Rezension: „Der Weltreporter“

München leuchtet in Hannes Steins Episodenroman – allerdings als Nachbau am Amazonas. In zwölf Reisen berichtet „Der Weltreporter“ von kandierten Dachsohren, einem Indianerstamm, der Donald Trump verehrt und von einer ausgedachten Pandemie.

Dieses Buch weckt tiefste Sehnsüchte, die genährt worden sind im vergangenen Zeitalter des Easyjetsets. Während die Lockdown-Beschränkungen den überwiegenden Teil der Menschheit zur Zimmerreise verdammen, fliegt ein selbsternannter Weltreporter trotz Pandemie mal in den Urwald, dann ins sonnige Israel, später zu einem Stamm indigener Ureinwohner, die weiterhin Ex-Präsident Donald Trump verehren, und nach Sibirien, wo Thomas Morus’ Utopia Wirklichkeit geworden ist. Es sind zwölf Reisen, erzählt in ebenfalls zwölf Novellen – und schon die erste bedient sich schamlos an einem der bekanntesten Zeugnisse dieser Gattung:

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide.“

Tropische Schmetterlinge statt Gladius Dei

So fängt auch „Gladius Dei“ an, jene Novelle, die der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann vor über hundert Jahren geschrieben hat. Bei Hannes Stein geht die Geschichte jedoch etwas anders weiter, denn: „Bunte tropische Schmetterlinge gaukelten durch die urbane Idylle. Moskitos schwirrten. Ein Papagei ließ sich auf einem Dachfirst nieder, legte den Kopf schief und musterte die Szenerie: Companheiros!, krächzte er. Und nach einer kleinen Pause: Companheiras!“

Diese Reise spielt nicht im Süden, sondern im Amazonas, wo die  verscheuchten Initiatoren der Räterepublik ihre bayrische Hauptstadt nachgebaut haben – finanziert mit den immensen Tantiemen des Bestsellerautors B. Traven. Entstanden ist ein Kleinod, das sich, wie der Roman selbst, einige gestalterische Freiheiten gestattet: „An der Stelle der Feldherrnhalle erhoben sich (wie ein Irrtum, wie eine Fata Morgana, wie eine Retusche im Nachhinein) in ihrer ganzen Walt-Disney-haften Märchenpracht die weißen Türme von Neuschwanstein.“

Der rote Tod

Ausgedacht wurde dieser überhitzte Schabernack vom gerade gehörten Hannes Stein. Nach Büchern wie „Der Komet“ und dem Weltuntergangskrimi „Nach uns die Pinguine“ phantasiert er nun über eine Pandemie, die in näherer Zukunft und seit einer Generation die Zivilisation geißelt, eine Pandemie, die nicht inspiriert ist von Covid-19, sondern rein fiktiv.

„Meine Krankheit ist nicht sehr wissenschaftlich und sie kommt auch nicht aus der Wissenschaft, sondern sie kommt am ehesten aus dieser berühmten Schauergeschichte von Edgar Allan Poe, ‚Der rote Tod’. Was wirklich ganz anders ist in der Pandemie und was ich mir nicht ausgemalt habe, das ist, dass zu einer Pandemie immer dazugehört die Leugnung, dass in jeder Pandemie es Leute gibt, die sagen: ‚Es gibt gar keine Pandemie.’ Das beschreibt der Camus’ exzellent in seiner ‚Pest’, dass am Anfang das Wort ‚Pest’ gar nicht vorkommt und vorkommen darf, weil man es nicht wahrhaben will.“

Kir Royal neugedacht

Sein Buch hat Hannes Stein nach eigener Aussage im Januar des vergangenen Jahres beendet. In „Der Weltreporter“ trifft die charmante Philosophiestudentin Julia den Reportageguru Bodo von Unruh. Sein Name wirkt wie eine Hommage an die Verlegerin Friederike von Unruh aus Helmut Dietls 80er-Jahre-Serie „Kir Royal“.

Bodo von Unruhs Auftreten wiederum changiert zwischen Bunte-Chefredakteur Paul Sahner, Klatschkolumnist Michael Graeter und jenem „Gröraz“, dem „größten Reporter aller Zeiten“, den Thomas Brussig 2004 als Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ gewählt hat. Bodo von Unruh becirct Studentin Julia auf ähnliche Weise, wie einst Scheherazade den finsteren König Schariar aus „Tausendundeiner Nacht“, er will sie mit Worten verführen, an sich binden; und seine Reisereportagen schleichen sich verführerisch ins Ohr der Zuhörenden:

»Tel Aviv wurde offenbar gegründet, um Albert Camus’ Utopie von der méditerranée zu verwirklichen, einer Mittelmeerkultur voller Sonnenlicht, Freiheit und lässig schlendernder Toleranz. Tel Aviv schaut in Richtung Marseille und Barcelona, Tunis und Athen; hier wird geflirtet, getanzt, geliebt – vielleicht einen Grad intensiver als anderswo, denn kein Mensch kann wissen, ob am nächsten Tag nicht vielleicht ein Krieg ausbricht. Oder der Messias kommt.«

Ein Mehlwurmcocktail in Büffelgras

In Tel Aviv trifft Bodo von Unruh auf eine schwarze, lesbische Jüdin im Rollstuhl, die extreme Ansichten über das Verhältnis von Israelis und Palästinensern hat und somit die verwirklichte Utopie Israel ad absurdum führt. Auf diese Weise reiht sich auch dieses Erlebnis passgenau ein in den infizierten Novellenreigen, der politisch inkorrekt ist, aber niemals unappetitlich wird – anders als jenes ebenfalls vorgestellte Gourmetrestaurant, in dem für zehntausende Dollar Kuriositäten serviert werden wie ein Mehlwurmcocktail in Büffelgras und kandierte Dachsohren.

Zwischen Tausendundeiner Nacht, Sindbad, dem Seefahrer und Giovanni Boccaccios Dekameron kann diese Sammlung von Hannes Stein eingeordnet werden. Erzählt wird hier ums Überleben und für das Begehren, märchenhaft und leidenschaftlich wie jene Gemeinschaft, die einst vor der Pest auf ihren Landsitz floh, um die Wirklichkeit zu verdrängen. „Der Weltreporter“ ist das eskapistische Ticket nach Phantasia, die literarische Hoffnung auf eine bessere Welt.

Hannes Stein: „Der Weltreporter. Ein Roman in zwölf Reisen“, Galiani-Verlag, Berlin, 346 Seiten, 22 Euro.

 

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