Schnee statt Schüsse

„Runde Geburtstage werden ja gerne von der Verwandtschaft genutzt, um den Jubilar mit zähen Diavorträgen und langatmigen Reden zu würdigen. Wir hingegen wollen uns kurzfassen. Und das ein ganzes Buch lang.“

Bei den beiden Fußballexperten Christoph Biermann und Philipp Köster kann sich jeder Fachjournalist abschauen, wie die Crowd in toto begeistert wird. Wer es als Literaturmensch schafft, noch den letzten Angry-Bird-„Leser“ mitzureissen, durch Begeisterung, Kenntnis, Ideen – der schreibt und erzählt im Sinne dieser beiden Jungs, die nun ein unterhaltsames Fanbuch über 50 Jahre Bundesligageschichte vorlegen.

Es ist eine Ansammlung skurrilster Tabellen, Zitate, Fotos und Namensscherze. Es geht um Fußball-Briefmarken, um legendäre Spielerfrauen wie Claudia Effenberg, um Gerd Müllers Schrankwand, um die härtesten Spieler der Bundesliga. Da darf dann vor allem dieser Kollege nicht fehlen: Walter Frosch vom 1. FC St. Pauli. Hier  kurz in seiner Glanzrolle nach dem Spiel. Ob er nach seinen Krebsoperationen immer noch über Zigaretten scherzt: ich bin mir unsicher. Aber als harter Knochen, der in der Zweitligasaison 1976/77 so viele gelbe Karten eingesammelt hat, bleibt er in Erinnerung.

Ebenso werden archiviert: das weiteste Weitschusstor (Giorgios Tzavelas, Eintracht Frankfurt, am 12. März 2011 bei Schalke 04), Zweideutiges für die Brüdelefraktion (Rainer Calmund: „Rudi Völler wird weiterhin unsere Infrastruktur samt Sekretärin nutzen können.“), Himmelausrichtungen aller Stadien, Dauerwellen und Pornobalken, Penishautverletzungen, Bravo-Otto-Ehrungen – und jede Menge (noch größerer) Unfug: „José Gilson Rodriquez kam im August 1964 für 60.000 Mark Ablösesumme als erster Bundesliga-Brasilianer zum 1. FC Köln. Doch Zeze verschwand im Winter nach nur sechs Spielen wieder Richtung Heimat. Ein spanischer Arzt hatte ihm tatsächlich eine Schnee-Allergie attestiert.“

Nicht jeder Scherz haut hin, es sind ein paar verschossene Elfmeter dabei. „No jokes on names“. Das gilt hier nicht, weshalb wir lachen können über Roman Geschlecht und Guido Kopp, über „Farbige“ wie Max Grün (ohne „von der“) und Nico Braun. Man war sich nicht einmal zu schade, Günter Netzer im Spiel abzulichten, als seine Schussposition in etwas wie ein Hakenkreuz ausschaute. Da lacht der Fan nach sieben Bier – aber auch nur der. Dennoch schafft dieses reich bebilderte, sehr boulevardesk aufgemachte Bundesliga-Fanbuch den Spagat zwischen Kicker, 11 Freunde und Sport Bild-Berichterstattung. Für jeden was dabei – auch für die Nicht-Fußball-Gucker. Zwecks Vorurteilsabgleich.

(Christoph Biermann, Philipp Köster: „Fast alles über 50 Jahre Bundesliga“, KiWi, 224 Seiten, 12,99 Euro)

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