Rezension: Ein schönes Leben

Martin Becker wünscht allen „Ein schönes Leben“. Der 1982 geborene Autor präsentiert seine Geschichten über sprechende Hunde, lebens- wie schnapsdurstige Greise, und über skurill unbegabte Handwerker.

Als der griechische Philosoph Heraklit über eine Kleinstadt herfällt, wird es absurd. Für den vorsokratischen Helden eröffnen die Bewohner schnell ein Freudenhaus, nebenan einen „Ort der Kultur“ und am stillgelegten Flughafen tobt plötzlich Leben, „Kleinflugzeug um Kleinflugzeug landet.“ Eine Jazzcombo wird eilig engagiert. „Tatsächlich, denken alle, es liegt etwas Herrschaftliches in der Luft.“ Währenddessen fährt der gelangweilte Odradek ans Meer, weit weg vom Hype. „Er wartet auf das Hochwasser.“ Nachdem Heraklit abgereist ist, werden sprechende Hunde betrunkene Penner anpöbeln: „Was willst du denn eigentlich hier?“ Fragen über Fragen. Diese verdammten Philosophen.

Martin Becker trägt in der ersten Geschichte seines Debütbandes „Ein schönes Leben“ dick auf. Seine Welt ist wirr. Sinn ergibt das Ganze scheinbar nicht. Odradek – hier beginnen die Anspielungen – ist in Franz Kafkas Kurzgeschichte „Die Sorge des Hausvaters“ eine abstrakte, männliche Gestalt, die meistens als „Frage nach einem Sinn“ gedeutet wird. So beißt sich der sprechende Hund in den Schwanz. Gibt es also doch einen Sinn, dahinter, irgendwo?

Auch in den anderen acht Texten spinnt Martin seinen Plot im doppelten Wortsinne, mal mehr, mal weniger verzwirbelt. Ein Liebespaar trifft sich nach einem Jahr. „Wolltest du nicht auf Weltreise?“, fragt sie. „bin nur bis Bad Schandau gekommen“, antwortet er. Danach gehen sie in den Zoo, gerettete Tanzbären schauen, Unsinn reden, und im Supermarkt wird unmotiviert gestreikt. Das letzte Bild der Geschichte besteht aus Krähen, die auf Mülleimern hocken und Müll zupfen. „Krähen. Nichts als Krähen.“ Ein paar Seiten weiter stehen Handwerker vor der Haustür einer Privatwohnung, mit einem riesigen Kaffeeautomat im Schlepptau. „Ich habe keinen Kaffeeautomaten bestellt“, protestiert der Besitzer, „und ich habe auch keine Belegschaft.“ Genau das ist den Handwerkern aber egal: „Sie können hier ja noch ein Büro einrichten.“

Der ganze Kurzgeschichtenband ist wild, die Handlung manchmal schwer nacherzählbar. Aber es macht Spaß, mit einem Helden im alten Opel rumzufahren, „durch die Wälder, hupend, wie ein Irrer. Quer über die Dörfer, so lange, bis er in eines kam, das er nicht mehr kannte.“ Das ist Literatur! Diese Fahrt beschreibt das Grundgefühl aller Geschichten Martin Beckers: Man fährt irgendwohin, wo es unbekannt ist. Der Autor nimmt uns auf der Rückband mit. Der letzte Satz der letzten Geschichte lautet übrigens: „Und verstehe kein einziges Wort.“

Wem die 1LIVE Klubbing-Lesung nicht reicht, der kann auf eine gerade erschienene CD zurückgreifen. Die Titelgeschichte „Ein schönes Leben“ wird hier von Schauspieler Ueli Jäggi (2004 und 2007 gewann er den Deutschen Hörbuchpreis) gelesen, den Vertreter-Text „Gesellschaft“ gibt Raphael Cramer (Weitgereiste könnten ihn vom Schauspielhaus Zürich kennen). Martin Becker, der am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, besteht sein Schreibdiplom hier mit Fleißsternchen und beweist, dass der Umzug vom Sauerland, seiner Heimat, in die weite Welt, inzwischen nach Berlin, lohnenswert war.

Martins Geschichten wirken, näher betrachtet, auch nicht ganz so uferlos wie auf den ersten Seiten. Tatsächlich hangeln sie sich recht gelenkig durch den Metapherndschungel und im verweisreichen „Königskinder“-Text wird es dann doch melacholisch, sittsam, konventionell, wenn der 70-jährige Wilhelm seinen Rentnergram im „Grünen Krug“ wegsäuft, anstatt seine geliebte Gattin mit Lebensend-Sorgen zu belasten. Zum Schluss kommt das klassische (Todes-)Schiff und nimmt sie beide mit. Aus die Maus. Wie im richtigen Leben.

Martin Becker: „Ein schönes Leben“, Luchterhand, 192 Seiten, als E-Book erhältlich für 6,99 und als Taschenbuch bei btb für 8 Euro

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