Interview: „Nie ohne ein Glas Bier“

Der Österreicher Werner Kofler hat von 1947 bis 2011 gelebt – und er war ein hochinteressanter, vielstimmiger Vertreter der österreichischen Nachkriegsliteratur. An der Universität Wien wurde nun in dreijähriger Arbeit eine Edition von Koflers Werken erstellt, die seine teilweise vergriffenen Texte wieder verfügbar macht. Ein Interview mit Claudia Dürr, einer der drei Herausgeberinnen (das Beitragsbild zeigt sie am heimischen Schreibtisch – aufgenommen von Patrick Schmierer).

Werner Kofler war ein Außenseiter, dessen Bedeutung dennoch unbestritten ist, einer, der mit Thomas Bernhard verglichen wurde und zugleich ein enges Verhältnis auch zu Deutschland pflegte, was zunächst mit einer kurzen Lesestelle belegt werden soll, aus Koflers Band „Am Schreibtisch“, 1988 erschienen:

„Ich reiste also nach Deutschland, um etwas zu erleben. Andere reisen geschäftlich nach Deutschland, ich hingegen bereise Deutschland aus purer Abenteuerlust. Andere reisen nach Deutschland, um etwas zu erledigen, ich reise, etwas zu erleben, nach Deutschland. Reisen andere, um etwas zu erleben, nach Peking, Anatolien oder Singapore, nach Asunción oder Eritrea, reise ich zu diesem Zweck nach Pirmasens, Unna, Calw. Erlangen, Bergen-Enkheim, Ulm – überall gewesen; Bruchsal, Eschwege, Hof, alles gesehen. Überall gewesen, alles überlebt. Ah, ich war in Dachau, in Bayreuth, mehrmals passierte ich in Passau die Grenze – nie wurde ich niedergeschossen oder in mein Loch zurückgejagt. Immer zurückgekehrt von meinen Deutschlandabenteuern! Nennen Sie mir einen Ort in Deutschland – ich bin da gewesen!“

Claudia Dürr, ist diese Gesamtausgabe auch etwas ist für die deutschen Leser – schließlich gilt der Schriftsteller aufgrund seiner österreichischen Anspielungen als hierzulande eher schwer verständlich. Man kann die Prosa auf jeden Fall genießen, und auch die Musikalität schätzen, wenn man nicht jede Anspielung decodieren kann. Dennoch gab es, unter anderem im deutschen Feuilleton, das Werner Kofler Ende der Achtziger in seiner Höchstphase durchaus wertgeschätzt und positiv besprochen hat, immer wieder die Kritik, er schreibe zu hermetisch – und unser Kommentar will hier durchaus Hintergrundwissen bereitstellen, um regionale Spezifika zu erhellen. Aber man auch Kofler lesen, ohne jede Quelle zu kennen.

Welche Themen hatte dieser Schriftsteller? Koflers Prosa kann definitiv als Wissensspeicher verstanden werden für die virulenten Themen seit den fünfziger bis Ende der neunziger Jahre. Er gilt als Dokumentarist der gesellschaftspolitischen Realität der Zustände nicht nur in Österreich, sondern durchaus auch über Österreich hinaus. Die großen Themen sind Geschichte, und wenn man bei Kofler von Geschichte spricht, dann ist das der Nationalsozialismus, es ist der Umweltschutz, Tourismus, und definitiv auch die Kritik an der Empörungsbewirtschaftung durch Medien, die Zustände in Literatur- und Kulturbetrieb.

Werner Kofler ist häufig sehr derb, beispielsweise wenn er sich an seine Jugend erinnert. Er echauffiert sich gern und wird hier und da mit Thomas Bernhard verglichen. Was haben Bernhard und Kofler gemeinsam – und was unterscheidet sie dann doch? Bernhard war sicherlich eine wichtige Lektüreerfahrung für Werner Kofler. Er bezieht sich sehr häufig in unterschiedlichsten Nuancen und auf unterschiedlichste Art und Weise auf ihn. Er führt ihn weiter. Es gibt satirische Anspielungen, es gibt Protagonisten Bernhards, die bei Kofler auftauchen. Er selber dazu befragt, sagt: Bernhard sei Monotonie, bei ihm eher Polyphonie. – Also, Koflers Prosa ist sehr stimmenreich und sampelt unterschiedliche Stimmen sicherlich auf eine andere Art und Weise, als es Thomas Bernhard gemacht hat. In der Tirade, in der Wut und auch in mancher Österreichbeschimpfung sind sie sich vermutlich ähnlich.

Österreichbeschimpfungen treffen bei Kofler zugleich auf ein Bewusstsein, das sich in seiner ganzen Unzulänglichkeit offenbart, und aus dieser vermeintlichen Unzulänglichkeit heraus in die Wut kippt, wie in diesem Ausschnitt, der ebenfalls aus dem Band „Am Schreibtisch“ stammt: „Vor mir, im Schein meiner Lampe, liegt das Formular; ein Fragebogen zur Erstellung eines Vermögensverzeichnisses. Der Wind rüttelt an den Fenstern. Ich lese: Die verpflichtete Partei wird zu beschwören haben, daß alle Angaben richtig sind. Ich, keiner Partei verpflichtet, als verpflichtete Partei, das ist gut! Was besitzen Sie, lese ich, Besitzen Sie Bargeld? Bargeld, ich? Wertpapiere, Sparbücher, Pfandscheine? Heiße ich Süskind? Schmuck und sonstige Wertsachen, kostbare Möbel, Uhren, Ketten? Heiße ich Konsalik oder Uta Danella?“

Gehen wir von Koflers Schreibtisch nochmal auf Reisen. Der Autor hat weit ausgeführt, welche selbst allerkleinsten Orte Deutschlands er von persönlichen Besuchen her kennt. Was bedeutete dieses Land für Kofler? Also in der spezifischen Stelle, die Sie jetzt anspielen, sitzt ein Erzähler-Ich im Speisewagen und fährt durch Deutschland. Meistens sind es schreibende Erzähler, die Kofler uns näherbringt. Und auf dieser Reise durch Deutschland fährt dieser Erzähler auch durch Orte, in denen es beispielsweise Konzentrationslager gab, die aber eingeflochten sind in Städte ohne diese Konnotation. Hier wird natürlich mit dem Wissen der Leser gespielt. Kann man diese Orte, diese Begriffe noch zuordnen, dekodieren, oder gehen sie unter in einer Art von Unsinnsgeographie, die es bei Kofler auch immer wieder gibt. Ich würde jedenfalls nicht raten, diese Strecke unbedingt als Reiseroute zu nehmen.

Beim Lesen der Gesamtausgabe von Werner Kofler fällt sein Witz auf – während er auf seinen Autorenfotos geradezu grantig ausschaut. Wie muss man sich Kofler vorstellen, der nie ohne ein Glas Bier und einer Zigarette in der Hand gesehen wurde? Kofler hatte schon als junger Autor in Kärnten ein auffälliges Aussehen, würde ich sagen. Er hat das auch inszeniert, zeitweise mit seinem eigenwilligen, auch abgefuckten Dandy-Style. Tatsächlich war er schon eine auffällige Autorenfigur. Als ich als Studentin über ihn gearbeitet habe, hatte ich schon des Öfteren ein ungutes Gefühl, schon am Vormittag anzurufen, wie er jetzt wohl am Telefon abhebt. Ich habe mich tatsächlich mehr mit seinem Werk befasst, als mit seiner Person. Aber es gibt unzählige Anekdoten über ihn als ein durchaus auch zum Grant neigenden Autor.

Claudia Dürr, weshalb haben Sie sich mit Werner Kofler befasst? Es wird ja nicht nur daran liegen, dass er Österreicher ist. Mich hat mit dem Kofler-Virus Wendelin Schmidt-Dengler infiziert zu Studienzeiten, vor allem, weil er dessen – Zitat Schmidt-Dengler: „Hinterfotzige Intertextualitätsmaschine“ hervorgehoben hat in einer Vorlesung, und ich dieses Dekodieren unterschiedlicher Verweise irrsinnig reizvoll fand.

Der von Ihnen gerade angesprochene Wendelin Schmidt-Dengler war bis zu seinem Tod im Jahr 2008 einer der bedeutendsten österreichischen Literatur- und Sprachwissenschaftler. Er war unter anderem Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und Ehrenvorsitzender der Heimito von Doderer-Gesellschaft, und er hat sich auch in Sachen Kofler überaus verdient gemacht. – Claudia Dürr, wie sind Sie Werner Kofler in ihrer dreijährigen Arbeit neu begegnet, seinen Texten, und wie ist diese Gesamtausgabe daraufhin aufgebaut worden? Jedes editorische Unterfangen hat natürlich eine spezifische Zielsetzung. Will man sich nur an die Fach-Community wenden, oder doch an eine breitere Leserschaft? Gerade für so einen Autor, dem man mehr Leserinnen und Leser wünscht ist das durchaus unser Anliegen. Das heißt, wir haben uns für eine kompakte Leseausgabe entschieden, und die mit einem sehr umfangreichen Stellenkommentar angereichert. Für mich war sicherlich in der jetzigen Kofler-Arbeit ein Unterschied zu früheren Studien der Austausch mit meinem Kollegen Wolfgang Straub, weil man einfach unterschiedliche Zugänge zu Wissensbeständen hat und auch erkennt, wie unterschiedlich man liest. Es gab hier viele Entdeckungen, auch philosophischer Natur, Bezüge zur Populärkultur, mit der ich mich zuvor nicht befasst hatte.

Sie haben Einiges unternommen, um Werner Kofler bekannt zu machen, unter anderem über Twitter und Facebook. Gleichzeitig haben Sie Benjamin von Stuckrad-Barre bei einer öffentlichen Internet-Fragerunde auf Kofler angesprochen. Wie hat der „Soloalbum“-Autor reagiert? Also, es gibt eine Stelle in einem Prosatext von Werner Kofler, in dem Benjamin von Stuckrad-Barre vorkommt. Und es scheint, als hätten die beiden sich gekannt, oder als gäbe es hier einen in Worten Koflers „private joke“. Als Benjamin von Stuckrad-Barre dann in einem öffentlichen Chat von seinen Leserinnen und Lesern befragt werden konnte, habe ich ihm die Frage gestellt, ob er Werner Kofler kennt – und Benjamin von Stuckrad-Barre hat dann darauf verwiesen, dass sie wohl irgendwann die selbst Geliebte gehabt hätten, er aber Werner Kofler doch nicht kennt. Und diese Zweideutigkeit zwischen einem Verweis auf eine reale Begebenheit und die Fiktionalisierung, das ist ganz typisch Kofler, weil man ganz selten bei ihm entscheiden kann, ob Dinge tatsächlich so stattgefunden haben, oder nicht. Um mit einem Zitat von Werner Kofler zu sprechen: „Fiktion oder Recherche – wenn Sie darüber nachdenken und zu keinem Ergebnis kommen, haben Sie den Text verstanden.“

Dazu passt auch Werner Koflers Motto zu „Aus der Wildnis. Zwei Fragmente“ von 1980: „Sagt der Leser: Literatur, sagt der Autor: Wirklichkeit; Sagt der Leser: Wirklichkeit, sagt der Autor: Literatur.“ – Es gibt zu der Werner Kofler-Gesamtausgabe erstmalig einen Online-Kommentar (hier), in dem alle 3100 Einträge nachzulesen sind, während der Primärtext nicht einsehbar ist. Was ist das Besondere an dieser Art der Publikation? Es entstehen momentan ja sehr viele digitale Editionen, oder auch wie unsere – Hybrideditionen. Im Zusammenhang mit Gegenwartsliteratur stellt sich die Sachlage natürlich noch einmal anders, weil der Primärtext nicht frei verfügbar ist. Wir haben uns aber entschlossen, den Kommentar online zu stellen, um dadurch einerseits die Lektüre im Buch zu begleiten, man kann sich per Volltextsuche durch die Kommentare klicken, oder sich in unterschiedlichen Kategorien anzeigen lassen etwa: welche NS-Verbrecher kommen im Werk Werner Koflers vor, oder: wie viele Verweise auf Kafka oder auch topographische Angaben. Das heißt, ein Anliegen ist durchaus, nicht nur die Lektüre zu begleiten, sondern auch mit dieser Präsenz im Netz die Denkräume Koflers sichtbar zu machen.

Wenn ich jetzt einsteigen möchte in das Werk von Werner Kofler: womit fange ich an, wenn ich bislang gar nichts von ihm gelesen habe? Der Vorteil einer Literatur wie Werner Koflers sie geschrieben hat ist, dass man sehr gut fast überall einsteigen kann, und sie sich auch passagenweise lesen lässt. Deshalb haben sich auch manche Zitate und Pointen gut geeignet, um – wie Sie vorher angesprochen haben, auch zu twittern oder in Kurzzitaten zu verbreiten. Der Höhepunkt von Koflers Schaffen ist sicher das Triptychon, bei uns der Band zwei; „Am Schreibtisch“, „Hotel Mordschein“, „Der Hirt auf dem Felsen“ – dazu auch unser umfangreichster Kommentar. Das lässt sich sehr gut auch auszugsweise lesen. Ein wahnsinnig schöner Text ist „Mutmaßungen über die Königin der Nacht“, mit sehr vielen Anspielungen auf historische Verbrechen im Zusammenhang mit dem Bau des  Loibltunnels, ebenso auf die Zauberflöte. Aber auch ohne dieses Wissens ist „Mutmaßungen über die Königin der Nacht“ ein sehr musikalisch gebauter, kurzer, sehr schöner Prosatext.

Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub (Herausgeber): „Werner Kofler: Werkausgabe“, Sonderzahl Verlag Wien. Drei Bände im Schuber, 1796 Seiten, 99 Euro

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