Wir sehen uns „on stage“

Meine Facebook-Freunde offenbaren rührende Leidenschaften. Einstige Kameraden aus der Junioren-Leichtathletikmannschaft des TSV Bayer 04 Leverkusen tragen neuerdings Tracht zum Oktoberfest und besuchen „Bayrische Abende“ in Hürth. Ein Verlagsmitarbeiter  aus Frankfurt kocht jeden Freitagabend ein kleines Aldi-Menü und stellt die Fotografie seines dekorierten Singlegedecks in die Timeline. Ein Ägypter, der vor anderthalb Jahren vom Tahirplatz in Kairo twitterte hat sich postrevolutionär auf sexuell aufgeladene Katzenbilder umgestellt, und eine verehrenswerte, absolut geschmackssichere Literaturrezensentin aus Berlin lässt sich überglücklich mit dem dicken Ex-Fußballprofi Ailton von Werder Bremen ablichten, der mindestens genauso „camp“ ist wie das Luftgitarrenspiel, um das es hier eigentlich gehen soll.

Zum Glück geht es um Luftgitarren, denn von Oktoberfesten, Aldimenues und Katzenerotik verstehe ich noch weniger. Am wenigstens allerdings von Fußball, weil wir Leichtathleten auf der Tartanbahn in Schlebusch mit Neid und Entsetzen dem Training Christoph Daums zugesehen haben, diesen albernen Laufschulversuchen, dem müden Gekicke auf dem gelbem Rasen im Hochsommer. „Schwitzen müssen die wirklich nicht, so lasch wie das ist“, war unsere einhellige Meinung, während wir in Spikes stundenlang Tempoläufe absolvierten. Respekt hatte ich lediglich vor den Mittelgewichtsboxern, die im Liegestütz Bahnrunden pumpten – auf nackten Knöcheln, in sengender Hitze, ganz außen, um uns nicht zu stören. „Ich werde mindestens Meister von Welt und dem Mars“, sagte einer von ihnen nach dem Training in der Umkleidekabine.

Air Guitar Heroes! Die Liste skurriler Leidenschaften meiner zusammengesammelten Facebookfreunde wurde an einem Frühlingsabend erweitert, als der von mir hoch geschätzte Jan Fischer fragte, ob ich ein Nachwort schreiben wolle zu seinem Buch über Menschen, die Gitarren spielen, die nicht da sind, wofür es konsequenterweise ein Honorar geben solle, das auch nicht da ist.

Ich verbuchte die letzte Information als Marginalie, weil ich bis zu jenem Frühlingsabend keine Vorstellung hatte, was ein Nachwort sein solle, also, selbstverständlich kenne ich Nachworte, aber: Was unterscheidet eigentlich ein Nach-, von einem Vorwort? Steht das Nachwort in Konkurrenz zum Vorwort? Soll es mithin die Klammer des vernachworteten Werkes bilden, abrunden gar, hinausführen, sich anlehnen oder abheben von den übrigen Texten? Wer soetwas nicht weiß und dennoch zusagt, hat kein Zeilen-, sondern Fersengeld verdient. Hybris sei mein zweiter Vorname.

Das hier ist ein Versuch, und bevor sich jemand ereifert, ob der Kostenloskultur, die nicht nur im Netz, wie sagt man „ihr Unwesen treibt“ – ich wurde, meiner bibliomanen Sucht Rechnung tragend vorab mit blumenkamp-Belegexemplaren eingedeckt, darunter der knackigen „Sneaker Story“ von Christoph Bieber über den Zweikampf von adidas und Nike, die ich las an einem Nachmittag, der für dieses Nachwort (von dem ich nicht wusste, wie es aussehen sollte) reserviert war. Danach kamen weitere Nachmittage mit noch mehr blumenkamp-Erzeugnissen, weshalb Jan Fischer irgendwann zaghaft nachfragte, wo es denn bliebe, das Nachwort über die Luftgitarrenhelden, sogar „die Franzosen“ hätten inzwischen geliefert, liefern wolle man, ausliefern das Werk im August, es läge nun an mir.

Weshalb ich in meiner Facebookfreundesliste nachschaute, auf den Wiener Arco-Verleger Christoph Haacker stieß, ein tatsächlicher Freund aus der „Ersten Realität“, der seine Steckenpferde nicht mit der Internetgemeinde teilt (er mag springende Hühnerherzen, die in der heißen Pfanne quietschen, Kutteln in allen Variationen, bloß die sauren nicht, abgelaufenen, englischen Käse. Einmal lag auf seiner Küchenablage ein Lammkopf, den er für drei Euro vom Schlachthof mitgenommen hatte, später „mühsam vor der tierliebenden Tochter versteckt“).

Christoph hat bereits viele Nachworte verfasst, zur Exilliteratur, wo es bekanntlich um ein Land geht, das es auch nicht gibt, weshalb ich ihn anrief und mein Anliegen umfangreich schilderte. Allein den Vergleich zwischen Exilliteratur und Luftgitarrenspiel ließ ich unter den Tisch fallen. Es waren die Tage des Stahlhelm-Satzes von DFB-Co-Trainer Hansi Flick, der Juni politisch längst überreizt.

„Ein Vorwort erscheint als Voraussetzung für die Lektüre des Folgenden; es kann, misslingt es, Spaßbremse und Ausstiegsgrund sein“, erklärte mein Verlegerfreund, „ein Nachwort verstehe ich dagegen als ein Angebot nach der Lektüre, das sinnvolle Hintergründe liefert und  zu abermaliger Lektüre mit womöglich anderem Blick anstiften kann.“ Deshalb mein Aufruf schon hier: Lest das Buch ein zweites Mal, es verhält sich mit Air Guitar Heroes nicht anders als mit Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ oder Thomas Manns „Der Zauberberg“, zwei Werken, die laut ihrer Verfasser zweimal zu lesen seien.

Ich behaupte: Bei Air Guitar Heroes weiß der Leser selbst zum Schluss nicht genau, worum es geht, doch muss er nicht nur zweimal lesen, sondern die Form des Buchs selbst verlassen, hinausgehen aus der Deskription, das Internet bietet sich ebenso an wie der Besuch einer Luftgitarrenveranstaltung – im Netz finden sich etliche Termine, und auf YouTube sind nahezu alle Helden dieses Bandes vertreten.

Es lohnt, mitzufiebern bei den teils aberwitzigen 60-Sekunden-Performances, beispielsweise von Flying Finn, einer schlankeren Big Lebowski-Type in gelbem Muscleshirt, der eine White-Trash-Parodie abfeiert, in Bierdosen beisst, seine Luftgitarre ekstatisch hinter dem Rücken weiterspielt, mit heiligem Ernst, dagegen stehend G. Tso Money. Der Asiate mischt seine Heavy Metal-Choreographie mit professionellen Kung Fu-Einlagen, tanzt beinahe Ballett, ein männlicher Pole-Dancer ohne Stange ist er, während Riot Grrrl Rocki Rhoads, sich zur sanfter gespielten Indie-Gitarre bewegt, dabei ihren Traum lebend, „den mir meine Punkrockband in der Schule nicht bieten konnte“.

Dazu kommen Protagonisten, die hier nicht versammelt sind: vollbehaarte, in goldene Leggings gezwängte Typen, die Biester aus ihrem Angestelltenkörper jammen, deren Auftritt heiliger Exzorzismus ist. Es gibt Comedy-Einlagen, Pantomimen, die an fiktiven Effektgeräten drehen, im Hintergrund mal ein geloopter Riff, dann wiederum Mash-Ups, Remixe, Cuts verschiedener Songs, auf der Bühne Kampfgebahren, einerseits Auftritte, die wie Sketche daherkommen, andere hingegen, die an Boxkämpfe erinnern.

Harry-Potter-Star Daniel Radcliffe spielt Luftgitarre während eines Fernsehinterviews, und im lohnenswertenUltrakurzfilm „Air Guitar vs. Air Car“ wird ein Luftgitarre spielender Autofahrer von einem Gitarre spielenden Luft-Autofahrer überholt. – Womit mal wieder bewiesen ist, dass nicht nur die Präsenz zählt, sondern auch die leere Mitte, der blinde Fleck, das unbegehbare Adyton, die Atropie, das Nichts, von dem wir bis heute nicht bestimmt sagen können, ob wir ihm ein Existenz zusprechen können, diesem „Nichts“ auch dann, wenn es nicht auf eine gedachte Gitarre verweist, sondern reines Nichts ist, pure Differenz der Existenz.

Philosophische Fragen sind das, die man nicht beantworten, in deren Bezug allein man leben kann – Air Guitar Heroes wissen, was gemeint ist. Die anderen, die anfangs ahnungslosen Leser (wie ich) ahnen es nach diesem Buch, das ein Anfang sein soll. Die Qualifikationsveranstaltungen für die Luftgitarren-Weltmeisterschaften 2013 laufen bereits. Meldet Euch an. Es wäre schade, wenn in einer Zeit des Menüepornos, der Hürther Oktoberfeste, der Katzenvideos und des Luftgitarrenspiels ausgerechnet letztere Kulturtechnik entbehrt werden würde. Werdet „Air Guitar Heroes“, es ist ein großer Spass. Wir sehen uns „on stage“.

(Nachwort aus: „Ait Guitar Heroes. Vom Spielen der Luftgitarre“, herausgegeben von Jan Fischer, blumenkamp-Verlag, 180 Seiten, 15 Euro)

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