God is a DJ, is dead

Gerade ist Hans Nieswandt aus Asien zurückgekehrt, „wo viele Leute nicht mehr wussten, dass auf meinen schwarzen Scheiben, Musik drauf ist, weil sie mir während des Sets ständig die Nadel runtergewischt haben.“

Von Kuriositäten wie diesen erzählt sein gerade erscheinendes Buch „DJ Dionysos – Geschichten aus der Diskowelt“, das, ebenso wie seine vorhergehenden Erinnerungen „plus minus acht“ und „Disko Ramallah“ durch die globalisierte Partywelt führt – in Hanois Hongkong-Techno-Hallen, auf Vuvuzela-WM-Parties in Johannesburg und zum Chill-Out ins Abteil der Transsibirischen Eisenbahn, wo er sich mit einer Boombox die Zeit vertreibt. In Peking hat Nieswandt beim Pre-Opening von Dimitri Hegemanns „Tresor“-Dependance aufgelegt. „Ein ehemaliger Industriestadtteil wird dort  als großer Kunstpark umgebaut, mit Ateliers, Theatern, Clubs – 1000 Leute waren da, Europäer und Asiaten, alle sehr stylisch und wissend.“

Zwei Wochen vorher stand der 46-Jährige im Berliner „Tresor“ hinter den Plattentellern und wurde dafür von seinen Facebook-Freunden nach eigenen Angaben „ziemlich gedisst, weil das so ein Touristenschuppen sei.“ Was er absurd findet, denn „es waren sehr nette Touristen da und Berlins Clubszene lebt doch vor allem wegen dieser vielen sehr netten Touristen, die in die Hauptstadt kommen, um zu feiern.“ Außerdem ist Hans Nieswandt selbst ständiger Tourist. Zwar hat er eine kleine Privat-Residency im Kölner „Café Franck“, wo er einmal im Monat auflegt und seine einstündige Nacht-Radiosendung läuft jeden Mittwoch beim Kölner WDR-Sender 1LIVE. In der übrigen Zeit reist er jedoch mit dem Goethe-Institut durch die Welt, legt im Namen des großen Dichters Platten auf – um mit „Geschichten aus der Diskowelt“ heimzukehren.

Als Vorbereitung auf „DJ Dionysos“ ist Nieswandt allerdings nicht nur weit gereist. Er hat auch eine Menge gelesen, zum Beispiel „Love saves the Day“ von Tim Lawrence, „der die Discogeschichte mit der sozialen Freiheitsbewegung im Amerika der späten 60er Jahre verknüpft“.Dazu kamen etliche Texte des dionysischen Philosophen Friedrich Nietzsche, denn: „Mir war gar nicht bewusst, wie viel Nietzsche zum Thema Tanzen geschrieben hat.“ Das neue Buch, eine bunte Aneinanderreihung durchgefeierter Nächte, ist deshalb vollgepackt mit – unmarkierten – Nietzsche-Zitaten. Im letzten Kapitel wird der fiktive DJ Dionysos, eine Art junges Alter-Ego Nieswandts, eine Platte auflegen, die sich anhört, wie „HP Baxter auf Yogi Tee“ und gelabelt ist als „Da Ghost Of Muzik by The N-man“. Und „The N-man ist selbstverständlich Nietzsche.“

Es geht bei Nieswandt, anders als bei Technoblogger Airen („Strobo“) oder Berghain-Poet Anton Waldt („Auf die Zwölf“) um mehr als um die rauschhafte Abschrift verschwitzter Partynächte. „Mich interessiert die gesamte Kulturgeschichte des Spaßhabens“; sagt Hans Nieswandt. „Da stößt man unweigerlich auf den griechischen Gott Dionysos, der so etwas wie der Schutzpatron des ekstatischen Rituals ist und eben kein Fruchtbarkeitsgott ist. Diese ganze Tanzerei und die Discokultur dient, Dionysos folgend, eben nicht der Fortpflanzung. Es geht stattdessen darum, sich einer Gemeinschaft zu versichern.“

Das ist selbstverständlich bildungsbürgerlich – aber eben weil es so bildungsbürgerlich daherkommt auch ein großer Spaß. „DJ Dionysos“ ist kein Tagebuch, es ist „eine Sitcom auf zwei Ebenen“. Auf der einen Ebene, oder dem realen Haupt-Handlungsstrang, erzählt Nieswand von eigenen DJ-Erlebnissen und wie er versucht, seinen groß angelegten Clubroman zu verfassen, aber durch verschiedene Widrigkeiten daran gehindert wird. „Und dann gibt es eine Sitcom auf der fiktiven Ebene, das ist die Geschichte von DJ Dionysos aus der Provinz, der in der großen Stadt seinen Obi-Wan Kenobi trifft, der ihn in eine Menge Wissen einweiht, gegen den er sich aber auch auflehnt.“ Hans Nieswandt sieht den popkulturellen Ursprung „unserer ganzen DJ- und Trackkultur“  im tanzenden Aufstand von Schwarzen, Schwulen, Hippies, der gesamten Anti-Vietnam-Bewegung in den Sechzigern“. Und wer solche ambitionierten Ideen denkt, kann auch große Romane verfassen. „Ich mag die Idee der Discokultur als Fortsetzung dieser erfolgreichen Befreiungsbewegungen“, sagt er. „DJ Dionysos“ spielt deshalb mit 68er-Anleihen, Götz Aly („Unser Kampf“) taucht ebenso auf wie „DJ Dosenpfand“ Jürgen Trittin von den Grünen.

Dieses Buch entführt sehr lässig in Hanois Hongkong-Techno-Hallen, nimmt einen mit, zu Vuvuzela-WM-Parties in Johannesburg und abschließend zum Chill-Out ins Abteil der Transsibirischen Eisenbahn. Dazu gibt es charmante Illustrationen von Felix Reidenbach, einem alten Freund. „Als ich in den frühen Neunzigern nach Köln kam, um als Spex-Redakteur arbeiten, wollte ich Felix als Rezensenten für ein Janet Jackson-Album gewinnen, weil sich bei der Spex niemand in der Lage sah, so eine Mainstreamplatte zu besprechen“, erinnert sich Hans Nieswandt. Doch Felix Reidenbach winkte ab und bot stattdessen einen regelmäßigen Comic an – „Die Niedlichen“, inzwischen neben den Bildern von Harthorst und Bringmann & Kopetzki bildprägender Techno-Kult.

Da aber Pics und erfundene Worte nicht alles sind, thematisiert „DJ Dionysos“ nebenbei einen aktuellen Diskurs: Der reale, mit schwarzen Vinylplatten auflegende Hans Nieswandt steht im Buch dem fiktiven, am Laptop performenden Nachwuchs gegenüber. Für den alt gedienten DJ sind neue Vinyl-Emulatoren wie „Serato“ oder „Final Scratch“ auch in der Realität ein Gräuel. Hans Nieswandt kann sich an die Zeit erinnern, „als DJs eine Art lahmer Ersatz für Livemusik waren, was sich erst geändert hat, als sie mit den zwei Schallplatten was authentisch Neues schafften, was nicht durch eine Band ersetzt werden konnte. Aktuell ersetzt der Laptop aber nur die Schallplatten, es ist bislang nichts Authentisch Neues daraus entstanden.“ Von diesen beiden Glaubensrichtungen erzählt das sehr romantische „DJ Dionysos“, eine Geschichte aus der Jetzt-Zeit, die sich nach den guten Dingen von Gestern sehnt – und nicht nörgelt, sondern dennoch ruft: „Put your hands up in the air.“ Bis alle schreien, die Partygänger in Hanoi, Kuala Lumpur, Johannesburg – und Bielefeld.

(Hans Nieswandt: „DJ Dionysos – Geschichten aus der Diskowelt“, mit Illustrationen von Felix Reidenbach, KiWi, 202 Seiten, 8,95 Euro)

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