Rebellion, Wahn und Blumen auf dem Balkon

Die „Lesen mit Links“-Kritik begann 2007 mit dem Start bei 1LIVE – vorher war der Weg zur Literatur weniger fokussiert: in der Buchhandlung habe ich gearbeitet, ein Germanistikstudium begonnen, beim Arco-Verlag einige wenige Texte korrekturgelesen, in der Westdeutschen Zeitung, in der WAZ und im Magazin Bücher mal hier, mal da über ein Buch geschrieben, selbst veröffentlicht (die Romane „Staring at the Sun“ und „Letzte Tage, jetzt“). 2008 ging es richtig los: Ein Quantenphysik-Krimi, das 68er-Jubiläum und der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion bilden das Jahresarchiv von 2008, als der Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio hieß, die Türkei Ehrengast war auf der Frankfurter Buchmesse und Friederike Mayröcker den Büchnerpreis verliehen bekam.

Russen kennen „weder Russischbrot, noch russisches Ei oder russischen Zupfkuchen.“ Keiner ruft beim Zechen lauthals „Na Sdrowje“. Das wäre polnisch. Diese und andere Grillen hat die junge Autorin Lena Gorelik aus St. Petersburg mitgebracht. Letztes Jahr war sie dort, mit Jost, einem Kumpel, den die russische Verwandtschaft sofort als Ehemann in spe akzeptierte. Ein Missverständnis, eines von vielen. Niemand spuckt tatsächlich über seine Schulter, um böse Flüche abzuwenden, es ist eine rein trockene Lippenbewegung, was Jost freilich nicht wissen kann. Er versteht als Deutscher ebenso wenig, warum man keine Hotdogs vom Straßenstand kauft, oder weshalb Dill in Russland alle anderen Gewürze und „Basilikumbäumchen“ ersetzt. Es bringt nichts, einem Russen zu erklären, an was ein Vegetarier glaubt. „Sie haben es bis heute nicht verstanden.“ Und „sich im Auto anzuschnallen ist die größte Beleidigung, die Sie einem Fahrer antun können.“ Wer zu diesem rasanten, eleganten Buch greift, braucht aber einen Gurt, um vor Lachen nicht vom Stuhl zu kippen. In zwei Stunden beschreibt Gorelik gewohnt stilsicher ihren Blick auf die russische Seele. Und „nachts bricht eine leichte, mystische, silbrige Dämmerung über die Stadt herein.“ Dann wird „Verliebt in Sankt Petersburg“ sogar melancholisch – bis die ersten Stechmücken auf dem Oberschenkel landen. (Lena Gorelik: „Verliebt in Sankt Petersburg“, SchirmerGraf, 176 Seiten, 17,90 Euro)

Der 15-jährige Fergus wird 1846 aus Irland vertrieben und reist über England nach Amerika. Mutig folgt er dabei dem Gesetz aller Träume: Es besagt, „dass man immer in Bewegung bleiben“ muss. Peter Behrens empfiehlt sich als denkbar bester Chronist eines großen Abenteuers. Der 1947 in Montreal geborene Autor besitzt die notwendige Kondition, Schnellkraft und Sprachmacht für sein ambitioniertes Romandebüt. Der mutige Fergus zieht in eine 560-seitige Odyssee, sieht versiffte Armenhäuser, pädophile Bordells, derbe Arbeitsbaracken, fieberverseuchte Schiffe, schmutzige Zockertische, verwanzte Ehebetten. Die kluge, lebenserfahren komponierte Geschichte ist karstig wie ein vereister Winteracker, stilistisch schnörkellos, inhaltlich skandalös. Vergewaltigungen, Morde, Kartenspielertricks und manipulierte Boxkämpfe, Typhustode, Überfälle, Waisenklagen, Entrepreneursbegeisterung und Jammerstunden erinnern, so zusammengestellt, an Sternstunden amerikanischer Erzählkunst. „Das Gesetz der Träume“ ist atemraubend, herzblutdurchtränkt, unterhaltend, spannend, selbst ein opulenter Traum, ein sattes, ockerfarbenes, ebenso durstiges wie durststillendes Ereignis. (Peter Behrens: „Das Gesetz der Träume“, übers. v. Brigitte Walitzek, Schöffling, 560 Seiten, 24,90 Euro)

Nach Spielzeug („Die Blechtrommel“), Tieren („Der Butt“) und Gemüse („Beim Häuten der Zwiebel) folgt nun „Die Box“. Diese alte AGFA-Kamera kann inspirieren, erinnern, erfinden, vorsehen, verhüllen. Sie ist Erzählanlass und Dingsymbol von Günter Grass’ autobiographischem Roman über die Jahre 1959 bis 1995. Es ist ein großes Palaver, in dem sich seine acht Kinder erinnern an Ausflüge und Ausflüchte, an die vielen Romane, die Vati „in der Mache“ hatte, an seine Frauen, Kämpfe und letzten Tänze. Gehalten wird die Box von „Knipsmalmariechen“, der ständigen Portraitistin, vielleicht sogar Geliebten des Nobelpreisträgers: Mit Mariechen fängt die Geschichte „wie ein Märchen“ an. Und es sind ihre Portraits und Panoramen, die Grass tiefenscharf und in selbstverständlich egomanen Schwarz-Weiß-Abstufungen vorlegt. Knipsmalmariechen ist der Text. Aber Grass behält das letzte Wort: unterhaltsam, humorvoll, beinahe weise. (Günter Grass: „Die Box“, Steidl, 220 Seiten, 18 Euro)

Juli Zeh rüttelt in ihrem ersten Krimi konsequent Magen, Hirn und Zwerchfell durcheinander. Natürlich wird das Genre stilgerecht bedient, die intelligente Autorin („Spieltrieb“) hantiert wie immer auf höchsten Niveau mit den Werkzeugen. Die genaue Handlung ist Nebensache. Vom todkranken Kommissar über den skrupellosen Arzt, von mysteriösen Anrufern bis zum entführten Kind ist alles dabei: soweit nichts Neues, das haben „Tatort“ und „Derrick“ auch. Zeh aber bietet etliches mehr, sie ist Zeit-Philosophin, Quantenphysikerin und Rechtsgelehrte in einem. Unfair, dass diese Frau außerdem sarkastisch werden kann: „Statt eines Schleiers, erzählte er den peinlich berührten Gästen, hätte Sebastian seiner Braut eine grüne Lampe aufsetzen sollen. Bei Notausgängen gehöre sich das so.“ (Juli Zeh: „Schilf“, Schöffling & Co, 384 Seiten, 19,90 Euro)

Lolli ist zwölf und lebt in den 80ern. Ihre sexuell indifferente Mama wohnt mit einer Frau zusammen, die lila Latzhosen trägt, ihr Papa lebt in den USA. Lollis Freund küsst „genauso gewissenhaft“ wie er Möhrenbrotkrümel aufpickt. Kein Wunder, dass Lolli bald für den an Novalis erinnernden Autor Anton schwärmt. Aber welchen Wert hat die Liebe, bevor alles im Atomkrieg untergeht? Dieses neongrüne, aber nie oberflächliche Buch ist perfekter Badewannenstoff. (Verena Carl: „Irgendwie, irgendwann“, Eichborn, 300 Seiten, 14,95 Euro)

Margas Freund Mathias „war einfach verschwunden, wie eine Faust verschwindet, wenn man die Hand öffnet.“ Er hat sich in die Geisterbahn gesetzt, ist hinabgefahren und Sekunden später verschollen. Wurde er ermordet? Oder hat er sich aus der Affäre gestohlen? „Es gab keine Leiche. Es gab nur tote Fische, beerdigt in einem Blumentopf auf dem Balkon von der Exfrau des Verschwundenen.“ Der frisch geschiedene Ermittler Robert soll den mysteriösen Fall lösen. Steckt Marga hinter dem Verschwinden ihres Geliebten, oder war eine düstere Macht am Werk? Wieviel Schmerz trägt diese Frau in sich? Robert nähert sich Marga an. Eine zarte Liebesgeschichte entsteht. Sie verhindert, dass „Die Verdächtige“ zum Krimi wird. Und sie verhindert eine viel größere Liebe, die Erfüllung einer tieferen Sehnsucht. Ein rätselhafter, schöner Roman über das Unsicht- und Unsagbare, geschrieben im Bewusstsein, „dass der größte Feind der Wahrheit nicht die Lüge ist, sondern der Irrtum.“ (Judith Kuckart: „Die Verdächtige“, Dumont, 290 Seiten, 19,90 Euro)

„Holm und Thomas haben ein Buch übers Stricken geschrieben“, soll Kollege Sascha Lobo gelästert haben, als „Marke Eigenbau“ erschien. Tatsächlich haben Volkswirt Friebe und Wirtschaftsjournalist Ramge ein gedankenreiches Manufaktur-Manifest verfasst. Begeistert schreiben sie über Unikate, Editionen, kleine Auflagen, über Vermarktungsmöglichkeiten für Hobby-Produkte, über erfindungsreiche Freizeitbastler, die ganze Warenwelten begründen oder bereits begründet haben. Die Windsurfing-Industrie ist im Hobbykeller geboren worden. Es geht um sogenannte Fabbing-Maschinen für daheim, die aus Kunstharz jeden beliebigen Gegenstand bauen. Dafür braucht man lediglich einen 3D-Scanner und 5000 Dollar. Die Preise purzeln bereits. Irgendwann, so die Vision, besitzt jeder seine eigene Kleinstfabrik, produziert unabhängig Energie, bastelt sinnstiftend an seinen Leidenschaften und verkauft seine Unikate direkt im Netz, ohne Großkonzerne, Lohnfron und Marketingterror. Beim Verkaufsportal Etsy.com können User seit vier Jahren Handgemachtes anbieten, für 20 Cent pro Artikel. Jeder darf mitmachen. Aus den kleinsten Dörfern gelangen jetzt allerschönste Dinge in entlegendste Weltwinkel. Jean Pütz und seine „Hobbythek“ sind von gestern. Wer „Marke Eigenbau“ gelesen hat, glaube den Autoren sofort: und packt mit an. (Holm Friebe, Thomas Ramge: „Marke Eigenbau – Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ Campus, 290 Seiten, 19,90 Euro)

Der bucklige Abel liebt Ende der 50er Jahre die Gattin seines beneidenswert attraktiven, doch heimlich schwulen Bruders. Der eine begehrt, was der andere nicht genießen will und bald vergessen haben wird. Im 19. Jahrhundert avanciert ein schwachsinniger Lord zum umworbenen Don Juan, weil er nach jeder Nacht vergisst, was geschehen ist. In der Jetzt-Zeit forscht ein Teenager über die Hintergründe von Mutters Alzheimer-Krankheit. Diese Geschichten verbindet ein Gendeffekt, der gesunde Menschen in ihren besten Jahren handlungsunfähig werden lässt, die Ehen zerstört, von Generation zu Generation Familien traumatisiert, ihnen die Erinnerung raubt. Der 26-jährige Amerikaner Stefan Merrill Block schreibt intelligent und faktenreich über ein ernstes, wichtiges Thema. Seine Ambitionen sind groß, doch leider ergeben die einzelnen Teile kein stimmiges Ganzes. Es gibt hoffnungsvolle, schöne, es gibt ungewöhnliche Momente. Aber es bleiben zu viele Fragen offen. Auch eine an den Verlag: Warum wurde der stimmige Originaltitel „The Story Of Forgetting“ abgeändert zur irreführenden Phrase „Wie ich mich einmal in alles verliebte“? Block ist kein Pop! (Stefan Merrill Block: „Wie ich mich einmal in alles verliebte“, übersetzt von Marcus Ingendaay, Dumont, 350 Seiten, 19,90 Euro)

Die Journalistin und Pop-Plattenauflegerin Merle Hilbk hat ein unterhaltsames Erlebnis-Sachbuch über einige der 3,5 Millionen Russlanddeutschen geschrieben und Vorzeigekandidat Wladimir Kaminer nicht getroffen. Stattdessen besuchte sie deutschrussische Professoren und Discothekenbesitzer, russisch-orthodoxe Gemeinden, die Kölner Synagoge, einen Bardenclub, die „Landsmannschaft der Russen in Deutschland“ und die erste Fußballmannschaft vom TSV Buchen. Dieser kleine Verein schwimmt auf einer Erfolgswelle, weil inzwischen Aussiedler mitspielen dürfen: „Wer integriert, gewinnt.“ Es ist die Geschichte eines engagierten Trainers, die Geschichte einer couragierten Idee, eine Gewinnergeschichte. Den Gegensatz bilden Justizvollzuganstalten, wo russische Knastis Faust auf Faust zusammenhalten und sich an der großspurig auf den Waden ruhenden „Russenhocke“ erkennen, die „allerdings keine Machogeste ist, sondern schlicht der Verhinderung von Blasenentzündungen in einem Land dient, in dem der Boden die längste Zeit des Jahres gefroren ist.“ Deutschlands Klima bleibt für viele frostig, Heimat hin oder her. Das gut recherchierte, allerdings arg Ich-bezogene Buch von Merle  Hilbk ist interessant und an vielen Stellen die Antwort auf die Frage, weshalb eine Bevölkerungsgruppe fremd bleibt, trotz Russendiskos, Wladimir Kaminer und TV-Wiederholungen des 1909 in Riga geborenen Heinz Erhardt. (Merle Hilbk: „Die Chaussee der Enthusiasten“, Aufbau, 290 Seiten, 17,95 Euro)

Während PeterLicht „Ihr lieben 68er, danke für alles – ihr dürft jetzt gehen“, singt, veröffentlichen die alten APO-Helden ihre buchgewordenen „Diaabende von der Revolution“ in angesehenen Publikumsverlagen. Peter Schneider, einstiger Wortführer der deutschen Studentenbewegung (neben Rudi Dutschke), präsentiert mit „Rebellion und Wahn“ einen ironisch gefärbten Rückblick. Das beginnt mit der schönen Szene, wie Schneider und Genossen anno 1967 über die „Machtfrage“ diskutieren und schon einmal Posten für die bald zu gründende Räterepublik verteilen. Für Post, Müll, Verkehr findet sich niemand: zu uninteressant. Und Peter Schneider erkennt später am Bahnhof: „Wer von uns würde imstande sein, all diese Züge zu dirigieren? Etwa der abgebrochene Germanist Hans-Joachim, der nichts als reden konnte? Oder der Theaterwissenschaftler Kajo, der in ewiger Trennung mit seiner Frau lebte und unter Schlaflosigkeit litt?“ Zum Glück haben die 68er erst 30 Jahre später die Republik übernommen, den „Marsch durch die Institutionen“ institutionalisiert. Kurz vor RAF wäre das nichts geworden und Peter Schneider beschreibt unterhaltsam, wie wirr, verblendet, wahn- und machtbesessen das SDS-Treiben ausgesehen hat. Es ist eine späte Erkenntnis, die sich aber niemals altersweise, verächtlich an der eigenen Jugend abarbeitet. „Rebellion und Wahn“ lebt, lebt wirklich. Wenn man dann die geordneten Mensaschlangen an der Uni, die C&A-verkleideten Finanzdienstleister in der inneren Stadt, die bachelorgedrillten Bolognastudenten, wenn man also UNS so anschaut, bleibt nichts als Verwunderung: Warum haben wir eigentlich so viel weniger Spaß? (Peter Schneider: „Rebellion und Wahn. Mein ’68“, KiWi, 364 Seiten, 19,95 Euro)

Wer diesen Text liest, obwohl der Müll entsorgt, die Überweisungen ausgefüllt, das ungenutzte Fitnesstudio-Abo gekündigt werden sollte, der ist ein „Prokrastinierer“. Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig und Star-Blogger Sascha Lobo stellen für alle Aufschieber jetzt den Erst-Hilfe-Koffer bereit. „Dinge geregelt kriegen ist mit heißer Nadel gestrickt, schnell gezimmert, „ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Und doch hat es einen Anfang, ein Ende und dazwischen lässig verfasste Kapitel: „Wir kommen mit vielem nicht zurecht, wollen deshalb aber nicht darauf verzichten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Dieses Buch beweist: Chaos kann produktiv sein. Es braucht dafür Aufputschmittel, Deadlines, ein bisschen Kreativität und viel Schlaf. Die Selbstdisziplin ist dagegen eine Kettensäge: „Man kann mit ihr ganze Wälder voller Bäume fällen, sich aber auch nebenbei ein Bein amputieren.“ (Kathrin Passig, Sascha Lobo: „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“, Rowohlt, 380 Seiten, 19,90 Euro)

Felix „hatte versagt, als sein Bruder ertrunken war, und sich mitleidlos zu seiner Mutter benommen, der am Ende dem Irrsinn Verfallenen“. Vor seiner Hochzeit flüchtete er Hals über Kopf und ließ die Braut sitzen, um sich einem dubiosen Pianisten anzuschließen. Im April ‘33 verschwand der Kommunistenfreund endgültig, für immer. Doch seine chaotische Geschichte bleibt dank dieses Romans unvergessen. Aufgewachsen im dumpfen Ostseestädtchen Freiwalde, Anfang des 20. Jahrhunderts, wankt er mehr schlecht als recht durch eine geistfeindliche, düstere Zeit. Erster Weltkrieg, Kapitulation, die große Depression, Judenhetze und Terror-Propaganda lassen Felix zitternd, ohnmächtig zurück. In seiner schwachen Familie, wo der Schulmeister-Vater vorm Jetzt in schwere Kant-Lektüre flüchtet, der Onkel ein zupackender Nazi, die Mutter eine Irre ist, wird dieser Eckensteher gestoßen, gegängelt, von allen guten Geistern verlassen. Schauderhaft. Der mehrfach prämierte Lyriker Jan Koneffke wagt einen unsentimentalen, geradezu unlyrischen Reportageton. Das ist souverän, schlüssig und gelungen. (Jan Koneffke, „Eine nie vergessene Geschichte“, Dumont, 320 Seiten, 19,90 Euro)

 

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