In den Feuchtgebieten mit Charlotte Roche

Charlotte Roche hat den Frühsommer ‘08 heiß gemacht. Ihr feministischer Ekelroman „Feuchtgebiete“ bringt gestandene Feuilletonisten ins Schwitzen. Warum nur?

„Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten“, schweinigelt der rosafarbene Klappentext von Charlotte Roches‘ „Feuchtgebiete“. Das Schockierendste ist, dass hier jemand schockieren will – und es mit derart billigen Effekten schafft. Dass es so einfach werden würde, den erzkonservativen, ziemlich verschnarchten Literaturbetrieb aufzumischen, das hätte die 30-jährige Autorin vermutlich nicht für möglich gehalten.

In ihrem großgedruckten und dünn erzählten Roman geht es um Teenager-Sex, Genitalsekrete, Intimhygiene und um versiffte Grillzangen als Masturbationsobjekt. Diese Körpererfahrungen eines pubertierenden Girlies decken sich mit den pornographischen Linklistenangeboten durchschnittlicher Fetischseiten im Internet. Eiter essen ist nicht schön. Analfissuren tun weh. Junge Frauen onanieren. Was ist daran neu? Was ist daran mutig-moderne Literatur? Der kleine, kreuzöde Erzählstrang, in dem Helens Ekelhandlungen mit einem Kindheitstrauma erklärt werden, kratzt die nackten Fakten nicht. In „Feuchtgebiete“ geht es um Sex und Experimente. Was erzählt dieser unbeholfen komponierte Roman, was derbe Barockepen, der schlimme de Sade, Henry Miller und Anais Nin, Michel Houellbecq und Bret Easton Ellis nicht berichten?

„Radikal, drastisch, zart.“ „Propaganda für das Ungewaschen-Sein.“ „Körperpolitik!“ Mit dem „erzählerischen Mittel der Übertreibung“ wird das „Hygienediktat“ der westlichen Welt infrage gestellt, dröhnt es monatelang aus den Feuilletons. „Dieser Roman bedient einen Begriff von Moderne, den man schon fast für vergessen geglaubt hat.“ Ideologisch aufgeladen, theorieüberfrachtet, sprachverdrechselt schwadronieren gestandene Rezensenten über den Pop-Hype des Frühjahrs. Sie bedienen sich journalistischer Mittel, die einem neu entdeckten Kafka-Manuskript würdig wären. Sie reden sich in Rage und doch nur um den heißen Brei, denn sie klammern jeden (also ihre) schlüpfrigen Gedanken aus und heben dieses flott komponierte Machwerk auf absurde Hochliteratur-Etagen. Nur weil keiner sagen will: „Schlecht geschrieben, aber sexy. Punkt! Was soll‘s?“

Schon der Titel „Feuchtgebiete“ spielt mit dem Porno-Genre. Das Strickmuster-Schriftbild ist die ironische Brechung. Charlotte Roche kokettiert, sie sei zu 70 Prozent Helen selbst. Man soll sich die Moderatorin demnach vorstellen, beim Lesen. Was die Literatur nicht transportiert, das wird durch ein lasziv fotografiertes Klappenportrait nachgereicht. Beim Lesefestival lit.Cologne gefiel sich die knapp gekleidetet Autorin auf der Schauspielhausbühne als „agent provocateur“, indem sie sexuelle Gesten nachmachte.

Das hat mit neuem Feminismus nichts gemeinsam, das ist Show. Sind junge Frauen heute tatsächlich einem „Hygienediktat“ unterworfen? Ist Intimrasur Pflicht oder Kür? Dürfen Männer stinken, Frauen nicht? Der Roman gebiert sich als Entdecker und Heiler eines behaupteten gesellschaftlichen Problems, eines bisher nicht entdeckten Tabus. Nur: Wer muss mit „Feuchtgebiete“ befreit werden und woraus? Aus der Hygienefalle? Nie wieder Zähneputzen dank Charlotte? Vielleicht ist „Feuchtgebiete“ nicht nur langweilig, sonder auch visionär?

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