Rezension: Prince of Pershing

Große Duelle warten auf die Leser von Mischa-Sarim Vérollets Roman „Warum ich Angst vor Frauen habe“: Das fängt an bei Matchbox vs. Hot Wheels, über Amiga 500 vs. C64 bis zu Bofrost vs. Eismann. Abwechslungsreich.

Es gab eine Zeit, in der Kinder nicht am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leideten, sondern „höchstens schlecht erzogen waren.“ Der mehrfach ausgezeichnete Poetry-Slam-Poet Mischa-Sarim Vérollet berichtet in seinem autobiographisch gefärbten Roman von (s)einer Jugend, die, Leser seines Debüts erinnern sich, durch Krankheiten en masse beeinflusst war. Es gab unter anderem Röteln, Scharlach, eine Vorhautverengung, Allergien. Das arme Kind. „Krankheiten sind das Einzige, was sich an Schulen noch schneller verbreitet als Musik-Sampler der NPD.“ Und dann ist Klassenkamerad Christian zwar sein bester Freund, „aber ein Idiot.“ In kurzen Episoden leidet man mit, bis der „HIV positiv“-Stempel in der Bennetton-Plakatkampagne die Jugend des Helden mit besonders großem Schockeffekt beendet. – Warum Mischa Angst vor Frauen hat, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aber unendlich viel Selbstbewusstsein hat der Held auf seinem Weg ins Erwachsenenleben nicht mitgenommen. Selbstkritisch stellt er fest, dass auf dem Klassenfoto „damals durch die Bank“ alle aussahen „wie etwas, das die Katze nach einer langen Nacht auf die Fußmatte gelegt hat.“ Beim ersten Grundschuldate steht die umworbene Flamme auf „Hot Wheels“ – doch Mischa besitzt lediglich „Matchbox“-PKW und der kleine Bruder entpuppt sich enttäuschenderweise als „fünf Pfund brüllendes Gehacktes“, bei dem Mischa persönlich nachsehen will, ob alle Babies ein Loch im Schädel haben. Dafür holt er, erfindungsreich war der Junge schon immer, einen Korkenzieher aus der Küche. Anhand solcher Szenen wird schnell klar – sie Geschichten sind allesamt für einen Bühnenauftritt geschrieben, auf den Lacher hin, skurril ausgekleidet, bildhaft komponiert.

„Meistens ist das Schicksal ja vollauf damit beschäftigt, Afrika auszudörren, oder Drogen in Lateinamerika an den Mann zu bringen. Eher selten erinnert es sich seiner Kinder im westlichen Europa, aber dann langt es dafür umso gründlicher zu.“ Am einen Tag erfährt man, dass die heiß geliebten Wrestling-Kämpfe lediglich getürkt sind. An einem anderen wird endgültig klar, dass Extremsport bei einem selbst beim Purzelbaumschlagen anfängt. Dazwischen lassen einen die Eltern „antiautoritär verwahllosen“, der erste Zungenkuss prickelt unspannend wie Batterien, an die man bisher geleckt hat und ein Mixtape aus Benjamin Blümchen-Geschichten hat kaum erotische Durchschlagkraft. Zum Ende bleibt die Erkenntnis: „Alle Kinder spielen Krieg. Selbst die guten.“ Und es macht weniger Spaß, wenn man die eigenen Gutmenschen-Eltern zum Playmobil-Spielzeug mit dem Argument überreden muss, die Indianerwaffen seinen gegen die bösen Cowboyjungs.

Waldorfschulvibes können mächtig nerven. – Mischa-Sarim Vérollet ist persönlich aus der Nummer raus. Seine Kindheit, die 1981 auf Gibraltar begann, liegt hinter ihm und dient seit einigen Jahren als recht einträglicher Steinbruch für Bühnenstories. Zur Jahrtausendwende gehörte er mit seinem Projekt Das Popkombinat zur schriftstellerischen Netzavantgarde Bielefelds, und wurde erstmals einem überregionalen Publikum bekannt, als die Hamburger Band „Kettcar“ seine erste Kurzgeschichte auf ihrer Homepage präsentierte. Im Oktober 2004 gewann er zum ersten Mal einen Poetry Slam. Im Februar 2009 erschien bei Carlsen der Kurzgeschichtenband, „Das Leben ist keine Waldorfschule“ (ausgezeichnet als „Kuriosester Buchtitel 2009“). Mit seinem ersten Roman legt der Lesebühnenheld noch eine Schippe drauf und zeigt – Poetry-Slam kann auch in Deutschland funktionieren. Man muss dafür eben nur einen britischen Staatsbürger wie ihn auf die Bühne bitten.

Mischa-Sarim Vérollet: „Warum ich Angst vor Frauen habe“, Taschenbuch inkl. 44-minütige Live-CD, Carlsen, 222 Seiten, 14,95 Euro

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