oder nachts statt, oft in Kneipen, fernab des Alltags, wo Björn Kuhligk seine Notizen sortiert, das Zeitfenster im Auge, eben nicht in absoluter Muße, auf dem Sofa, wie im FAZ-Text erwartet, sondern mit dem Wissen: „Es muss jetzt passieren. Ich muss mich konzentrieren.“ Das heisst: Seine Gedichte entstehen schnell. „Nur die Überarbeitung dauert dann Wochen, Monate.“

Im Notizbuch stehen also die „Nacht der Musen“, die er auf einem Plakat einfach falsch gelesen hat. Im Notizbuch finden sich Formulierungen der Art: „nach Diktat verreist“, ebenso anachronistische Stichworte wie „Brühwürfel“ oder „Videotourist“, die seinen Gedichten etwas Exotisches, aus der Zeit Gefallenes verleihen. Gleichzeitig sind sie, grossartig verdichtet, Gesänge über das Jetzt, über die binäre Computerzeit zwischen null und eins, über Widersprüche („Zentrale Randlage“), über Wälder, die wie Möbellager ausschauen, über Bundesstraßenränder und die allgegenwärtige „Kommunikationstheke“. Sie gehören zum Besten, was die gegenwärtige Lyrikszene uns zu bieten hat. Der neue Band kommt einem geradezu unverschämt preiswert vor.

(Björn Kuhligk: „Die Stille zwischen null und eins“, Hanser Berlin, 80 Seiten, 14,90 Euro)

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