Schneewittchen remixed

Als Lionel Messi am 18. April 2007 im spanischen Pokalhalbfinale das 2:0 erzielte, schuf er „eine Demonstration der Schönheit der Kopie“. Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de steigt mit diesem Beispiel in seine grandiose „Mashup“-Studie ein. Messi kopierte an jenem Tag das „Tor des Jahrhunderts“ von Maradona aus dem Sommer 1986, indem er im Detail die gleichen Spielzüge anwandte. Das Ganze wird in diesem Buch übertragen auf die elektronische Musik, auf die Remix-Kultur in der modernen Literatur (und weshalb „Axolotl-Roadkill“ nicht als Mashup von Airens Technoroman „Strobo“ gelten kann) und abgerundet mit einem „Plädoyer für einen neuen Begriff des Originals“.

Der großartige Suhrkampband untersucht ganz viele Arten von Mashups und kreativen Kopien: Bei Medikamenten-Generika angefangen (Aspirin vs. ASS von Ratiopharm), bis zum wichtigen Unterschied zwischen dem künstlerischen Wert eines Beatles-Mash-Ups von Diplo und einem handfesten Plagiat wie den abgeschriebenen Stellen von Buchautorin Helene Hegemann. Dirk von Gehlen: „Das schönste Beispiel für ein Mashup ist wahrscheinlich der Begriff Politesse. Weil es nämlich gar nichts mit Musik zu tun hat, sondern eine rein sprachliche Rekombination aus den sprachlichen Begriffen Polizist und Hostesse ist.“

Außerdem ist DJ David Dewaele von „Soulwax“ vertreten, die 2005 mit ihrem Album „Nite Visions“ das Mashup in den Mainstream geholt haben: „Interessant ist, dass Dewaele sagt: Das Mashup hat seine Hochphase eigentlich überschritten, weil es technologisch heute so einfach ist, Lieder zu mixen“, sagt Dirk von Gehlen im Interview. „Er hat deshalb angefangen, seine eigenen Lieder zu rekombinieren.“ Mashup 2.0 sozusagen – und zur rechten Zeit ein kluges, Buch – in dem dann doch alles selbst geschrieben ist.

Laut Dirk von Gehlen ist auch der Disneyfilm „Schneewittchen“ ein Mashup, weil er das deutsche Märchen der Brüder Grimm nimmt, mit anderen Märchen vermischt und dann aus dem Deutschen Volksmärchen ein Disney-Märchen macht – das dann sogar urheberrechtlich geschützt ist: „Deshalb gibt es im Amerikanischen auch den Begriff des Mickey Mouse-Gesetzes, damit beschreibt man, wie das Amerikanische Urheberrecht immer wieder den Bedürfnissen der Rechteverwerter, vor allem Disney, angepasst wird.“  Aus Altem entsteht Neues. Dieses „Mashup“-Buch zeigt sehr smart, warum eine Kopie genauso großartig sein kann, wie das Original – solange nicht plump eins zu eins plagiiert, und wenn der Kopierende auch sagt, woher er sein Sample nimmt. Mit diesem Gruss an Helene Hegemann zurück zu Daniel Kim.

Dirk von Gehlen: „Mashup“, Suhrkamp, 240 Seiten, 15 Euro

 

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