Lendle-Leaks

„Neue Formen der Literaturvermittlung“ diskutierte die Tagung „Literatur Futur“ vom 24. bis 25. Mai. 2013. Wenige Tage später produzierte sie einen veritablen Feuilletonskandal, den kein Besucher vorhergesehen hatte.

Suhrkamp ist in einer Krise. Der Buchhandel ist in einer Krise. Das Feuilleton ist in einer Krise. Zur gleichen Zeit findet in Hildesheim eine Tagung zu „neuen Formen der Literaturvermittlung“ statt, organisiert von den Studenten des Fachbereichs „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“. Der rein medienästhetische Vergleich mit der ebenfalls an diesem Wochenende veranstalteten Wuppertaler Tagung „Heideggers Esoterik? Zum Verhältnis von Philosophie und Öffentlichkeit“ spricht für sich. Das Gestern auf der einen, das Morgen auf der anderen Seite – hier die Wahrheit im Verborgenen, dort das ewige Drängen zum Licht der Öffentlichkeit.

Während die Adyton-Kenner ohne Mikrofon, von einer kleinen, nicht gut funktionierenden Kamera beobachtet in einem gewöhnlichen Uniraum sitzen, haben die Hildesheimer einen  mit Scheinwerfern ausgeleuchteten schwarzen Saal technisch hochgerüstet: Headsets, mehrere Mikrofone, eine Twitter-Wall (via tweetwally) die es einem nicht ermöglicht, die Uhrzeit abzulesen, sondern chronologisch Tweets postet, über denen dann steht „vor drei Minuten“, „vor vier Minuten“ et cetera. Es gibt zahlreiche Aufnahmegeräte des Litradios, zwei Leinwände, WLAN-Zugriff für alle, dazu etliche Studenten mit Foto- und Filmkameras.

DIE ZEIT-Literaturkritiker Stefan Mesch, für die beiden Tage als Experte eingeladen, sitzt in einer Ecke und bloggt live. Auf den Stühlen, um die ebenerdige Bühne verteilt, schauen Besucher auf ihre Smartphones, tippen Tweets in ihre Tablets, haben das MacBook auf den Knien stehen, um mit zu notieren. Thomas Klupp schaukelt sein Kleinkind (im Wagen liegt es, schlafend).

In Wuppertal gibt es Heidegger-Jahrbücher, Heidegger-Ausgaben von Klostermannn, die Liebesgeschichte zwischen Heidegger und Hannah Arendt. In Hildesheim liegen die Bücher von Sascha Lobo und Kathrin Passig aus, das bunte Programm von Edition Pächterhaus: Tobias Hülswitt, Netzgedichte, ein Magazin mit dem schönen Titel „Der blaue Salon“. Downloadcodes werden bislang auch dort nicht verteilt. Die Literatur auf Papier steht draußen, vor dem Saal, in Sichtweite des Kuchenstandes.

Social Media und der Schreibprozess

Im Saal: Null und Eins. Schriftstellerin Rabea Edel bezeichnet Facebook als „neues Blogformat“, jedoch nicht als Mitmachliteraturforum. Sie treibt sich auf Tumblr, Twitter und Instagram „ein bisschen“ rum, gibt aber zu, das alles habe mit ihrem literarischen Schreiben nichts zu tun. Muss man sich denn einlassen auf die neue Form, so wie der Automechaniker plötzlich Mechatroniker sein musste, „ob er wollte oder nicht“ (Sascha Lobo)?

142.000 Follower lesen die (schon lange nicht mehr täglich geposteten) Tweets von Internetexperte Sascha Lobo, der zwar 15.000 Exemplare seines Debütromans „Strohfeuer“ verkauft hat, aber darin einerseits keine Twitter-Werbe-Effekt ausmachen kann und zugibt: „Der Schreibprozess selbst war nicht besonders social.“ Ebenso wenig hat er den Roman Auflage für Auflage neu verfasst, wie beispielsweise Andreas Neumeister sein „Gut laut“ in der 1.0-Version von 1999 und der 2.0-Version von 2001. (Übrigens habe ich für jede der vier Auflagen von „Staring at the Sun“ eine jeweils komplett neue Fassung geschrieben. Das funktionierte auch vor dem Social Net).

Sascha Lobo benutzt Social-Media-Formate nur noch zum senden, „keinesfalls um zu reagieren, um zu antworten.“ Seine vielzähligen Bücher sind nicht in Diskussion mit der religiös apostrophierten „Internetgemeinde“ entstanden, sondern bei Co-Projekten via Google Docs, bei dem allein für ein bestimmtes Dokument freigeschaltete Benutzer einen Text verändern, um- und neuschreiben können (während die älteren Versionen im Hintergrund gesichert bleiben). Der Schwarmroman lässt also auf sich warten, sieht man von Fanfiction oder dem Konzept des „uncreative conceptiunal writing“ ab.

Sascha Lobo gibt zu, dass er derart darauf trainiert ist, 140-Zeichen-Sätze zu verfassen, dass er einerseits in seiner Spiegel.de-Kolumne Sentenzen einbringt, die von anderen via Twitter gepostet werden können „zirka 120 Zeichen, weil der Link dazu muss“. Dieses Verfahren hat sich aber auch in „Strohfeuer“ geschlichen. Sätze, um sie zu zitieren. Das klingt prima, erinnert zudem an die Motown-Praxis, möglichst viele Hooks in einen Song zu packen, auf dass er im Gedächtnis hängen und mitgesungen werden kann.- Einwurf von Rabea Edel: „Ist das nicht total opportunistisch?“

Der iconic turn im Betrieb

Gegen jegliche Opportunismusverdächtigungen erhaben ist freilich Kookbooks mit seinen Netz-, Buch-, Raum- und Finanzierungsformaten. „Bücher sind nur ein kleiner Teil dessen, was wir machen“, sagt Kookbooks-Verlegerin Daniela Seel, die sich nach „neuen Räumen“ umsieht, die Möglichkeiten einer „anderen Fixierung und Haltbarkeit von Literatur“ auslotet. Diese findet immer mehr im Netz statt, auf Seiten wie „G13“ oder „Fixpoetry“. Sie existiert aber auch als Texttanzstück, als „Sprechende Gänge“-Kookwalk durch Berlin, um Lyrik außerhalb der Konsumsituation an den Mann zu bringen. „Was wir hier machen ist Literaturselbstverteidigung, Produzentengalerie.“ Die Möglichkeiten seien vielzählig und es verwundere doch, dass die Self-Publishing-Szene (noch) relativ klein sei.

Daniela Seel hält einen Vortrag, unterstützt von dem Programm „pecha kucha“, bei dem insgesamt 20 Bilder jeweils 20 Sekunden lang projeziert werden – was später beim Vortrag von Jo Lendle und noch später bei der Diskussion um diesen Vortrag interessant sein wird. Denn „pecha kucha“ funktioniert in der Nacherzählung nicht, sondern ist im besten Fall ein in sich stimmiges, nicht singulär herauslösbares Gesamtbild aus Ton, Bild, „Zeit und Raum“.

Im Hintergrund lässt Daniela Seel während sie redet Gedichte flüstern (zwei Tonebenen). Es gibt zwei Beamer, die im Dauerwechsel Kunstbilder anzeigen (zwei Bildebenen). Sie selbst geht die ganze Zeit, Headset angeschaltet, von Ecke zu Ecke (es gibt keinen Punkt, sie macht Rhizom) und möchte zeigen, dass durch die Bewegung der Ort unklar wird, von dem man am besten sieht. „Was ist das Fixierte?“ Denn: Von jedem Blickwinkel aus kann etwas betrachtet werden. „Am liebsten hätte ich vier Leinwände benutzt.“ Es geht um ein Gedankenexperiment, das die Medienrezeption unserer Zeit aufgreift. An allen Ecken findet etwas statt. Von allen Ecken aus kann etwas betrachtet werden.

„MAZ ab!“

Mit diesem lediglich altbekannten Satz eröffnet dann Jo Lendle seinen Pecha-Kucha-Vortrag, ein Gedankenexperiment, ebenso wie das von Daniela Seel. Hierbei nun ein kurzer Schwenk zurück, nach Wuppertal. 800millionen-Philosoph Peter Trawny, Leiter des gerade gegründeten Martin-Heidegger-Instituts hat in seiner Schrift „Medium und Revolution“ formuliert, wie aktuelle Diskurse unter dem Begriff der Verständlichkeit stehen und Esoterisches oder nicht direkt zu Verstehendes als „unkonstruktiv“ desavouiert wird. Das ist ein RTL2-Heidegger-Kurzschluss, der beschreibt, wie Erkenntnisse weggedrückt werden können, sobald sie nicht binnen 20 Sekunden vermittelbar sind. Es passt auch zu Sascha Lobos vorheriger Aussage, dass Twittern seine Art zu schreiben verändert. Jahrelang haben Twitterer erklärt, man würde ihr Format nicht verstehen, wenn man es für oberflächlich hält, das es doch „um Verweise gehe“, wurde dann gesagt, nicht um: „Die Welt in 140 Zeichen“. Doch die Bierdeckel-Politik wurde längst vom „Short Macht Service“ der Kanzlerin abgelöst. Die kurze, klare Rede ist längst Alltag.

Jo Lendle wird Ende des Jahres Nachfolger von Hanser-Verleger Michael Krüger, Er hat mit Miniaturen bei Suhrkamp als Autor debütiert. Er kann Tausend-Seiten-Werke betreuen und zur gleichen Zeit bei Facebook, Twitter, im Blog die Esprit-Werbekampagne persiflieren. Jo Lendles Sprache ist der jeweiligen Form angepasst, womit es nun zum Kern des später in allen Feuilletons diskutierten Pecha-Kucha-Vortrags aus Hildesheim geht (der an dieser Stelle allein als Text nachpubliziert wurde).

Er entwirft das Modell des Self Publishers, spricht von zwei nebeneinander existierenden Verlagen – dem Selbstverlag (wie ihn Daniela Seel Minuten zuvor noch skizziert und in Differenz zum Althergebrachten gebracht hat). Der Selbstverlag muss freilich keine Autoren finden. Denn Autor ist der Verlag schon selbst, beziehungsweise vice versa. Der Hanser-Verleger ist ebenfalls Autor, der sich aber lieber von einem anderen Haus (nämlich DVA) finden liess, genauso wie Michael Krüger bei Suhrkamp publiziert. Vorschüsse zahlt der Selbstverlag nicht. Texte werden nur dann lektoriert, wenn es der Autor wünscht (wie zuletzt Dirk von Gehlen, der bei „Eine neue Version ist verfügbar“ das Lektorat extern eingekauft hat). Der Literaturmarkt ist doppelt so groß wie der Kino- und der Musikmarkt zusammen. Auf der Leinwand werden Bilder von Jo Lendles vergangenen Albanienreise gezeigt, die „in keinem Zusammenhang zum Vortrag“ stehen.

Hanser vs. Sobook

Sascha Lobo legte zuvor mit Sobook ein neues Literaturmarketingkonzept vor. Kern dieses Konzeptes ist ein Tool, das es ermöglicht, Buchzitate so zu verlinken, dass die anderen Nutzer, beispielsweise von Facebook (die Seite hat mehr Zugriffe als die 99 ihr im Ranking folgenden Social-Media-Angebote) beim Anklicken direkt im Text landen, dann zwei Seiten lesen können, bevor sie aufgefordert werden, den Rest des „Buchs“ zu kaufen. Der Kindle sei eine Übergangsform. Bücher und Browserfenster gehen nach Sascha Lobos Analyse eine Symbiose ein. „Die Leute werden das nutzen. Sie zahlen dann nur nicht mehr 19,99 Euro für ein Buch, sondern eher 2,99 Euro“, sagt er. Gleichzeitig können so neue Vernetzungen ausprobiert werden. Ein Gegenmodell zu althergebrachten Verlagen wie Hanser soll Sobook definitiv nicht sein, sondern eine  ergänzende Vermarktungsmöglichkeit.

Auf dem Podium wird sich niemand zu irgendeinem Zeitpunkt gegen Verlage an sich aussprechen. Sascha Lobo hat keine Lust, selbst zu filtern und sieht in Lektoren nicht nur Menschen, die Texte verbessern, sondern auch als Gatekeeper, die Qualität entdecken und Relevanz ermöglichen, die verhindern, dass man als Konsument allzu viel Zeit verschwendet mit schlechten produkten. „Dazu kommt der nicht zu überschätzende Faktor des guten Satzes. Es ist fürchterlich, ein Buch zu lesen, das nicht anständig gesetzt wurde.“ Die Mitmach- und individualkultur kommt an ästhetische Grenzen.

Smart Mobs

Daran erinnert auch Stefan Mesch, wenn er davon erzählt, dass zuschaueroptimierte Soaps nicht funktionieren. „Denn die Konsumenten sagen dann, dass sie beispielsweise die Tanja nicht mögen, dass die weg muss. Aber ohne Tanja gäbe es keine Intrige und ohne Intrige keinen Grund, die Serie zu sehen.“ Er zapft dagegen die Intelligenz im Netz an. „Ich wohne auf einem Dorf. Meine Freunde sind im Netz, nicht nebenan.“

Die kollektive Intelligenz ist weniger am Entstehens- und mehr am Entschlüsselungsprozess beteiligt. Auf Seiten wie poetrygenius oder rapenius werden Meisterwerke der Welt- und HipHop-Literatur (Ulysses, New Slaves) von der Masse kommentiert, als Gegenprojekt zu kommentierten Ausgaben wie dem 50-Euro-Klotz von Suhrkamp. Sind die Autoren tot, hat das freilich kein Einfluss aufs Werk. Andererseits rücken nun Leser und Autor (auch via Formaten wie Lovelybooks und Goodreads) näher zusammen. Unwahrscheinlich, dass ein Umberto Eco auch im Jahr 2013 eine eigene Interpretation seiner „Name der Rose“ verfassen müsste.

Der Verlag von morgen

Aber zurück zu Jo Lendle und seinem Vortragstext, in dem er einleitend sagt: „Einen schönen guten Tag. Ich wurde eingeladen, meine Einschätzung zu dem viel­versprechenden prophetischen Thema »Der Verlag von morgen« zu geben. Meine erste Reaktion: Das ist leicht. Das beantworte ich mit einem persönlichen Statement: Mein »Verlag von morgen« heißt Hanser. – Fertig. Vielen Dank fürs Kommen.“

Mit keiner einzigen Silbe sagt er, Verlage wären überflüssig. Doch eben das wurde ihm unterstellt. Der genau Wortlaut ist: Fazit: Verlage sind schon heute definitiv nicht mehr nötig. Autoren können ab sofort auswählen – und dabei womöglich die Vorteile der Arbeitsteilung erkennen. Verlage verlieren durch diese Wahlmöglichkeit ihr Türhütermonopol und werden zu Edel-Dienstleistern. Wir werden uns anstrengen müssen.“ Man hätte den Unterschied zwischen „nötig“ und „überflüssig“ kennen können. Aber dann hätte es im Feuilleton keinen Text gegeben.

Tatsache ist, dass Jo Lendle daran erinnert hat, dass der „Aufbau eines Werks“ heutzutage von „Projekten“ abgelöst, aber deshalb nicht verunmöglicht wird, dass man überall alles lesen kann, aber ein nach Hanser-Maßstäben eingekauftes, betreutes, gesetztes und gedrucktes Buch eben nur bei Hanser. Es ist exakt die Einsicht, die vor 15 Jahren von der inzwischen weitestgehend darniederliegenden Musikindustrie vermisst wurde. Aber es ist keinesfalls so, dass Self Publishing die Verlage überflüssig werden lässt, ebenso wenig wie Literatur nur das ist, jemals das war, was von Verlagen veröffentlicht wurde. Durch enhanched eBooks (die im Schulbuchsektor gut, im Belletristikbereich gar nicht angenommen werden), durch Social-Reading-Seiten, Fanfiction et cetera sind neue Formen des Publizierens möglich. Doch stehen sie stets in der Gefahr, den gemeinten und den tatsächlichen Sinn ins Absurde zu verdrehen (man schaue sich einfach mal das auf Wunsch des Autors nicht lektroierte, geradezu unlesbare Machwerk „Limit“ von Frank Schätzing an), eben der Art, wie es absurd ist, als Verleger einen Vortrag über Verlage zu halten, über Selfpublishing nachzudenken und währenddessen wahllos Bilder vom vergangenen Albanienurlaub einzuspielen.

Das hier ist, geradezu passend, die 1.0-Version des Textes – eine „2.0-Ausgabe“ gibt es auf pop-zeitschrift.de

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