Rezension: Rühr dich, Kanake!

Jetzt nicht zusammenzucken. Alles gut. Nein, das hier ist kein Skinhead-, auch kein Multikulti-Roman: In „Rühr dich, Kanake!“ erzählt Ibrahim Kepenek vom türkischen Militärdienst.

Auslandstürken müssen einmal in ihrem Leben ins Heimatland zurückkehren und ihren Militärdienst leisten. Üblich sind 15 Monate. Wer 5.000 Euro bezahlt, verkürzt die Kasernenzeit auf lockere drei Wochen. Das Schlimmste, was den Soldaten passieren kann, ist die Toilettenreinigung. Enthaltsamkeit, Strenge und gemeinsame Nächte im 40-Mann-Schlafsaal sind nicht angenehm. Dennoch erinnert der hier geschilderte Trip an 50er-Jahre-Ferienlager. Während die richtigen Wehrdienstler in Kämpfe gegen kurdische Widerstandskämpfer geschickt werden, flanieren die finanzkräftigen Auslandstürken durch den kaserneneigenen Teegarten. Sie entspannen im Dampfbad und ballern ein bisschen mit alten Karabinern aus dem Ersten Weltkrieg rum.

Selbst das Essen ist annehmbar. Ihre Offiziere echauffieren sich hin und wieder, um dem Aufenthalt einen Hauch Authentizität zu geben. „Man erwartet nichts, aber von oberster Stelle ist angeordnet worden, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das Militär will natürlich ein gutes Bild abgeben. Schließlich erzählt jeder von uns seinen Freunden, wie es ihm ergangen ist, und da die Türkei in die Europäische Union will, ist der Regierung daran gelegen, dass wir tendentiell eher Positives berichten.“ Die Leichtausgabe des türkischen Miltärdienstes lässt sehr viel Raum für Gedankenspiele und sparflammig gestellte Grundsatzdiskussionen. „Ich sehe nicht ein, dass Menschen für eine Religion kämpfen, dafür sterben oder töten müssen“, entgegnet Ibrahim Kepenek einem Kameraden, der Kriege im Namen Allahs rechtfertigen will. Was folgt ist nicht der große, zu erwartende Gewaltausbruch zwischen den beiden. „Ich glaube, wir sollten dieses Gespräch beenden“, sagt der Andere nur „und lässt mich ratlos zurück.“

Andere Szene: Ein armenischer Kamerad sitzt im Militärunterricht und muss sich mal wieder einen Vortrag über den angeblich erfundenen Genozid an seinen Landsleuten (1915/16) anhören. Ibrahim Kepenek rät ihm, einfach cool zu bleiben. Manche Menschen könnten sich eben nicht ändern. Ein starker Kommentar. Dieser Genozid gilt als Holocaust-Vorbild. Damals wurde bewiesen, dass ganze Völker vernichtet werden können. Deutsche Nazis haben von dem Verbrechen gelernt. Die türkische Regierung verweigert bis heute eine lückenlose Aufklärung des Armenier-Genozids und spricht von legitimem Widerstand. Schriftsteller, die eine offizielle Entschuldigung fordern, sich des heiklen Themas annehmen (wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk), werden angefeindet, verfolgt, verleumdet. Auch heute.

„Rühr dich, Kanake“ hat nichts mit Kinofilmen wie „NVA“ oder „Kein Bund fürs Leben“ gemeinsam. Es geht ums Eingemachte. Ibrahim Kepenek erinnert sich in der Fremde an die Kindheit in Köln-Mülheim, an Familienanekdoten, an sein Leben als Gastarbeiterkind. Er beschreibt innere Widersprüche einer sogenannten Parallelgesellschaft, die zwischen Anpassungswille, Ehrgeiz und ständig erlebter Intoleranz schwankt. Für Ibrahim Kepenek sind die kulturellen Mauern stetig gewachsen. Dabei spielt es für die so genannten Gastarbeiterkinder keine Rolle, welchen Weg sie einschlagen. Der 1969 geborene Autor Ibrahim Kepenek ist studierter Germanist und Journalist, war VIVA Zwei-Redakteur. Er arbeitet jetzt als Grafiker beim Stern. Trotzdem fühlt sich Ibrahim Kepenek in Deutschland wie ein Fremder. „In den nächsten Jahren wird die Integration eine der wichtigsten innenpolitischen Herausforderungen sein.“

Ibrahim Kepenek: „Rühr dich, Kanake. Drei Wochen Kebab und Kaserne“, KiWi, 224 Seiten 7,95 Euro

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