Spione im Doppelduell

Der „Zauberberg“ hat jetzt einen Hubschauberlandeplatz: Hédi Kaddour schickt Hans Castorp im Epochenroman „Waltenberg“ durchs 20. Jahrhundert. Die Übersetzung ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert:

„Wird aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“, fragt Thomas Manns „Zauberberg“ im letzten Satz, während das „Sperrfeuer von Schrapnells und großkalibrigen Granaten“ durch irgendeinen französischen Wald dröhnt und der junge Held Hans Castorp durchs Blutbad watet.

„Es ist das Flachland“, es ist der Erste Weltkrieg, Hans wirft sich hin, mit dem „Gesicht im kühlen Kot“ und schon schmerzt ihn „die Spitze eines Säbels auf dem Bauch, leicht gekrümmt der Säbel. Der Mann, der ihn hält, hat ein sehr bleiches, junges Gesicht. Die Klinge zittert.“ – Es ist immer noch die gleiche Szene, nur ein ganz anderes Buch.

Wie beim Staffellauf wird der Deutsche Nobelpreisträger Thomas Mann abgelöst vom tunesischstämmigen Franzosen Hédi Kaddour, der in seinem Heimatland vor allem als Lyriker und Essayist bekannt ist und plötzlich ausreichend Chuzpe besitzt, sich Aug‘ in Aug‘ einem der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gegenüberzustellen. „Waltenberg“ beginnt wenige Sekunden nach dem pathetischen „Finis Operis“ des „Zauberbergs“ und wird von da an fast 80 Jahre lang weitererzählt. Hans ist ein Gefangener – im doppelten Sinne.

Die Dragoner fesseln ihn und „sie bereiten sich auf einen jener Sturmangriffe vor, die seit Jahrhunderten das Geheimnis der französischen Kavallerie ist“. Ab jetzt ist es aus mit Ewigkeitssuppe, Kahnfahrten und Schopenhauers Metaphysik. Denn Kaddour weiss, wie man einen großen Roman als Vorlage nutzt, dekonstruiert, bis ins Absurde hinein weiterschreibt.

Aus dem Schiffsbauingenieur Hans Castorp wird der Flugzeugmechaniker Hans Kappler. Den Ersten Weltkrieg überlebt er mit viel Glück und noch mehr Mut – von Hans Castorp hätten wir niemals angenommen, er käme heil aus seiner Geschichte heraus. Aber Kaddours Hans Kappler avanciert insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg als Erfolgsautor und sein bester Freund ist Max Goffard, kein Nihilist oder Bohemien wie die Weggefährten Castorps, sondern ausgerechnet ein Franzose, der einzige Überlebender seiner Kompanie. „Aber das hat ihn nicht häuslicher gemacht, wussten Sie schon dass er auch einer der Überlebenden der Hindenburg-Katastrophe war? Nicht einfach, gar nicht einfach.

Zwischen den Kriegen war er in den Kolonien, vor allem in Marokko, beim Rifkrieg der Zwanzigerjahre, man nannte ihn Goffard den Afrikaner.“ Das Verhältnis zwischen dem Journalisten Max Goffard und seinem Weggefährten Kappler spiegelt selbstironisch Hédi Kaddours Verhältnis zu Thomas Mann. Der eine steht im Schatten des anderen, mal mehr, mal weniger souverän.

Dazu gesellt sich ein Dritter, Michael Lilstein, Doppelspion und ständiger Flüchtling, den nationalsozialistischen KZ und dem kommunistischen Gulag entkommen, der sich später zum Melancholiker entwickelt, sein Gespür verliert, für die Gefahr und für die Liebe (was ja oft das Gleiche ist). Lilstein ist ein Überlebender, wie Hans, wie Max, mit ihnen auch verbunden durch ein gemeinsames (wenn auch unterschiedlich gefärbtes) Interesse gegenüber einer türenschlagenden, hochkapriziösen Amerikanerin: Lena Hotspur, Sängerin, „weiße Schultern, volles rotes Haar“, die nicht zufällig an den kirgisenäugigen Schwarm Hans Castorps im „Zauberberg“ erinnert. Mise-en-scène dieser zwischen den Jahrzehnten vor- und zurückspringenden Geschichte ist „Waltenberg“ in der Schweiz, wo hochrangige Politiker, Philosophen, Wirtschaftler unter anderem die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ verhandeln. Nach 1945 wird aus dem esoterischen Zirkel ein machtvoller Tagungskreis, ein Weltwirtschaftsforum avant la lettre.

„Waltenberg vergrößert sich, ein Hubschrauberlandeplatz, Sauerei!“ – Die tatsächlichen Sauereien tragen andere Namen: McCarthy („lassen Sie Thomas Mann als Kommunisten jagen und seinen Zauberberg aus unseren Kulturzentren in Übersee entfernen“), dann Vietnam („der letzte Kolonialkrieg“), die Guillaume-Affaire, dazwischen Lilstein in ständiger Angst, als Doppelagent enttarnt zu werden. Das weltpolitische Geschehen ist nur noch als Krocketspiel symbolisierbar, „aggressiv, hinterhältig, mit Bündnissen, Rache, Verrat, Doppelspielen und Versöhnungen“, wie es Max bei einer Partie mit dem französischen Kulturminister André Malreaux 1965 in Singapur erläutert.

849237566Danach gibt es verdammt schlechtes Essen: Lammkeule, „zäh und blutig zugleich, das muss man erst mal hinkriegen.“ Das hätte Woody Allen kaum besser erfinden können. – Hédi Kaddours Erzähler ist kein „raunender Beschwörer des Imperfekts“ mehr, wie im „Zauberberg“, sondern ein sprachverliebter Narrateur, was vor allem der Übersetzung Grete Osterwalds zu verdanken ist, die sich beim Preis der Leipziger Buchmesse nun durchsetzen muss gegen Ulrich Blumenbachs „Infinite Jest“-Übertragung und Christian Hansens deutsche Fassung von „2666“.

Dass „Waltenberg“ auf harte Konkurrenz trifft hat der Roman schon kurz nach Erscheinen im Herbst 2009 erfahren. Denn zwischen den beiden sehr dicken Nachlasswerken von David Foster Wallace („Infinite Jest“) und Roberto Bolaño („2666“) ist „Waltenberg“ beinahe untergegangen. Man sollte Übersetzer nicht blindlinks gegeneinander ausspielen, doch auch „Waltenberg“ hätte alle Ehren verdient, so  sensibel hat Osterwald den lyrischen Ton Kaddours getroffen und jenen sprachlichen Drive erhalten, der einen dieses Buch atemlos von Kapitel zu Kapitel blättern lässt, als lese man Thomas Mann light, oder, mit dem Roman selbst gesprochen, als sei eine der ambitioniertesten Ideen von Hans Kappler in Erfüllung gegangen: „Er wollte sogar eine Sammlung umgeschriebener Literatur herausgeben, die großen Werke in einfacher Sprache, zusammengefasst, ausgedünnt, selbst mit Ulysses und dem Zauberberg wollte er das machen.“ Damit dieses Lebensaufgabe überhaupt bewältigt werden konnte, hat Grete Osterwald lange recherchiert, Sils Maria und Davos besucht, „etwas Höhenluft und alpiner Größenwahn, dann Hintergrundliteratur, Alain-Fournier, Thomas Mann, Malraux, Gide und einiges zur französischen Kolonialgeschichte, insbesondere Indochina und Rif-Krieg mit der Figur des Abd el Krim.“

Die harte Arbeit hat sich gelohnt. – Nach 740 Seiten und nahezu ein Jahrhundert später, das Hédi Kaddour endgültig mit seinem „Sperrfeuer von Schrapnells und großkalibrigen Granaten“ zerschossen hat, sind Deutschland und Frankreich versöhnt. Das einst geteilte Europa strahlt im wiedervereinigten Glanz und die Liebe hat gesiegt: Zuletzt springt Max ausgerechnet eine Katze auf den Arm. Diese Reminiszenz an Thomas Manns „Walpurgisnacht“-Kapitel, in dem Hans Castorp versucht, seine „heißen Katze“ Clawdia Chauchat zu verführen, ist einfach nur schelmisch. Während der vollzogene Beischlaf zwischen Castorp und seiner Clawdia mehr als fragwürdig ist, macht der Franzose Max Goffard Nägel mit Köpfen: „Er trat mit der Katze in die Dunkelheit, und niemand hat ihn je wieder gesehen.“ – Die „heisse Katze“ schleppt zum Ende eines französischen Romans selbstverständlich der Franzose ab.

Hédi Kaddour: „Wartenberg“, übersetzt von Grete Osterwald, Eichborn, 752 Seiten, 29,95 Euro

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