Rezension: Mitternacht im Kopf

Es gibt „Fifty Shades of Grey“. Salih Jamal hat nun „Das perfekte Grau“ gefunden. Der frühere Selfpublisher veröffentlicht seinen ersten Roman in einem professionellen Verlag, mit einer Geschichte, die inspiriert ist von Dantes „Comedia“.

Seit den Anfängen unserer Literatur reisen Helden durch unwegsames Gelände. Vor mehr als 4000 Jahren suchte der übermütige König Gilgamesh die Pflanze der Unsterblichkeit. 1300 Jahre später verirrte sich der listige Odysseus auf seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. Im Mittelalter zog Ritter Erec zweimal los, bevor sein Herz endlich Ruhe fand. Wenig später schickte der italienische Dichter Dante Alighieri seinen Helden durch die Höllenwelt. Wenn eine Hauptfigur Dante heißt, wie in Salih Jamals aktuellem Roman, gibt es wenig Hoffnung für alle, die sich an die Göttliche Komödie und ihren Anfang erinnern: „Es war in unseres Lebensweges Mitte, / Als ich mich fand in einem dunklen Walde; / Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

Damen mit Kurzhaarfrisuren

So steht es bei Dante – und diese Zeilen lassen sich übertragen auf die Figurenkonstellation in Salih Jamals „Das perfekte Grau“. Der hier ebenfalls in seiner Lebensmitte stehende Dante arbeitet als Hotelhilfe in einem verfallenen Seebad an der Küste Ostdeutschlands.

„Die Seele des Hotels steckte in einem maroden Körper, und mit jeder Schicht Lack, die man auf die abgeschürften und wunden Stellen der Wände oder der Möbel auftrug, mutete dieses Haus wie die Fratzen der verspachtelten und überschminkten Gesichter der alten Damen mit grauen Kurzhaarfrisuren an, die bald begleitet von ihren kleinen Hündchen oder ihren Ehemännern in beigen Windjacken kommen würden.“

Was ist Sub-Stativ?

Die Gefährten Dantes sind: Novelle, getriebenen von in ihr sprechenden Stimmen. Da ist die Britin Mimi, ebenfalls in der Mitte ihres Lebens stehend, die London den Rücken gekehrt hat, um das Andere der Vernunft zu suchen – und da ist Rofu, aus Afrika geflüchtet. Rofu erscheint als pragmatischer, erdig-geerdeter, als basstönender Geck dieses Quartetts. Absichtsvoll missversteht er die deutsche Sprache und verlängert sie ins Heitere. Rofu ist derart bei sich angekommen, dass er sich nicht irritieren lässt von den Korrekturversuchen Dantes, wenn dieser beispielsweise den rechten Gebrauch deutscher Artikel anmahnt:

„’DAS Kabel, DAS Mikrofon und DAS Stativ.’ – ‚Verstehe.’ Er grinste. ‚Alles da.’ – ‚Ich meinte SUBSTANTIV. Und ja, alle Artikel sind da. ‚Oder auch nicht’, murmelte ich noch in mich hinein. – ‘Was ist Sub-Stativ?’”

Die neuen Stadtmusikanten

Salih Jamal stellt seine palästinensische Abstammung väterlicherseits im Klappentext aus, ein stolz artikuliertes Fremdheitsgefühl, das in den vier Figuren seines Romans gespiegelt wird; in Dante, Mimi, Novelle und Rofu, die schnell beschließen, dass sie etwas Besseres als den Tod überall finden und sich deshalb Richtung Süddeutschland aufmachen. Sie haben sehr wenig Geld, stattdessen etliche Sorgen und noch mehr Sehnsucht im Gepäck. Eine dieser Sehnsüchte betrifft Novelle, die von Dante aus der Ferne angehimmelt wird:

„Ich traute mich nicht, sie anzuschauen. Es war, als ob ich ein hauchdünnes Glas berührte. Wir standen einfach nebeneinander, doch ich spürte die Nähe, die sie zuließ, und vielleicht machte sie sogar einen kleinen Schritt auf mich zu. Nach einer Weile fragte ich sie leise: ‚Was ist mit dir?’ Sie schaute zu Boden und flüsterte: ‚In meinem Kopf ist fast immer Mitternacht.’“

Enttäuschung ist die Schwester der Hoffnung

“Das perfekte Grau” zeigt, wie vier am gesellschaftlichen Rand Existierende ihre persönliche Mitte finden in der gemeinschaftlichen Reise, durch Erdbeerfeldfelder, über süddeutsche Seen, wie sich jeder von ihnen näherkommt, zur Selbsterkenntnis findet, umso mehr sie den kühlen, klaren Norden hinter sich lassen. Gezeigt wird, wie sie gemeinsam vorwärtskommen, wie sie gleichzeitig scheitern, jeder auf seine Art und Weise.

„Das war’s. Enttäuschung ist die Schwester der Hoffnung, die Tochter der Sehnsucht und die Mutter der Verzweiflung. Sie ist eine Wunde, die schmerzt, schwer heilt und vielleicht eines Tages vernarbt. Manchmal aber auch nicht. Dann ist sie tödlich.“

Wenn in diesem Frühjahr ein deutschsprachiger Reiseroman erscheint, steht er unweigerlich im gegenwartsliterarischen Bezug zur „Eurotrash“-Tour von Christian Kracht. Im Kofferraum eines teuren Taxis werden bei Kracht eine hyperkomplexe Poetologie, die Spätfolgen des Nationalsozialismus und tonnenweise Distinktionsballast der oberen Zehntausend verstaut.

Spätfolgen geraubten Geldes

Bei Salih Jamal werden hingegen Bustickets entwertet, ein kleiner Kahn losgemacht, die Zweite Bahnklasse gebucht. „Eurotrash“ ist ein Roman der Enge. „Das perfekte Grau“ sucht stürmisch nach dem Weiten, nach realen Möglichkeiten, das rettende Ufer zu erreichen.

Es ist hochinteressant, Kracht und Jamal kontrastierend zu lesen, um die ästhetischen Spätfolgen des geraubten Geldes einerseits, jene des finanziellen Mangels andererseits zu erfahren, den Reichtum des real vollzogenen Lebens, des puren Da-Seins als Mensch in Salih Jamals Debüt, das zeigt, in welcher Weise „Das perfekte Grau“ den Horizont erstrahlen lässt.

Salih Jamal: „Das perfekte Grau“, Septime Verlag, Wien, 240 Seiten, 22,90 Euro. Das Hörbuch, gelesen von Kurt Kühl, ist ebenfalls bei Septime erschienen.

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