Rezension: Totenschädel als Testbild

Wo Herz-Jesu-Lampen statt des Fernsehprogramms leuchten, dürfen Teenie-Idole ganz bodenständig auf den Namen Friedrich Küchenmeister hören. Der deutsche Arzt belegte im neunzehnten Jahrhundert die Entwicklung von Blasen- in Bandwürmer, indem er einem verurteilten Mörder vier Monate vor seiner Hinrichtung mit Finnen infizierte Blutwurst zu essen gab. „Nach dem Tod des Mannes schnitten sie ihn auf und fanden in seinem Magen anderthalb Meter lange Bandwürmer.“

Friedrich Küchenmeister ist der ganz persönliche Held des irischen Teenagers John Devines, der moribunde Raupen und absurde Details über Larven, Maden, Nematoda sammelt. Seine Jugend wird nicht durch Castingshows und Jay-Z-Songs, sondern von „Harpers Handbuch absonderlicher Naturphänomene“ buchstabiert. Hier lernt er, wie antike Ärzte den Medinawurm in mehrtägiger Arbeit aus dem Körper um einen Äskulapstab wickelten: „In der Bibel heißt es, die Israeliten wurden von Schlangen geplagt, doch manche meinen, das sei nur ein blumiger Ausdruck dafür, dass sie Würmer hatten.“ John Devine, der „himmlische John“, getauft nach dem neutestamentarischen Lieblingsjünger Johannes, erlebt in Peter Murphy Debüt eine Apokalypse, die vordergründig als „Coming of Age“ -Roman, als moderne âventiure inszeniert wird, tatsächlich aber keltische Sagen, Tim Burton-Romantik, Gothic Novel und American Folk zusammenbringen will. Der Text kommt als postmoderner Sagenremix daher – und er funktioniert überraschender Weise. Denn dieser Junge leidet zurecht.

Johns alleinerziehende Mutter Lily, verdorben wie Adams paradiesische Lilith, predigt im Suff wahlweise keltische Sentenzen oder  traktiert ihren Sohn mit züchtigenden Mosessprüchen: „Wenn einem Mann im Schlaf der Same abgeht, der soll seinen ganzen Leib mit Wasser abwaschen und unrein sein bis zum Abend. Und jedes Kleid und jedes Fell, das mit solchem Samen befleckt ist, soll abgewaschen werden mit Wasser, und es soll unrein sein bis zum Abend.“ – „Sag, Sohnemann – gibst du dich gewissen Arten der, äh … Selbstbesudelung hin?“ Im ersten Erzählstrang arbeitet sich John an der Prüderie seiner Umwelt ab, denkt beim ersten Sex schuldbewusst an Geschlechtskrankheiten und den südamerikanischen Candiru-Fisch, der Uringerüchen im Wasser folgt. „Er schwimmt in den Penis des Opfers, stellt seine Stacheln auf und nimmt Blut auf, wobei sich sein Körpervolumen ausdehnt.“ Die intime Begegnung endet im emotionalen Desaster.

Der zweite, an „Rebel without a cause“-Filme erinnernde Erzählstrang ist Jamey Corboy gewidmet, Johns bestem Freund. Der Leidens- und Weggefährte kommt als Rimbaud lesender Kleinkrimineller daher, der Dante in die Unterwelt folgt und nebenbei stark geschminkte Mädchen flachlegt, bis sein T-Shirt an eine Reliquie erinnert: „Ich hab mal mit ihr getanzt, und sie hat ihren Kopf genau hierhin gelegt. Am nächsten Tag hatte ich ihren Gesichtsabdruck auf meinem besten Hemd. Sah aus wie das Turiner Grabtuch.“ Jamey ist ein charmantes Schlitzohr, das einerseits krude Geschichten schreibt, sich als Existentialist in nuce profiliert und andererseits Schnapsläden überfällt wie ein großer Gauner. „Er wirkte älter, als er war, das lag an seinem selbstbewussten Auftreten und war der Grund, warum er in Pubs bedient wurde.“ Jamey wird den nüchternen John in surrealistische Abgründe stoßen, ihn zu okkulten Riten verführen, seinen Geist verwirren, bis alles kippt und einer der beiden im Kittchen landen wird. So schauen moderne Lausbubengeschichten aus: Erst saufen, dann raufen – später rennen.

Doch wer das Nachsehen haben und das Ticket ins Kittchen ziehen wird und welches Ende Lily nimmt, das weiß John anfangs nicht. Er ahnt es nicht einmal. Aber John könnte es wissen, weil er Gesichte hat, weil er von Visionen heimgesucht wird. Deshalb kann das Eingangszitat aus Johannes‘ Offenbarung 22,8: „Ich, Johannes, habe dies gehört und gesehen“, nicht als Authentizitätsbeweis seiner Rede herhalten. Was er sieht, was er hört, ist nämlich noch nicht geschehen. John sieht, darin gewöhnlichen Teenagern ähnlich, den Weltuntergang voraus. Aber in der Geschichte stehen seine „verspulten Träume“ gleichberechtigt neben den anderen Szenen. Sie sind nicht weniger real als Jameys Erzählungen, Mutters Bibelwahrheiten oder der immer wieder eingestreuten „Urban Legend“ über einen angeblich entführten Afrikaner, der auf unheimliche Weise verflucht worden sein soll. Doch im Vordergrund steht diese problematischen Freundschaft zwischen John und Jamey, in der letzterer als Vaterersatz und Katalysator einer gestörten Familienbeziehung herhalten muss, während sich John, ganz der egozentrische Erzähler, auf das offenbarende Schauen und Hören konzentriert: „Fünfzehnjährige Jungs bestehen normalerweise aus wenig mehr als Ellbogen, großer Klappe und schlechter Laune, und ich war keine Ausnahme.“

Johns Vater, in England verrückt geworden, als er ein psychedelisches Rockalbum aufnehmen wollte und dachte, er besitze prophetische Kräfte, weiß nichts von seinem Erstgeborenen. Ob er überhaupt noch lebt, kann Lily ihrem Sohn nicht bestätigen: „Ich war ungefähr in der zehnten Woche, und ich hatte Angst, dass er mich nicht gehen lassen würde, wenn er sah, dass ich schwanger war. In seinem Zustand hätte er wahrscheinlich gedacht, ich würde Gott den Herrn zur Welt bringen.“ Sie bringt dann an Allerheiligen nicht Gott, sondern einen Halbgott zur Welt. Denn John wird während eines Gewitters geboren wird, im geheimnisvollen Dunkel wie Cú Chulainn, Kriegsheld des irisch-gälischen Ulster-Zyklus. Und während Cú Chulainn, der Hund von Culainn, kein Hundefleisch essen dufte, gilt für John streng nach Moses: „Das Schwein und alles, was nicht Flossen und Schuppen hat im Wasser, im Meer und in den Bächen, soll euch ein Gräuel sein. Von ihrem Fleisch dürft ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr verabscheuen.“ Denn auf eines hat Lily keine Lust, weshalb sich John jeden Sonntagabend nach dem Baden vornüber beugen muss, „damit sie mein Rektum ausleuchten konnte.“ Und das sind: „Würmer.“ Erhielt Cú Chulainn von der Kriegerprinzessin Scatchhach den „gae bolga“ einen mit Widerhaken besetzten Speer, so erhält John zum zehnten Geburtstag „ein Armbrustgeweht mir 165 Pfund Zugkraft“, dem später eine zentrale Rolle in der Geschichte zukommen wird.

Das alles könnte überfrachtet professoral daherkommen. „Ich John“ ist aber überraschend elegant erzählt. Dieses Debüt will nämlich kein neuer „Fänger im Roggen“ sein, keine Pop-Petitesse über Liebessschmerz und Hitparadenlieder, und ebenso wenig eine „Erziehung der Herzens“. „Ich, John“ will unterhalten wie ein brillanter Popsong – wie das zitierte „Strawberry Fields Forever“, tanzbar sein und dennoch zur Exegese einladen. Musik ist für den Text und seinen Autor selbstverständlich keine Tapete. Musik darf heilen und verzaubern. Hier spricht der Garbage-Fan und Rolling Stone-Autor. Wenn John als Baby schreit, singt Lily ihm den Gosplesong „John the Revelator“ vor, bis er wundersam entschlummert. Landet der Held wiederum als Teenager in einer Kneipe, wo ein Fiedler seine Mandoline streicht, kippt die Szene in eine Transposition des Grimm‘schen Rattenfängers von Hameln. „Einerseits ist dieser dämonsche Geiger durch Warren Ellis inspiriert“, sagt Peter Murphy, „dem Violinisten von The Dirty Three und The Bad Seeds. Andererseits entführt die Musik in meinem Buch immer wieder in mystische Welten, dorthin, wo das Verborgene angedeutet werden kann.“

Musik soll bitte ernstgenommen werden. So wird John in der Disco unverhältnismässig barsch angeherrscht: „Bessere Männer als du sind dafür gestorben, dass diese Musik gespielt werden kann. Und alles, was dir einfällt, ist, dir den Arsch breit zu sitzen und selbstgefällig zu glotzen, du kleiner Scheißer.“ Gleichzeitig wird der Tadelnde hier als typischer Gegenspieler eines sagenhaften Helden inszeniert. „Ich, John“ trägt jederzeit dick auf. Figuren heissen Fintan, wie keltische Recken. Die zahlreichen Binnengeschichten paraphrasieren Hexenlegenden. Jamey Corboy ist als moderner Lomna Midlach angelegt, als der Narr des ossianischen Sagenkreises, der hier wie dort wegen seiner Geschwätzigkeit aufgemischt wird. – Wohin John schaut, sind religiöse Objekte: „Der gekreuzigte Christus, an den Perlenstrang des Rosenkranzes gefesselt, den meine Mutter in ihrem Nachtkästchen aufbewahrte. Die mit Weihwasser gefüllte Plastikmadonna mit ihrem traurig gesenkten, verzagten Mutterblick.“ Aber weder Plastikmadonna, noch Lily, werden John davon abhalten können, seiner Bestimmung als Mythenmacher entgegenzugehen.

„John the Revelator ist ein Traum, der nicht existierte – bis jetzt“, sagt Peter Murphy. „Ich John“ oder eben „John the Revelator“ im Original existiert nicht, bis sich ein Autor fünf Jahre lang jeden Morgen gegen fünf Uhr hinsetzte, um vor dem Weg ins Büro etwas Mystisches zu schreiben, der Vergänglichkeit etwas Bleibendes abzutrotzen. Denn „die alte Krähe weiß, dass ihre Leben nichts weiter sind als Traumgeschichten, die sich die Seele in der Sekunde ihres Todes selbst erzählt, sie sind der köstlich alchimistische Rausch des Momentes der Verwandlung und Verklärung, wenn die Essenz des Daseins, wie sie auch beschaffen sein mag, in schwarzes Licht übergeht, in kinetische Hitze, und sie hebt ihre Schwingen und gleitet transformiert ins Anderswo, übertrumpft das absolute Schwarz in einem todesverachtenden, virtuosen Akt, und alle Seelen, die sich in den Hallen der Ewigkeit versammelt haben, rufen ‚Wow!‘ und ‚Bravo!'“

Peter Murphy: „Ich, John“, übersetzt von Karsten Kredel, Suhrkamp 2009, 270 Seiten, 13,90 Euro

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