Rezension: Panzerpop!

„Ich frage mich, ob Miho schon die Besonderheiten von Ninas Möse entdeckt hat und ob ihm der Sex mit Nina auch vorkommt wie ein Tanz auf dem Vulkan. Ich persönlich war immer vorsichtig bei ihr, vor allem im Bett. Ninas Möse erinnert mich immer an das Bermudadreieck: unscheinbare Oberfläche, doch voller Überraschungen.“ So spricht der georgische Ich-Erzähler in „adibas“, dem Fake-Kriegs-Poproman von Zaza Burchuladze. Der Roman kommt mit Anleihen an „Bright Lights, Big City“, archiviert die brutale Gegenwart während des Kaukasuskrieges 2008, ist ein Skype-Script-Labelprojekt und begeistert aus vielen verschiedenen Gründen.

Programm und Grundreflex der Popkultur ist die Aussage: „Das kann ich auch.“ Ob man wie Marcel Duchamp Pissoirs auf den Kopf dreht und „Fontaine“ nennt, mit wenigen Riffs die Rockmusik revolutioniert wie die Ramones oder etwas irrlichternd Leichtes dreht wie „9 Songs“ von Michael Winterbottom – es gibt keine Barriere. Gleiches gilt für Popliteratur, geschmäht, in ausverkauften Hallen beklatscht, vom Feuilleton mal bejubelt, dann wieder als konsumistisch, neoliberal, oberflächlich verschrieen. Der 2009 im Original und nun auf Deutsch erschienene „adibas“-Roman ist Pop, genauer Konzept-Pop bester Art.

9783351050214Die Geschichte ist schnell erzählt, weil sie mehr aus Beobachtung denn echter Handlung besteht. Während des für Georgien ungünstig ausgegangenen Krieges gegen Russland zwischen dem 7. und dem 16. August 2008 hängt eine Slacker- und Hipster-Clique in Tiflis ab und vertreibt sich die Zeit mit Sex, Wodka, Skype-Chats und Nonsens-Dialogen. Zaza Burchuladze, ganz Popliterat, archiviert die Nebensächlichkeiten seiner Gegenwart, beschreibt Straßenfeger die „Benicio del Toro in Fear and Loathing in Las Vegas“ ähneln und einen klassischen Kiosk, sinniert darüber nach, dass „ein iPod sehr viel über den Besitzer aus(sagt). Show me your iPod an I’ll tell you who you are.“ Er  lässt die Zeitschrift „Glamour“ vorkommen, „Die Neun Pforten“ mit Johnny Depp und „m&m’s“ stehen hier für „my magic mushrooms“.

Im Roman „Bright Lights, Big City“ von Jay McInerney aus dem Jahr 1986 strukturierten Fernsehnachrichten über ein „Koma-Baby“ die Handlung. In Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ von 1991 sind es Talkshows mit immer unwahrscheinlicheren (Pop-)Stars wie dem Yeti. In „adibas“ gibt es Berichte über Spezialbataillone, Fallschirmspringerbrigaden, Raketensysteme, Panzersperren, Drohnen und Mehrfachraketenwerfern, die den Hintergrund der Tage bilden. Der Krieg läuft irgendwie mit, ist Hintergrundrauschen eines Alltags im Dauer-Fake.

Während im Krieg die Wahrheit als erstes stirbt und am Ende die meisten Meldungen als Fälschungen entlarvt werden, ist der Waren-Fake wenigstens von Anfang an klar. „Wenn du gut gekleidet sein willst, musst du raus nach Didube zu den Second-Hand-Läden gehen und nicht in die Flagshipstores in Vere oder Vake. Einfach aus dem Grund, weil sie in ersteren das haben, was man in letzteren nicht findet. Und falls doch, sind sie dort auch reduziert so teuer, dass höchstens Ausländer sie bezahlen können. Dabei kriegst du die gleichen Sachen auch auf der Zereteli – die Straße ist nach unserm größten Dichter benannt – fast geschenkt.“

onlineImageWeil Warenstraßen nach Dichtern benannt sind, dürfen Cover auch aussehen wie Sneaker der Retroreihe „Samba“; Schwarz, Gold, mit aufgerautem Kunstleder, gestaltet von „Studio Grau“, die einst das Design vom Original-Blumenbar-Verlag geprägt haben und nun für einen der Gründer tätig sind, für Lars Birken-Bertsch, der Unterschlupf gefunden hat im Marketing des Aufbau-Verlags (die wiederum „Blumenbar“ als Imprint gekauft haben). Die von Lars Birken-Bertsch gegründete, als Netzwerkknoten des Betriebs fungierende Facebook-Gruppe, in der sich alles trifft und nicht nur Bilder, sondern auch Gerüchte austauscht, heißt konsequenterweise „You Should Always Judge A Book By It’s Cover“.

Aber kann das funktionieren, Popliteratur im Jahr 2015? Arezu Weitholz hat 2013 mit „Wenn die Nacht am stillsten ist“ an die Schreib-, aber nicht an die Inszenierungsweisen der Popliteratur angeknüpft. Das Pressebild von Zaza Burchuladze (siehe oben) greift dagegen diese Inszenierungen wieder auf, vielleicht vergleichbar mit der ironischen Banane in der Sakkotasche von Tino Hanekamp. Der Flow des rasch zu lesenden Romans erinnert an „Nichts bereuen“ von Benjamin Quabeck, der Sex ist mehr MTV als YouPorn und der Humor steht zwischen Roman Sencin, „Beavis & Butthead“ und Benjamin von Stuckrad-Barre. Besser als Nike: „adibas“.

Zaza Burchuladze: „adibas“, übersetzt von Anastasia Kamarauli, unter Mitarbeit von Tom Müller, Blumenbar, 192 Seiten, 18 Euro

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