Debit vs. Dada

Zombiewalks vs. Zombiebanken: Was bedeuten die grunzenden Untoten in unseren Straßen, Kinosälen und Timelines? Zu populären Narrativen von Kapitalismus und Kritik, dem Verhältnis von Zombifizierung und Dada, Sklavenhandel, Assassinen und Kanye West. (Gerade erschienen in der Jubiläumsausgabe von agora 42, dem philosophischen Wirtschaftsmagazin.)

Nach „X-Factor“ und „Das Supertalent“ bot VOX diesen Sommer „Deutschland sucht den Start-up-Star“. In der Castingsendung „Die Höhle des Löwen“ stellten Jungunternehmer wie Marvin Metzke (27) und David Hagenkötter (26) ihre Geschäftsidee vor, um Kapital zu sammeln. Die Jury bestand aus wohlhabenden Akteuren des Wirtschaftssystems, von denen der bekannteste Reisunternehmer Vural Öger sein dürfte. Hier wurde mit einem skurrilen Fernsehformat erneut eine Narration gefunden, um nonchalant Ökonomie mit Entertainment zu verbinden, also eine Komplexitätsreduktion herzustellen, die leicht vom Herz ins Hirn gelangt. Ob „Big Boss“ mit Rainer Calmund (seit 2004), die Epiphanie des verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs mit seinen schwarzen Pullovern oder die mannigfaltigen Aktien-Ratings und Firmen-Rankings: populäre Strategien suggerieren seit Jahren, Wirtschaft sei ein ebenso integraler wie allgemein verständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens.

Besonders bizarr sind in diesem Zusammenhang die kurzen ARD-Börsennachrichten. Sie werden im Ersten Deutschen Fernsehen täglich vor der Tagesschau gesendet und erscheinen derart platitüdenhaft, dass sie problemlos mit ihrer gleichsam in der ARD gesendeten Persiflage ausgetauscht werden können: „Damit der Aufschwung endlich auch bei Ihnen ankommt erstelle ich Ihnen gewissermassen als Top-Boni eine Potentialanalyse. Damit auch Ihr persönlicher DAX die 9000-Punkte-Marke übersteigt. Und, darin sind sich alle ernstzunehmenden Opinion-Leader einig – alles ist letztlich reduzierbar auf die Fünf Schritte des Erfolgs, zu deutsch: The five steps of success. Step 1: Nur wer loslässt, hat beide Hände frei. Step 2: Nur lebendiges Kapital ist fröhliches Kapital. Step 3: Die zweite Luft hat den längeren Atem. Step 4: Bleib wie Du bist, nur anders. Step 5: Nützt ja nix.“ (Heinz Strunk 2013 in der NDR-Satiresendung extra3).

Nur wer loslässt, hat beide Hände frei. Der Kapitalismus entert das Entertainmentfeld. Und die ebenfalls zur Popularisierung genötigte Kritik schlägt auf ähnliche Weise zurück. Neben Persiflagen wie jene von Heinz Strunk und leicht zu vermarktenden Camps der Occupy-Bewegung, die dann von Stars wie Rapper Kanye West, Schauspieler Alec Baldwin und U2-Frontmann Bono besucht werden, gehören so genannte Zombiewalks zu einer der avanciertesten Protestformen der Gegenwart.

So kommt man von der Zombiewirtschaft zum Zombiewalk: Was 1932 als PR-Aktion für den Kinofilm „White Zombie“ (mit Bela Lugosi in der Hauptrolle) ersonnen wurde, kehrt jetzt zurück. Im Oktober 2011 wankten als Zombies geschminkte, grunzende Protestler durch die Wall Street. Sie traten ohne Anführer auf, als jeden Freak tolerierende Masse, als die unteren 99% des „American Way of Life“. 99 Prozent! Das deutlich mehr als jener „unintegrierbarer Rest“, den Slavoj Žižek meint. Der „Rest“, das sind 2014 nahezu alle. Jeder kann der Nächste sein, und spätestens seit dem eruptivem Auftauchen besagter Wall-Street-Zombies im Jahr 2014 sind die grunzenden Untoten für jedermann sichtbar, nicht nur für (Horror-)Genrefans. TV-Serien wie „The Walking Dead“ oder Kino-Blockbuster im Stile von „World War Z“ mit Brad Pitt halten den Mainstream besetzt und tauschen ekelerregende Zombies gegen die zuvor beliebten, adelig auftretenden Vampire aus.

Grunzen gegen den Kapitalismus. Das klingt zunächst kurios. Es führt unter anderem zu der Frage, in welcher Beziehung diese fiktive Schauerfigur zu den real Ausgebeuteten des Marktes steht. Denn: Kann Unmut mit Stammeln und Röcheln ernsthaft artikuliert werden? Sind Zombies die Kehrseite von Disziplinierung, Ich-AG und Fitnessmessern, die zur Selbstüberwachung angelegt und mit dem iPhone verbunden werden. Sind sie also eine Antithese von Slogans wie diesem; „Das Nike+ FuelBand SE Gold Edition ist der neueste Style aus der Metaluxe Kollektion. Mit seinem polierten, metallischen Akzenten, die es warm und schimmernd erstrahlen lassen, gibt es dir bereits beim Anlegen das Gefühl, eines deiner Ziele erreicht zu haben. Make every goal golden.“

So viel steht fest: Die Figur des Zombies ist alt und kommt textlich bereits in der Zeit des erblühenden Fernhandels auf. Bereits im Jahr 1697 erscheint der später von Guillaume Appolinaire herausgegebene Kolonialroman „Le zombi du Grand Pérou“. Gerade in Verbindung mit Haiti, westafrikanischen Mythen und dem Sklavenhandel steht der Zombie für eine kolonialchauvinistische Trope, die selbst bei ihrer ersten textlichen Manifestation nicht näher erläutert werden musste. Denn mitnichten ist der Zombie allein verknüpft mit dem Infektiösen, mit einer Leben auslöschenden Pandemie (wie zum Beispiel in den Mega-Blockbustern „28 Days later“ (2002) und „28 Weeks later“ (2007).

Tatsächlich ist der Zombie seit jeher verbunden mit kapitalistischer Ausbeutung, Vodou und der Idee eines ewig verdammten untoten und unchristlichen Wesens, das unter der magischen Macht eines so genannten „bòkò“ steht. Diese weiterhin in Haiti per Gesetz unter Strafe stehende „Zombiefizierung“ funktionierte auf eine äußerst brutale Weise. Der später auszubeutende „zombi“ wurde in einen scheintoten Zustand, in Trance versetzt, dann lebendig begraben, vor seinem tatsächlichen Tod jedoch wieder auf die Erde zurückgeholt und dann als lebender Toter in den Sklavendienst gestellt. Er dachte, längst gestorben zu sein und ordnete, versehen mit neuem „Zombienamen“ seinen Willen dem arbeitsausbeutenden „bòkò“ unter.

Ein Verfahren, das so neu nicht ist – auch wenn es zunächst nicht um Arbeitssklaven ging. Bereits die arabischen Assassinen machten im 11. Jahrhundert arme Teufel mit Haschisch gefügig, stürzten sie in den Scheintod, „erweckten“ sie anschließend wieder zum Leben und setzten die Gefangenen als Selbstmordattentäter gegen Kreuzfahrer ein. So steht die Zombiefizierung eines Menschen seit zirka 1000 Jahren im Verhältnis zu Ausbeutung, Tod und Ermordung (aus den arabischen Haschischrauchern, den Assassinen entwickelten sich die heutigen Holy Assassins der ebenfalls kapitalistisch und religiös depravierten Selbstmordattentäter). Indem seit 2011 eine Menschenmasse gegen ihren (vampirischen) „bòkò“, ihren Glaubensführer, Sklavenherrn oder den Finanzkapitalismus aufbegehrt, wird das ursprünglich chauvinistische Bild des Zombies umgewertet – auch in Deutschland, wo für diesen Herbst Zombiewalks in Leipzig, Lübeck, Essen, Hamburg angekündigt sind.

Genrefilme von den frühen „White Zombie“ bis zu George A Romeros „Night of the Living Dead“ bedienen sich, das wurde früh erkannt, kapitalismuskritischen Assoziationen: der Zombie als Massenmensch. Zombiewalks und die im wirtschaftlichen Feld seit den 1980er Jahren verankerte Metaphorisierung von Zombies rekurriert, auch das wurde gezeigt, auf kreloisch-karibische Mythen zu Zeiten des Sklavenhandels. Gleichzeitig kann die mittels der Figur des Zombies entstandene Popularisierung der Kritik als Antwort auf die Verknüpfung von Entertainment und Kapitalismus gesehen werden.

Bleibt das Grunzen und Stammeln. Woher kommt die Verweigerung einer verständlichen Sprache? ist es Resignation, oder nicht vielmehr Anschluss an eine mitteleuropäische Kunstrichtung, die vor beinahe 100 Jahren antrat, um ebenfalls mit Stammeln gegen gesellschaftliche Normen, Disziplinierung und Obrigkeitsstaat zu protestieren? Zwischen Zombiewalks und dem Dadaismus gibt es Ähnlichkeiten. Hugo Balls rezitierte 1916 auf einer Dadistenveranstaltung die Zeilen „gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori / gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini / gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim“. Diese sind, ebenso wie andere Strategien der Dadaisten nichts anderes als Ablehnung eines kapitalistisch infizierten und am Vorabend des Ersten Weltkrieges zur Propaganda verkommenen Codes. Gegen diesen verkommene Sprache konnten die Walking Deads der späteren Schlachtfelder von Verdun und Somme nur ihr Stammeln, Stöhnen und Ächzen entgegensetzen. Dada ist das „We are the 99 percent!“ avant la lettre. Genützt hat dieses Stammeln freilich: nichts.

Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Ausgabe 1/2014: „Zombies“, Transcript, 120 Seiten, 14,99 Euro / Markus Metz, Georg Seeßlen: „Wir Untote“, Matthes & Seitz, 320 Seiten, 26,90 Euro / Markus Metz, Georg Seeßlen: „Kapitalismus als Spektakel, Suhrkamp, 96 Seiten, 5,99 Euro / Mein Text erschien in einer längeren Fassung in „agora 42 – das philosophische Wirtschaftsmagazin“

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