Die schönsten Bilderbücher im März

Seit ich in der Jury der „Besten 7“ im Deutschlandfunk mitmachen darf bekomme ich zahlreiche Bilderbücher geschickt – und meine schönsten Exemplare stelle ich nun einmal im Monat hier im „Lesen mit Links“-Blog vor, dieses Mal mit „Das Geheimnis hinter dem Wald“, „Komm kuscheln“, „Krake beim Schneider“ und „Die Dschungelbücher“, meisterhaft illustriert von Gabriel Pacheco.

Nadia Budde, die vom Deutschen Jugendliteraturpreis bis zum Goldenen Spatz alles gewonnen hat, was in hierzulande in ihrer Sparte vergeben werden kann, veröffentlicht mit „Krake beim Schneider“ eine erweiterte Fassung ihrer bereits im ZEIT-Magazin erschienenen Serie „Tiere wie wir“. Dem „Gemischten Doppel“ aus dem SZ-Magazin (hier) ähnlich verbindet sie Schüttelreim mit Bildern, die sich auf amüsante, bei Kleinkindern beliebte Weise nach dem Prinzip „Faultier am Brett – Faultier im Bett“ oder „Schrank, Stuhl und Liege – „Stube der Fliege“ zusammensetzen. Nadia Budde: „Krake beim Schneider“, Peter Hammer Verlag Wuppertal, 48 Seiten, 15 Euro.

Dieses vom Strich her fern an Fritz Koch-Gotha erinnernde („Die Häschenschule“) Buch erzählt in wenigen Sätzen und mit großen, jeweils doppelseitigen Bildern die Geschichte eines Hasenvaters, der mit seinem Sohn einen Turm aus Steinen baut, um über die hohen Wipfel ihres dicht bewachsenen Waldes zu blicken. Das Material tauscht er bei anderen Hasen gegen selbstgebackenes Brot – und erlebt bald eine Überraschung. „Nur wenn wir an die Freiheit und Macht der Gedanken jedes Einzelnen glauben und unserem Instinkt vertrauen, macht kollektives Handeln Sinn“, lautet jener Satz des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der diesem Bilderbuch vorangestellt wird. Es ist bemerkenswert, wie Nadine Robert und Gérard DuBois auf wenigen Seiten ihre Parabel inszenieren, die eine sehr menschlich Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und Kooperation auf der einen, nach Fremdheit, Fernweh und Abenteuer auf der anderen Seite verbindet. Tatkraft und Trauerarbeit (die Hasenmutter ist abwesend, man erfährt nichts über sie) bedingen hier einander, dieses Buch hält Überraschungen bereit. „Das Geheimnis hinter dem Wald“ ist selbst eines, das einige seine Mysterien erst nach dem zweite, dritten Lesen entbirgt. Empfohlen von anderthalb bis sechs Jahren, aber ebenso etwas für erwachsene. Vorleser. / Nadine Robert (Text), Gérard DuBois (Illustration): „Das Geheimnis hinter dem Wald“, aus dem Französischen von Anna Cramer-Klett, Diogenes Verlag, 72 Seiten, 24 Euro.

Zart sind die Töne, grob die Textur des leichtgrundierten Papiers in „Komm kuscheln“, das vom kleinen Kaktus Felipe erzählt, der sich dem befohlenen Stolz seiner Gattung widersetzt – und in den Arm genommen werden will; was für ihn zunächst traurig und für einen gelben Luftballon sogar tödlich endet. Es geht in diesem Bilderbuch um den Widerstreit zwischen kindlichen Gefühlen und erwachsenen Normen. „Komm kuscheln“ ist eine anrührende Entwicklungsgeschichte, die den Eigenwert stärkt, die urmenschliche Sehnsucht nach Resonanz respektiert und, versöhnlich endet. / Simona Ciraolo: „Komm kuscheln“, Bohem Verlag Münster, 32 Seiten, 16,95 Euro.

Bei Pinterest (hier) wird Gabriel Pacheco bezeichnet als „talented Mexican illustrator who creates hazy other worlds of strange beings with subtle colours and textures.“ Dieser befremdlich-düstere Schleier liegt auch auf dem Bilderreigen, den Pacheco angelehnt hat an einzelne Sätze aus Joseph Rudyard Kiplings Dschungelbüchern. Der Urwald ist hier ein undurchdringliches Dickicht, dessen Tiefe sich im vagen Dunst verliert, geradezu als Bedrohung erscheint, mit märchenhaft großen, schillernden Tieren, denen der Mensch lediglich als Schemen begegnet. Die 17 heraustrennbaren Gemälde erfreuen Betrachter, die sich ein wenig auskennen in Kiplings Geschichten, die nämlich an keiner Stelle nacherzählt werden. Die Zivilisation tritt gegenüber der Naturdarstellung zurück – was für Kinder unheimlich wirken mag, aber den blätternden Kunstliebhaber begeistern kann. / Gabriel Pacheco: „Die Dschungelbücher“, herausgegeben von Katharina Große-Hülsewiesche, Bohem Verlag Münster, 36 Seiten, 39,95 Euro.

 

 

 

 

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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