Rezension: Unser Kampf

Vor zwei Monaten stellten wir Euch Peter Schneiders ironischen, selbstverliebten, lakonisch verfassten 68er-Rückblick „Rebellion und Wahn“ vor. Faktensicherer ist die ebenfalls 2008 erschienene Studie „Unser Kampf – 1968“ von Götz Aly (Jg. 1947). Die Leküre ist anstrengender. Dafür rempelt sie dutzendfach liebgewonnene Weltbilder an und fragt: „Was haben unsere Eltern wissen können?“

Zum Beispiel über die brutale „Kulturrevolution“ des einst umfeierten, chinesischen Kommunisten Mao, der mehrere Millionen Menschen umbringen, verhungern, verschleppen liess. Weshalb schauten die angeblich kritischen ‘68er weg. Und weshalb haben sie die Aufarbeitung der NS-Zeit mehr behindert denn befördert? „Unser Kampf“ ist das polemische Gegenstück zu Peter Schneiders schaukelstuhliger Besinnungsschau. Der Titel verweist absichtlich auf Adolf Hitlers Hetz-Manifest „Mein Kampf“. Denn Aly erkennt in der ‘68er-Revolte nahezu deckungsgleiche Muster mit der nationalsozialistischen Jugendbewegung um 1933. Dezidiert weist er ähnliche Mobilisierungstechniken, ähnliche politische Utopien und einen gleichermaßen artikulierten „antibürgerlichem Impetus“ nach.

Auch wenn sein „Blick auf die Schnittmenge nicht auf die Gleichsetzung von Rot und Braun“ zielt, so erschrecken die Analogien. Denn sie beweisen, dass Terror immer wieder möglich sein wird, ob von links oder von rechts: Schon Anfang der 30er Jahre stürmten nationalsozialistisch gesinnte Studenten die Hörsäle, besetzen Fakultäten, bedrohten Professoren, kämpften gegen veraltete Strukturen, riefen laut nach Revolution und Moderne. Selbst der genderkorrekte Begriff „Studierende“ stammt aus jener Zeit.

Liest man die Flugblätter der Studenten von 1933 und die von 1968 – sie klingen vielfach gleich. Der Hass gegen die Juden: Nun kam er von der anderen Seite, mit Pali-Tuch, Pro-Arabien, gegen den angeblichen Agressor Israel gerichtet, der widerrechtlich in Palestina eingedrungen sein soll. Jürgen Habermas prägte den Begriff des „Linken Faschismus.“ Unbeschreibliche Scham beim Lesen dieser Seiten. „Unser Kampf – 1968“ provoziert und selbstverständlich möchte man einwenden, dass nach ‘68 allein Kinderläden, RAF und Massenunis folgten, nach ‘33 jedoch Auschwitz, 2. Weltkrieg, Massensterben, und mit der DDR eine neue, deutsche Diktatur. Dennoch: Aly hält keine Waage, sondern ein Skalpell in seinen Händen. Lesen!

Götz Aly: „Unser Kampf – 1968“, Fischer, 254 S., 19,90 Euro

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