ShortStoryShorts (1): MDMA und ÖPNV

Mit den „ShortStoryShorts“ eröffnet LesenMitLinks eine neue Reihe. Romane, Erzählungen, Lyrik etc – das alles wird umfangreich besprochen. Die einzelne Short Story geht aber oft im Sammelband unter. Das hier ist kein germanistisches Close-Reading-Projekt, sondern eine Entdeckungsmaschine. Ich stelle vergriffene und bombastisch erfolgreiche Gegenwartsgeschichten vor, einzelne Short Storys aus Literaturzeitschriften (anstatt die ganze Ausgabe zu besprechen oder um sie eben dadurch zu würdigen), bediene mich an dem großen Pool von 1LIVE Shortstory (für die ich ständig auf der Suche nach Geschichten bin, veröffentlichten, unveröffentlichten…) Direkt zu Beginn geht es um Schauspieler, die den Literaturmarkt erobern: Karen Köhler und ihr Debüt „Wir haben Raketen geangelt“ werden gefeiert. Joachim Meyerhoff ist inzwischen mehr für „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ bekannt als für sein Engagement am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Robert Seethaler brilliert bei Hanser Berlin mit „Ein ganzes Leben“. 

Juliane-Stadelmann_kleinJetzt kommt Juliane Stadelmann (Foto), die ganz vorn im Rennen lag beim „New German Fiction“-Award und bald in 1LIVE Shortstory präsentiert wird mit: „Mannahatta“. Juliane Stadelmann. geboren 1985, besuchte die Schauspielschule Charlottenburg und studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. (Hier gibt es ein Portrait vom Heidelberger Stückemarkt). In „Mannahatta“ erzählt sie sehr dialoggetrieben (ist das Theater Schuld?) von einer Liebe in Boston, „mit seinen regenfeuchten Straßen und seinen klinkerkleinen Häuschen. Hier war die Welt noch in Ordnung, hier war China Town noch unlesbar und unfreundlich, hier hingen noch die amerikanischen Flaggen in den Vorgärten, hier war die Welt noch wie im Film: Schön. Nathan war der Mitbewohner gewesen von meinen Freunden, Annie und Mick. Und hätte ich geahnt, welche Konsequenzen es haben würde, ihn nach einer Zigarette zu fragen, dann hätte ich mir das vielleicht noch mal überlegt.“ Mit Nathan zu schlafen „ist wie über ein paar Steinplatten in einem frisch bepflanzten Beet zu gehen. Man hangelt sich von Stein zu Stein und passt ganz furchtbar auf, dass man zwischendurch in nichts rein tritt.“

Eine literaturbegeisterte Künstlerin aus Deutschland besucht New York (9/11) und Boston, eben jene Stadt, in der 2013 ein Terroranschlag auf den Marathon verübt wurde. Doch diese Phänomene schleichen sich unmerklich in die Geschichte ein, die oberflächlich von MDMA, Veranda-Abenden und Liebesturbulenzen (mit Nathan, der weder weiß, wer Jack Kerouac war, noch je von Sid Vicious gehört hat) erzählt, darunter aber Chaos, Krieg und Tod bereithält. „Hätte ich geahnt, welche Konsequenzen es haben würde, ihn nach einer Zigarette zu fragen, dann hätte ich mir das vielleicht noch mal überlegt.“

B13_300x390Die „Belletristik – Zeitschrift für Literatur und Illustration“ war vor knapp neun Jahren der Anfang des inzwischen gerade im Lyrikbereich bekannten Verlaghauses J. Frank (hier geht es zu einer kurzen Besprechung von Florian Voß’ „Datenschatten, Datenströme, Staub“). gerade ist Ausgabe 13 erschienen, mit einer Textauswahl von Björn Kuhligk (dessen Gedichtband „Die Stille zwischen null und eins“ ich hier vorgestellt habe) und Illustrationen, die Doro Huber ausgewählt hat (darunter auch das obige Beitragsbild). „Für manche ist die Ziffer 13 eine Unglückszahl“, schreiben Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller im Editorial, um das Traurige sodann anzuschließen: „Mit der 13. Ausgabe nehmen wir Abschied von der Belletristik und konzentrieren uns zukünftig auf das Publizieren unserer Buchreihen!“ (Hier kann man die Ausgabe flux nachbestellen, bevor sie ausverkauft ist). Vertreten sind Markus Orths, Safiye Can, Lucy Fricke, Sascha Reh und viele andere, darunter auch der Verleger selbst mit der deutsch-englischen Doppelseite „Und sage ich Sprache“. Es ist ein Text, der Zwischenräume deutlich macht mit Sätzen wie:

„when i say language, i mean my language, still confused by i and i, that tastes the friction between it’s fricatives and chews on consonants, voiced dentals crushing ts to ?s.“ Deshalb ist auch „between“ eines der immer wiederkehrenden Wörter. Dazu kommen Formeln ((p➙q)^(p➙r|) Delta- und Gammazeichen, Nullen, Einsen, arabische Schriften und eine sehr clevere Auflistung, was Sprache bennenen kann: „tastes of sauerkrautauf hummus“, ebenso „wink and Wink, Most and most, herb and herb, trunk and Trunk“ (False friends).

KehlmannEs gab eine Zeit, in der versuchte der Bertelsmann Club (meine Eltern waren selbstverständlich Mitglied) Anschluss an die heißeste deutsche Gegenwartsliteratur zu bekommen. 2002 veröffentlichten die Gütersloher „Der fernste Ort“ von Daniel Kehlmann, und weil ich damals weit davon entfernt war, Rezensionsexemplare von Verlagen frei Haus geliefert zu bekommen bediente ich mich zu jener Zeit in der Remmittendenkiste etlicher Buchhandlungen Wuppertals – der Bertelsmann Club gehörte freilich dazu. So kam ich zu meinem ersten Kehlmann-Roman und einer Kurzgeschichte, die als Sonderdruck (18 Seiten) beigelegt war. Zwölf Jahre später sollte 1LIVE Shortstory auf meine Initiative hin „Der Besucher“ als einstündige Lesung senden, einen Text, der immer noch begeistert. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann stellt sich in einer Bahnhofshalle auf ein Gerüst und deklamiert: „Es sei Zeit umzukehren und den Geboten des Herrn zu folgen.“ Wer ist dieser Mensch, den etliche der anderen Passanten ignorieren? „Einige blieben stehen, ein dicker Mann machte Fotos, die auf dem Gerüst stehenden Bauarbeiter starrten ihn verblüfft, doch nicht ohne Interesse an.“ Plötzlich eskaliert die Situation und dieser Mann, der seinen Mitmenschen Mäßigung anmahnt, wird Gewalt angetan, er durchlebt eine schmerzhafte Passion, die ihm jedoch seltsam wenig anzuhaben scheint.

Langsam entfaltet sich die betrübliches Lebensgeschichte des Besuchers, der sagt, was er denkt und deshalb seit jeher die allerschlimmsten Widrigkeiten zu ertragen hat. Er predigt, weil er denkt, eine Mission zu haben. Der Mann glaubt felsenfest, ein großer Prophet des HERRN zu sein. Sein einziges Problem: Bislang hat er keine Anhänger. Ein Wunder muss her… / Stilistisch ist diese Story makellos, mit großem sprachlichen Selbstbewustsein vom damals 26-jährigen Kehlmann zu Papier gebracht – und seitdem ist sie mir auch nirgendwo mehr begegnet. Bei Amazon ist das Heftchen nicht verfügbar, allein bei ZVAB gibt es EIN EINZIGES Exemplar, für akzeptable 10 Euro, worauf ich hier kurz hinweisen möchte. Man kann sich nahezu sicher sein, einen kleinen Schatz zu erstehen, der neben die geweißte Ausgabe von Maxim Billers „Esra“ und der ersten Fassung von Maik Brüggemeyers Das „Da-Da-Da-Sein“ passt.

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