Rezension: Triggerwarnungen

Am heutigen Mittwochabend ab 20:30 Uhr ist Hannah Lühmann Gast in der Deutschlandfunk-„Lesezeit“. Hannah Lühmann, 1987 geboren, ist nach ihrem Philosophiestudium in Berlin und Paris inzwischen stellvertretende Ressortleiterin im Feuilleton von „Welt“ und „Welt am Sonntag“ – und ebenfalls gern gesehener Gast beim feministischen Monatsmagazin „Emma“, wo sie zuletzt unter anderem geschrieben hat über „Babychaos – Babyglück“. Von einem ganz anderen Chaos erzählt ihr Debütroman „Auszeit“. (Das Beitragsbild hat Hannah Lühmann aufgenommen.)

Der Rat an die Studierenden war eindeutig: „Kriegt keine Kinder.“ Das hat Basha Mika, von 1998 bis 2009 Chefredakteurin der taz, während eines Vortrags geraten. Elf Jahre ist das her und im Publikum saß damals Hannah Lühmann, die inzwischen entgegen dieses Ratschlags ein Kind bekommen – und nicht nur eine erfolgreiche Feuilletonkarriere, sondern auch einen ersten Roman hingelegt hat. Im Deutschfunk-Gespräch erinnert sie sich: Das ist ganz interessant, glaube ich, weil ich den Roman tatsächlich auch während meiner Schwangerschaft zu Ende geschrieben habe, also 2020, in denen zum einen ein Lockdown den nächsten jagte und ich zum anderen dann teilweise schon im Mutterschutz war…“

Wie passend ist deshalb der Titel von Hannah Lühmanns Debüt: „Auszeit“. Doch dieser Roman berichtet nicht vom Kinderkriegen, sondern dem entgegengesetzt von den psychischen Folgen einer Abtreibung. Hauptfigur ist Henriette. Sie ist Single, quält sich mit ihrer Dissertation und hat nach der Affäre mit einem verheirateten Mann beschlossen, das Kind abzutreiben. Doch diese Entscheidung hat Narben hinterlassen – und von diesen Narben berichtet der erste Roman von Hannah Lühmann, die einen ästhetisch-biographischen Trick angewendet hat, um den Verlustschmerz ihrer Figur glaubhaft zu machen: „Ich habe, glaube ich, Teile der Vorfreude, die ich auf mein eigenes Kind hatte beim Schreiben übertragen auf Henriette, um mir jemanden vorzustellen, der schon in so einem frühen Stadium der Schwangerschaft solche intensiven Gefühle für ein Kind entwickelt und dadurch auch ihre psychische Fragilität stärker deutlich werden zu lassen.“

Henriette fährt weg, zusammen mit ihrer Freundin Paula, die – ganz Kind des Selbstoptimierungszeitalters – ihr Glück sucht in Yoga und therapeutischer Körperarbeit. Viel wird in diesem Roman geredet, gegrübelt, getrauert und debattiert, An einer Stelle sagt Paula zur unruhigen Henriette: „Es ist doch am Ende einfach, das sind Traumata, du musst sie heilen, dann kannst Du auch wieder glücklich werden.“ Bemerkenswert erscheint, in welch leichtem Ton 2021 das Wort „Trauma“ in den Mund genommen wird – und auf diese Seltsamkeit will „Auszeit“, beziehungsweise Hannah Lühmann, die Autorin, auch hinaus:

„Mich hat in der Figur der Paula vor allem ein bestimmter Typ Frau interessiert, dem man auch immer häufiger begegnet, wenn man sich ein bisschen in diese sogenannte Körperarbeitswelt hineinbegibt, also alles rund um Yoga und bestimmte Massagearten und so weiter. Und diese Art von Paula über Traumata zu reden und über Körper zu reden, ist, glaube ich, eine, die sich in diesen Kreisen sehr durchgesetzt hat. Ich habe versucht, diese Sprache einzufangen, also diese Vorstellung überhaupt, dass ein Trauma im Körper sitzt und man dieses Trauma heilen kann, indem man durch bestimmte Mikrojustierungen, durch Mikronachspürungen, durch bestimmte Arten loszulassen und so weiter, körperlich erstmal was ändert, in der Vorstellung, dass sich das dann durch einen Energiefluss auch aufs Geistige ausübt.“

Auf diese Weise ist „Auszeit“, Hannah Lühmanns Roman über zwei Freundinnen, auch eine Geschichte über die zarten Befindlichkeiten der sogenannten Millennial-Generation, die nach Aussagen der Autorin weniger existentiellen Nöten ausgesetzt ist als beispielsweise die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die aber dennoch gefangen ist in der Vorstellung, dass schon allzumenschliche Erlebnisse traumatisieren können, „wovor man sich auch versucht zu schützen mithilfe von Triggerwarnungen, mithilfe dieser ganzen therapeutischen Sprache, die sich immer mehr etabliert hat“, sagt Lühmann, „ich kann es mir nur erklären als ein Sensiblerwerden unserer Sprache, unserer Gesellschaft, unserer Psyche vielleicht auch, das seine Vorteile hat, das aber auch seine Kehrseite hat in dieser seltsamen Art von therapeutischem Diskurs.

Bezeichnenderweise kämpft Henriette mit einer Dissertation, die sich mit Werwölfen beschäftigt, also mit Wandlungswesen, die zur Veränderung gedrängt werden; so wie das Trauma von Henriette als entwicklungspsychologischer Katalysator erscheint. Hannah Lühmanns Roman zeigt eine Frau, die sich in einer Wandlungssituation befindet, die sich aber verirrt hat – permanent werden ihre Spaziergänge, ihre suchenden Wege beschrieben. Doch es wird, am Ende, eine Lösung geben für die Herzensunruhe dieser Figur, dieser Henriette – auf eine Weise, die alle Leserinnen und Leser staunend zurücklassen wird.

Hannah Lühmann: „Auszeit“, HanserBlau, 176 Seiten, 19 Euro

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