Rezension: Durst nach Schnaps

Mit seinem neuen Roman „Ruß“ schreibt Feridun Zaimoglu eine hartgesottene Ruhrpott-Saga über Bütchensäufer, Schnapsserviererinnen, Ex-Steiger und Absteiger.

Da können Essen, Duisburg, Bochum, Dortmund noch so viele Theaterfestivals, Lesemarathons oder internationale Kunstausstellungen organisieren – das Ruhrgebiet bleibt der Ort von Bergbau, Sprengsirenen, Schwerindustrie, Taubenzüchtern und Trinkhallen. Fünf Millionen Menschen leben im größten Ballungsraum Deutschlands. Doch in deutschen Geschichten tauchen sie eher selten auf. Romane mit dem Schlagwort „Ruhrgebiet“ kommen bei Amazon auf 1131 Veröffentlichungen, „Berlin“ auf 7645. Verglichen mit der jeweiligen Einwohnerzahl kann man sagen – es steht 1:10 zugunsten der Hauptstadt. – Der türkisch-deutsche Bestsellerautor Feridun Zaimoglu hat nun mit „Ruß“ einen Ruhrgebietsroman veröffentlicht, der auf Jahre hinaus zeigen könnte, wie Geschichten über den „Pott“ weit weg von Comedian Frank Goosen oder Suhrkamp-Kollege Ralf Rothmann erzählt werden können. Sein melancholischer Held Renz aus Duisburg arbeitete einst als Krankenhausarzt, bevor seine geliebte Ehefrau im heimischen Wohnzimmer ermordet wurde. Seit der Tat hilft der Frühwitwer in der Trinkhalle seines Schwiegervaters aus. Zweifelhafte Morgengäste wollen mit Alkohol versorgt werden. „Sie riechen nach Schweiß, Schnaps und Durst nach noch mehr Schnaps.“

Einige dieser Kollegen wollen Renz nun für sich vereinnahmen und stacheln ihn an, seine Frau zu rächen. Der Mörder soll dieser Tage aus dem Knast entlassen werden: „Die verarschen uns. Jetzt werfen sie den ganzen Apparat an, damit der Kerl den Weg zur Gesellschaft zurückfindet. Hab dem Wärter gesagt: Und wie findet die tote Frau zurück zum Leben?“ Dabei verkennen die angeblichen Freunde, dass Renz selbst zurück in sein Leben finden muss und dass es sein gutes Recht ist, auf Rache zu verzichten – in dem Fall zugunsten seiner selbstverordneten Maltherapie (Heiligenbilder, in die er die Urnenasche seiner Frau mischt) und einer zart fühlenden Serviererin. Das verstehen die Kumpels nicht: „Kaum weht n Rock vor deiner Nase vergisst du alles und fängst an zu hecheln.“

Es ist eine harte neue Welt – der Ton wie „unter Tage“, nur eben ans Büdchen verlegt, was man auch als „Hölle auf Erden“ bezeichnen kann. Es ist eine verlorene Männergesellschaft. Nichts zu hoffen. Nichts zu tun. Immer mit einem Bein in der Kleinkriminalität. Da ist Renz, der einst strahlende Gott in Weiss ein perfekter Gegensatz zu den kohleschwarzen Typen aus der Grube, aus der Vergangenheit, aus dem dunklen Bau. „Wir sind keine Butterlecker. Wir haben Kohle gefressen“, heisst es in einem der grandiosen Gedichte, die „Ruß“ eine weitere literarische Ebene geben. Oder mit den Worten der Serviererin: „Bist Du besoffen?“ – „Nein, sagte Renz, ich bin in Bochum.“ Nah dran.

Mit seinen 24 halbfiktiven Interviews „Kanak Sprak“ sorgte Feridun Zaimoglu 1995 für einen Aufstand in der Literaturszene. Es war ein bewusst übertriebenes, dauerfluchendes Debüt, das ausländische Minderheiten als neuen Mainstream inszenierte, lange vorm HipHop-Label „Aggro Berlin“ (Sido, B-Tight, Fler) – das jedoch im Gegensatz zu Feridun Zaimoglu keine feuilletonistische Adelung erhielt. Inzwischen ist der 1964 im anatolischen Bolu geborene Schriftsteller eine Art Gralshüter der deutschen Romantik geworden. In großen Epen wie „Leyla“ oder „Liebesbrand“ verbindet er das Wälderrauschen Goethes mit orientalischen Erzählmustern und schreibt Weltliteratur im ureigentlichen Sinne – also über alle Schranken und Grenzen hinweg, im ständigen Austausch mit orientalischen Mythen, alttestamentarischen Szenen, mit urdeutschen Motiven wie Wandern, Liebe, Dunkelheit, große Worte, große Ideen. Wenn er jetzt mit „Ruß“ eine „Ruhrpott-Saga“ hinlegt, ist das gleichzeitig ein Bekenntnis zur deutschen Heimat – ganz unverkrampft – und wirklich faszinierend, originell, durchlesbar.

Feridun Zaimoglu: „Ruß“, KiWi, 268 Seiten, 18,99 Euro

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