Rezension: Kuschelsex mit Anspucken

Sex mit dem Ex und eine Gitarristin, die Musik sehen kann – in Fee Katrin Kanzlers erstem Roman „Die Schüchternheit der Pflaume“ geht es um Schlafwandlerinnen, Schneewittchen und Sehnsucht nach dem Verflossenen.

Damit das gleich zu Anfang geklärt ist: Die Pflaume ist durchaus sexuell zu sehen. Nur schüchtern zeigt sie sich eher nicht. Fee Katrin Kanzlers junge Musikerin, die hier den Männern hinterher- und der Musik entgegen schmachtet, ist unersättlich. Sie hat etwas Träumerisches, ist „das Mädchen, das Zitronenschalen im Aschenbecher hinterlässt statt Kippen“. Dennoch nennt sie Sex mit dem „Ficken“-Wort beim eher derben Namen, und kennt für männliche wie weibliche Geschlechtsorgane allerhand wenig schüchterne Begriffe. Nur kann man die kaum aufs Cover schreiben. Das Ereignis dieses Romans besteht genau darin: Dass Kapitel für Kapitel das verknäulte „Leben im Werden“ der Heldin ausgebreitet wird, mit einer Menge „buntflaumiger“ Tage, Litschilimonade, und natürlich „Cellosuiten“ von Johann Sebastian Bach. Doch dann kommt irgendwann der unvermeidliche „Muschelsaft, salziges Aroma, Frauenduft“, die „sprunghafte Quecksilberspalte“. Männer werden beim Soft-SM angespuckt. Der Ex mit seiner Neuen, der Liebhaber mit seinem „Schwanz“ müssen als Masturbationsphantasie herhalten. Und dazu: Gibt es noch mehr Musik.

Zwischen Noise und Trip Hop verorten Kritiker die Band der Gitarristin. Diese wäre zuerst gern berühmt, übt das Berühmt-Sein dann, wenn wieder einer aus dem Publikum Heiratsanträge brüllt. Später geht es nicht mehr ums Berühmt-Werden, sondern ernüchterter darum, „nicht irgendwer“ zu sein. Das eine ist etwas Positives. Berühmt-Sein-Üben beinhaltet Euphorie. Gegen das „Irgendwer-Sein“ anzukämpfen ist dagegen panisch. Man kennt das von Dschungel-Camp-Stars, die sogar Maden essen, um bloß nicht vergessen zu werden. So weit würde diese Heldin auf keinen Fall gehen. Sie holt sich ihre Bestätigung bei wechselnden Männer ab, buhlt weiterhin um ihren Ex, ignoriert burschikos, dass der eine neue Freundin hat, stellt den beiden sogar beim Discosex nach. Sie ist getrieben, umtriebig, lässt sich vom Trieb so sehr lenken, dass die eigene Band, die reale Karriere, ins Hintertreffen geraten.

Üblicherweise verlieren in Romanen Männer die Lebensübersicht, weil sie den Casanova spielen. In „Die Schüchternheit der Pflaume“ kommt es anders. So verlangt es der Trend. Dennoch ist dieses Buch softer als Charlotte Roches‘ „Feuchtgebiete“ oder E. L. James‘ „Shades of Grey“. Bei Fee Katrin Kanzler geht es weder um die Emanzipation vom Waschzwang, noch ums Recht auf Spass am Pornosex. Erotisch ist dieser Roman. Sinnlich kommt seine suchende Heldin daher. Sie ist schräg drauf – aber nicht ganz so abgedreht wie Helen aus „Feuchtgebiete“ oder Ana Steele aus „Shades of Grey“. Das Spiel in Fee Katrin Kanzlers Debüt ist literarischer Art. Die Musikerin kann Töne sehen, ist also noch empfindsamer als ein Seismograph, der im Louvre wacht. Sie kanalisiert so viel Zartheit mit Orgasmen, die sie sich seit Kindergartentagen holt – ihre beste Freundin damals sah aus wie Schneewittchen und tolerierte das unkeusche Treiben. Sie ist mondsüchtig, schlafwandelt, lässt sich also vom Esoterischen anziehen. Würde man dieses Buch jemals verfilmen, Beth Behrs („2 Broke Girls“) müsste die Hauptrolle spielen. So zerbrechlich – und sexuell eindeutig war lange kein Literaturdebüt.

Fee Katrin Kanzler: „Die Schüchternheit der Pflaume“, FVA, 324 Seiten, 19,90 Euro

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